Sologamie, super

Honjok Junge Koreanerinnen und Koreaner heiraten nicht mehr, entziehen sich Leistungsdruck und alten Rollenbildern. Dafür gibt es sogar einen eigenen Begriff
Sologamie, super

Illustration: der Freitag, Material: Honjok. Die Kunst, allein zu leben

Für viele ist es hart, dass sie auf sich zurückgeworfen werden in der Corona-Pandemie. Sich schlimmstenfalls an unfreiwillige Selbstisolierung gewöhnen müssen. Es ist eine andere Form des Alleinseins als jene, die junge Koreaner und Koreanerinnen immer mehr suchen. Dafür gibt es sogar ein Wort: „Honjok“ ist der südkoreanische Begriff, der definiert, wie man gedeihen kann, während man allein ist.

Honjok tauchte erstmals 2007 als Hashtag junger Koreanerinnen und Koreaner auf, die mit ihrem Leben nicht zufrieden waren. Das Wort entstand aus „hon“, wie „allein“, und „jok“, wie „Stamm“. Einfach ausgedrückt bezeichnet „Honjok“ einen Einpersonenstamm. Der Begriff richtet sich gegen die traditionelle koreanische Vorstellung von Familie und Glück. Er ist die Metapher für den Wunsch, ganz anders zu leben. „Honjokker sind Menschen, die gern allein sind und dabei viel unternehmen, wobei sie Südkoreas gesellschaftliche Werte, die den Bedürfnissen und Wünschen der Gemeinschaft einen höheren Stellenwert einräumen als dem Individuum, eher kritisch sehen“, schreiben Francie Healey und Crystal Tai in ihrem gerade erschienenen Buch Honjok. Die Kunst, allein zu leben. Es liefert eine Erklärung, wogegen sich die Honjokker da eigentlich zur Wehr setzen, soll eine Hymne auf die Schönheit sein, die im Alleinsein liegen kann.

Bitte keine Kinder

Georges Moustaki, der große französische Chansonnier, hatte sie schon 1970 in La Solitude besungen. „Nein, ich fühle mich niemals allein, mit meiner Einsamkeit.“ Für ihn sei sie zur Freundin geworden. So geht es auch jungen Südkoreanern und Südkoreanerinnen. Sie wollen nicht mehr jung heiraten, nur weil es die Generationen vor ihnen so gemacht haben. Kinder müssen die Millennials auch nicht unbedingt haben.

Jeewi Lee, 33, wurde in Seoul geboren und lebt als Künstlerin seit vielen Jahren in Berlin. Wenn sie ihre Familie in Korea besucht, wird sie immer wieder mit dieser anderen Kultur konfrontiert. „Auf der Ehe lastet in Korea ein hoher Druck“, sagt sie. „Die ist von einem sehr konservativen Rollenbild geprägt. Männer sollen ihre ‚Prinzessinnen‘ überraschen, irgendwelche tollen Events organisieren, während von Frauen erwartet wird, dass sie Familienfeste organisieren, auftischen, pflichtbewusste Schwiegertöchter sind. Sie sollen mit der Schwiegermutter zum Friseur gehen.“ Mit diesen Vorstellungen kann sie wenig anfangen.

Diese Traditionen reichen bis in die Zeit des Neokonfuzianismus, der Staatsideologie der Joseon-Dynastie, die von 1392 bis 1910 herrschte (Südkorea wird oft als neokonfuzianische Kultur ähnlich der Chinas, Japans und eines großen Teils Ostasiens bezeichnet). Gemäß dieser Ideologie hatten die Ältesten oft mit Ehrfurcht behandelt zu werden, Kinder hatten kindlich ergeben zu sein, und Frauen blieb nicht viel mehr als die Rolle der fürsorglichen Ehefrau und Mutter.

Im Jahr 2019 lautet die Antwort: #NoMarriage – (keine Heirat). Immer mehr Frauen lehnen nicht nur die Ehe, sondern auch die Mutterschaft ab. Die Geburtenrate Südkoreas zählt mit 95 Kindern pro 100 Frauen bereits zur niedrigsten weltweit. „Kinder sind sehr teuer in Korea“, sagt Jeewi Lee. „Die meisten sollen schon mit drei zum Englisch- oder Musikunterricht. Der Leistungsdruck ist extrem hoch, es gibt diesen Anspruch, wie in New York zu leben – der amerikanische Traum.“ So sollen die jungen Koreaner und Koreanerinnen auf den „koreanischen Traum“ hinarbeiten.

Der ist ein ziemlich materialistischer, verbunden mit überholten Rollenbildern. In den USA waren diese Ziele in den 1950er Jahren ganz groß: fleißig studieren, Abschluss machen, Job ergattern, heiraten, Haus kaufen, Kinder kriegen. „In Korea hören Frauen am Arbeitsplatz oft: Wenn du ein Kind bekommst, bist du gefeuert“, schreibt Michael Hurt, Soziologe und Professor an der Universität Seoul, in einem Vice-Artikel vom Mai 2018 mit dem Titel „Der Tod der Romantik und der Aufstieg des ,Einzelgängers‘ im kollektivistischen Südkorea“. Frauen seien immer schon zur Wahl zwischen Karriere oder Ehe gezwungen worden, schreiben die Autorinnen Francie Healey und Crystal Tai.

Auf dem Youtube-Kanal SOLOdarity versuchen die Koreanerinnen Baeck Ha-na und Jung Se-young, es als die normalste Sache der Welt darzustellen, dass Frauen Single bleiben wollen. Und sie teilen ihre Erfahrungen, was es heißt, als „bi-hon“ zu leben, also jemand, der sich gegen Ehe und Kinder entscheidet. Baeck Ha-na gehört auch dem Netzwerk „Elite without marriage, I am Going Forward“ an– (Elite ohne Ehe, ich gehe nach vorn) –, in dem sich Frauen zu den Themen Heirat, Kinder und Lebensmodelle austauschen sollen. Es sind Südkoreanerinnen, die mehr Unabhängigkeit und Autonomie suchen. Mehr Zeit für sich.

Das kann zum Beispiel bedeuten, dass sie allein ins Kino gehen, eine Kunst, die Pariser wunderbar beherrschen. In Südkorea werden Frauen allerdings komisch angeguckt, wenn sie allein im Restaurant sitzen, auf wen wartet sie nur? Aber diese Single-Trips können durchaus Sinn machen, schreiben die Autorinnen von Honjok. „Allein etwas trinken oder essen zu gehen, kostet nicht nur weniger, sondern spart außerdem Zeit.“ Man müsse nicht einen Freund auf dem Weg abholen und quatschen, sondern könne die gesparte Zeit sich selbst widmen. Das Problem der Zeitknappheit und das ewige Bedürfnis Schritt halten zu wollen, werde nach Feierabend noch verstärkt. Man komme nicht mehr dazu, sich mit sich selbst in Verbindung zu setzen. „Dieser Druck, das Tempo führen dazu, dass man keine Zeit mehr hat, sich einfach so kennenzulernen, im Café, beim Bücherlesen“, sagt Jeewi Lee.

Honjokker sollen sich aber nicht isolieren. Sondern losziehen, sich unter die anderen mischen, auch sie brauchen Interaktionen, Nähe, Austausch.

In der Honjok-Philosophie sollen tiefe Freundschaften die Ehe ersetzen, Leute, die man sich ganz bewusst ausgesucht hat, durch sie könne man auch Einsamkeit überwinden. Weil es eben nicht nur um „socialising“ gehe. Es gehe vor allen Dingen um proklamierte Selbstliebe. „Der vielleicht größte Vorteil ist, dass du dahin gehen und das machen kannst, was du willst, ohne auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht nehmen zu müssen“, so steht es im Buch. Fragt sich nur, was es mit Menschen macht, wenn sie zu viel Zeit haben, sich um sich selbst zu drehen.

Info

Honjok. Die Kunst, allein zu leben Crystal Tai, Francie Healey Clara Henssen (Übers.), Allegria 2020, 160 S., 19,99 €

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 14.11.2020
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

Ausgabe 37/2021

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