Auf dem Sofa

Psychostress Der Kieler "Tatort: Borowski und die heile Welt" erweist sich als etwas zäher Grundkurs in Psychologie, der mit Kameraengagement und Musiküberfrachtung aufgemotzt wird

Den Kommissar, die bedeutendste Krimiserie im deutschen Fernsehen (nächste Wiederholung erst am 10. Mai auf 3sat: "Schwester Ignatia"), schauen wir auch deshalb so gern, weil meistens schon am Ende des Vorspanns, wenn die dynamische Titelmusik von Herbert Jarczyk auslautet, irgendwo eine Leiche herumliegt, bevorzugt im Park oder am Isar-Ufer. Es geht gleich zur Sache.

In diesem Sinne ist der Kieler Tatort: Borowski und die heile Welt zu loben – wenig Federlesen, keine lange Vorgeschichte: ein kurzer Streit zwischen den Eheleuten und Restaurantbesitzern Thies und Nadine Nowak, über den Tochter Michelle ausbüxt; schließlich wird sie tot aufgefunden. Der zügige Einstieg ins Ermittlungsgeschehen hat leider den Nachteil, dass viel Zeit für die Ermittlungen übrig bleibt – und das gestaltet sich etwas zäh. Wie ein Eingeständnis der eigenen Langatmigkeit wirkt jene Erinnerungswolke aus den Fetzen der Recherchen, die Kommissar Borowski eine Viertelstunde vor Schluss umgibt. Künstlerisch symbolisiert diese Wolke den Hang zum Übersinnlich-Traumverlorenen, der die Folge prägt: Mutter Nadine tastet sich am Ende, als sie nicht mehr ein noch aus weiß, im wackeligen Weitwinkel gen Balkontür, auch sonst wummst es und dräut es mitunter effektvoll. Es ist schön für den Tatort, wenn das Budget für mehr als einen Kamerakran reicht, und so reizvoll Kiel sich auch abfilmen lässt – irgendwann wünscht man sich doch, die Kamera würde einmal nicht alles und jeden so ungeheuer beflissen umkreisen. Die Musik, die beim Tatort selten überzeugt, spielt in dieser Folge leider eine Hauptrolle. Man sieht daran sehr schön, wie bei der Inszenierung gespart werden kann, wenn sich am Ende überall akustische Soße drüber kippen lässt, die dann schon für ein bisschen Geschmacksgefühl sorgt.

Uns jedenfalls ist die Zunge noch taub. Der rasche Einstieg verknappt die Zahl der Verdächtigen, zumal die Eltern, sollte man meinen, qua Natur über ein Alibi verfügen. Deshalb kann der Akzent der Films kaum auf den Ermittlungen liegen, sondern muss zwangsläufig ins Psychologische hinübergleiten. Zumal der Kieler Tatort einer ist, in dem die Assistentin nicht auch Kommissarin, noch Krimiautorin, sondern Psychologin ist. Das färbt natürlich ab auf unseren Blick auf das Geschehen: Wenn Borowski von der – eine Nebenhandlung – bevorstehenden Abwanderung der Psychologin-Kollegin in die Schweiz hört (der Werber ist eine schrecklich schmierige Gestalt, und der Blick von Frieda Jung aufs Wasser lässt wissen, dass ihr Kiel durch kein Geld der Welt am Vierwaldstättersee ersetzt werden kann – wieso eigentlich nicht?), spielt er mit zwei Steinen auf dem Tisch des Chefs, die er – upps – voneinander entfernt. Darin erkennen wir, vom Tatort selbst auf Küchenpsychologen getrimmt, eine Metapher.
Es gibt bekanntlich viele Bewunderer von Maren Eggert als Frieda Jung. Wir gehören nicht dazu, worin uns diese Folge bestärkt: das unterkühlte Flirten mit Axel Milbergs Borowski hat sich erschöpft, die immerfort uneingestandene Zuneigung geht nur noch auf die Nerven. Außerdem muss Maren Eggert dauernd Sätze sagen, die wie Karikaturen von Krimidrehbuchzeilen klingen: „Sie ist regressiv und flüchtet vor der Wirklichkeit.“ Besonders schlimm ist es in der Szene, nachdem sie ihren gutdotierten Schweizer Arbeitsvertrag in den Papierkorb geschmissen hat und zum Zeichen ihrer Rückkehr ins Team gleich mit einer äußerst verschwurbelten Expertise aufwartet.

Dem Fall tut es auch nicht gut, dass letztlich alles ins Reich des Psychologisierung delegiert wird und die Täterin als Krankheitsfall erscheint. Aber vielleicht kann man das Thema danach gut bei Anne Will diskutieren. Zu loben ist Fabian Hinrichs (Thies Nowak), der einmal mehr sein Potential als Act-alike von Christoph Schlingensief andeutet.

FORDERUNGEN, DIE ÖFTER GESTELLT WERDEN SOLLTEN: „Thies, du musst endlich was gegen diese Vögel tun.“

EINE ZU UNRECHT SELTEN, ABER HIER GEWÜRDIGTE PRAXIS: Frühschwimmen

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Geschrieben von

Matthias Dell

Filmverantwortlicher

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