„Zu dir!"

Interview Unser Wohnraum wird immer enger. Gibt es noch Gastfreundschaft? Priya Basil weiß es
„Zu dir!"

Illustration: Christian Bobsien für der Freitag, Foto: Suhrkamp Verlag

Zwei Wochen vor der Leipziger Buchmesse findet die große Book Fair in London statt. Priya Basil ist mit ihrem neuen Buch dort eingeladen. Gastfreundschaft heißt es, die besteht für die Autorin vor allem in Essenseinladungen nach Hause. Unweigerlich fragt man sich, wie das noch gehen soll, wenn in großen Städten wie Berlin oder London die Wohnungen immer kleiner werden.

Priya Basil ist in London geboren und wuchs in Nairobi auf. Mit 16 Jahren kam sie in ein Internat in London, ihre Eltern kehrten dann auch nach Großbritannien zurück. Sie spüre bei allen, mit denen sie im Moment rede, eine große Erschöpfung und Unsicherheit, sagt sie am Telefon. Grund? Der Brexit.

der Freitag: Frau Basil, wurden Sie auf Ihrem London-Trip schon zum Essen eingeladen?

Priya Basil: Ja, von meiner Familie. Sie laden immer Leute zu sich nach Hause ein, das ist ihre Art, gesellig zu sein. Vor allem die Älteren fänden es sehr seltsam, stattdessen auszugehen.

In Ihrer Kindheit in Nairobi seien die Türen immer offen gewesen, schreiben Sie in Ihrem Buch über Gastfreundschaft: „Man war rund um die Uhr auf Gäste vorbereitet, alles andere wäre beschämend.“ In Europa verabredet man sich dagegen einen Monat vorher.

Ja, und ich habe das Gefühl, ich müsste Leuten hier erst mal eine SMS schicken, bevor ich sie anrufe. Um nicht aufdringlich zu sein. Es gibt diesen deutschen Begriff: „eine Zumutung“.

Was wäre eine solche?

Wenn jemand spontan vor der Tür steht. Ich lebe in Berlin in einer Baugemeinschaft, da klingelt öfter mal jemand. Es ist seltsam, zu Hause zu sein und nicht zu antworten, es fühlt sich an wie ein kleines Verbrechen.

Sie stammen aus der Upper Middle Class in Kenia. Da gab es genug Platz im Haus und man musste keinen draußen stehen lassen, oder?

Meine Familie lebte lange in Kenia. Wir hatten in Nairobi ein Haus mit einem großen Eingangstor, das von Sicherheitsleuten bewacht wurde. Und wir hatten Haushaltshilfen. Das bedeutet, wahrscheinlich haben andere schon die Tür geöffnet, bevor wir Ja oder Nein sagen konnten.

In manchen westeuropäischen Milieus ist Essen zur Obsession geworden, zum Statussymbol.

In England nennt man diese Leute „foodies“ – es sind Menschen, die immer auf der Suche nach den neuesten Trends sind. Es ist hier eine Lebenshaltung, es ist „cool to be“. Auf der anderen Seite sind in den letzten Jahren die Foodbanks, wie die Tafeln in England heißen, stark gewachsen – parallel dazu gibt es die Wohnungskrise.

Ihre Eltern kehrten Ende der 90er Jahre aus Kenia nach England zurück. Wie wurden sie damals aufgenommen?

Ja, das war 1998. Sie kamen unter anderem, weil mein Vater in Kenia bankrottging. Er war eigentlich Architekt, der ein Hotel gebaut hatte und dann den Riesenfehler machte, es selbst leiten zu wollen. Da meine Familie die britische Staatsbürgerschaft besaß, konnte sie sich auf ein gewisses Maß an Willkommenshilfe verlassen. Tatsächlich waren wir zunächst abhängig vom britischen Staat, bekamen eine subventionierte Wohnung. Ziemlich groß, 80 Quadratmeter. Trotzdem nahm ich damals nie meinen Freund mit nach Hause.

Warum nicht?

Mir war es unangenehm, dass wir in einer Sozialwohnung lebten. Meine Mutter hat dort beinahe auf dieselbe Weise wie in Kenia gekocht, sie schuf ein Zuhause. Aber für mich bedeutete dieser Ort Armut und Erniedrigung. Womöglich sagt das mehr über mich aus als über diese Wohnung. Ich fühle mich beschämt, dass ich so etwas gedacht habe.

Wie man wohnte, bestimmte schon den sozialen Umgang und ob man jemanden nach Hause einlud? Wie war die Stimmung in der britischen Gesellschaft?

Damals, es war in den späten 90er Jahren, konnten die Leute – nach Thatchers Vorgabe „Right to Buy“ (Recht, zu kaufen) – staatliche Wohnungen, in denen sie lebten, zu reduzierten Preisen kaufen. Damals wurden sogar die Sozialwohnungen privatisiert.

Für die Briten ist Wohneigentum etwas Existenzielles. Jeder sollte es sich leisten können?

Ja, aber dadurch kam es zur Wohnungskrise, weil viele Spekulanten diese Häuser über seltsame Transaktionsdeals kauften und die Preise stiegen, während die nächsten Regierungen aufhörten, mehr Sozialwohnungen zu bauen. Der Bestand an Häusern, die sich Leute, die es brauchten, für einen geringeren Preis kaufen konnten, nahm ab. Eine der neueren Entwicklungen in London ist die Umwandlung von Büroblöcken in Wohnungen, sogenannte „micro-flats“, die kleinsten Apartments mit einer Fläche von 13 Quadratmetern. Manche von denen haben nicht mal Fenster, nur ein Oberlicht. Die Preise variieren, aber dass sie eher teuer sind, darauf kann man sich verlassen.

Solche Apartments entstehen mehr und mehr auch in Berlin. Diese Enge verändert die Idee von einem wirklichen Zuhause. Und vom gemeinsamen Essen.

Ja, von einem eigenen Raum. Und sie verstößt gegen die britischen Wohnungsstandards, das Minimum liegt bei etwa 30 Quadratmetern. Aber weil die Lage gerade so verzweifelt ist, wurde es erlaubt.

Wer wohnt in solchen Kammern?

Die meisten Leute sind entweder auf staatliche Unterstützung angewiesen, oder sie kaufen solche Wohnungen als Investition. Manche Immobilienagenturen werben für „Wohnungen im Taschenformat“. Das mag für einige Leute interessant sein, die minimalistisch leben wollen. Aber die meisten haben keine Wahl.

Stirbt die Gastfreundschaft, wenn man niemanden mehr zu sich einladen kann?

Diese kleinen Räume sind schon für die Menschen, die in ihnen hausen müssen, kaum gastfreundlich. Viele Leute leiden psychologisch an einer solchen Enge. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dann die Einladung an andere, in diese kleinen Räume zu kommen, eine echte Aussicht hat. Die Art, wie wir miteinander umgehen, verändert sich durch den Platz, die Räume, die wir haben. Sie verändert auch unsere Privatsphäre, unsere Beziehungen.

Priya Basil ist eine britisch-indische Schriftstellerin. Sie wurde in London geboren und wuchs in Kenia auf, studierte Englische Literatur in Bristol und lebt seit mehr als zehn Jahren in Berlin. Ihre Romane wurden für zahlreiche Preise nominiert. Sie schreibt regelmäßig für Lettre International. Basil ist Mitbegründerin von Authors for Peace. Gastfreundschaft wurde aus dem Englischen übersetzt und erschien im März (Suhrkamp, 134 S., 14 €)

Man trifft sich also eher draußen im Pub?

Vielleicht, wenn man es sich leisten kann. Wer so eine kleine Wohnung kauft, der hat Geld und kann häufiger ins Restaurant gehen. Mehr als ein Viertel der Briten zwischen 19 und 30 Jahren leben allerdings bei ihren Eltern, weil sie es sich nicht leisten können, auszuziehen. Es waren noch nie so viele wie jetzt. Um dich zu treffen, musst du das Haus verlassen. Oder deine Eltern einbinden.

Wie war das bei Ihnen?

Bin ich jetzt in London, bleibe ich bei meiner Mutter. Und wenn ich Freunde daheim treffen will, ist meine Mutter Teil des Abends. Ich würde sie ja niemals wegschicken.

In der Gastfreundschaft spiegelt sich also die Klassengesellschaft?

In einem gewissen Umfang ja. In so engen Räumen ändert sich die Gastfreundschaft – nicht immer notwendigerweise auf eine schlechte Art.

Sie kamen 2007 nach Berlin: Was waren Ihre ersten Eindrücke, fühlten Sie sich willkommen?

Als ich in Deutschland ankam, da sprach ich nur Englisch, aber die Leute akzeptierten das. Auch das ist Teil der Gastfreundschaft. Ich konnte Geschichten erzählen, sie hörten zu oder luden mich ein, am intellektuellen Diskurs teilzunehmen. Aber ich weiß, dass ich aus einer privilegierten Position heraus spreche, ich hatte einen britischen Pass, Englisch ist eine verbreitete Sprache. Ein Teil der Gastfreundschaft beinhaltet ja auch die Frage: Wie teilst du unverdiente Privilegien?

In Ihrem Buch werfen Sie zudem philosophische Blicke auf Gastfreundschaft – die alten Griechen, Kant und Derrida, der sich fragte: Wie geht man mit Leuten um, die man gar nicht eingeladen hat?

Derridas These von der „bedingungslosen Gastfreundschaft“ ist wahrscheinlich die stärkste Idee, die mir je in meinem Leben begegnet ist, und die destabilisierendste:

Diese Frage, wie man es schafft, (ethisch) zu leben, ohne jemanden auszuschließen, die beschäftigt mich sehr, weil es unmöglich erscheint. Ich war schon immer ein Mensch, der sich frei und leicht zwischen Ländern und Kulturen bewegen konnte, anders als viele andere.

Gibt es dennoch jemanden, den Sie niemals einladen würden?

Sag niemals „nie“! Aber ich versuche, wirklich offen zu sein. Theoretisch. Klar, wenn es klingelt, lässt man nicht automatisch jeden rein. Aber ich möchte nicht im Voraus entscheiden, wer willkommen ist und wer nicht.

Da sind Brexiters in Ihrer eigenen Familie. Fiel es Ihnen schwer, die freundlich zu empfangen?

Ja, man muss das irgendwie verstehen, warum sie so gewählt haben. Das war für mich eine große Herausforderung. Der Onkel, der für den Brexit stimmte, kam nach London, um uns kurz nach der Wahl zu besuchen. Ich war verärgert und fragte ihn: „Wie konntest du das nur tun?“ Er redete dann von Migranten, die uns überrennen würden.

Er war selber Migrant.

Ja, er flüchtete aus Uganda, vor Idi Amin, wie mein Vater. Ich versuchte freundlich, Gegenargumente zu liefern. Es half nicht. Als ich ihn Anfang dieses Jahres wiedersah, da ging es wieder los: Es sei alles Junckers Schuld, die der EU. Ich verteidigte die EU und spürte, wie ich innerlich dichtmachte.

Fronten statt Beisammensein.

Ja, wir tappen in diese Falle, wenn wir jemanden treffen, mit dem wir nicht übereinstimmen. Wir glauben, seine Meinung ändern zu können, ihm beweisen zu können, dass er irrt. Aber Gastfreundschaft führt nicht immer zu Harmonie.

06:00 28.03.2019
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

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