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Tatort Strickanleitung zur Grobmaschigkeit: Der Leipziger "Tatort: Todesbilder" als teure Schultheateraufführung - man ist schon zufrieden, wenn sie überhaupt stattfindet

Der Erfolg des Tatort ist zugleich sein Fluch. Weil jede Woche geguckt wird, entwickelt der Zuschauer zwangsläufig ein Spezialistentum, das auch in den hier gepflegten Diskussionen Niederschlag findet. Anders gesagt: Der Städtebewohner, der jede Woche landwirtschaftliche Produktionsbetriebe besichtigt, wird irgendwann die Kuh vom Pferd unterscheiden können.

Vor diesem Hintergrund ließe sich über den Leipziger Tatort: Todesbilder urteilen: Ein toller Film für all jene Menschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben vor dem Fernsehapparat bewegten Bildern in Form eines Kriminalfalls zugeschaut haben. Für den Teil der Zuschauer, der dagegen schon weiß, dass es auf Fernbedienungen einen Knopf für den Videotext oder die Regulierung der Lautstärke gibt, ist das neueste Kapitel aus dem stolzen Lipsia eher nicht so.

Um das, was einem mit dieser Leipziger Folge geschehen ist, muss an Zeiten erinnert werden, da man die Senioren, die noch versonnen auf der Parkbank abhängen konnten, als rüstig bezeichnete, also lange bevor Best Ager ein Ruhestandsprogramm durchzogen, das sich an den Agenden von Top-Managern orientierte (Halbmarathon, Dauer Urlaubing, Enkelbesichtigung, Univorlesung, Nordic Walking, Silver Surfing). In diesen Zeiten hätte man von Todesbilder als klassischem Rentner-Tatort sprechen können – er kann halt nicht mehr so schnell. Schnute Saalfeld (Simone Thomalla) und Sono Keppler (Martin Wuttke) ermitteln in einem Tempo, das nicht nur für Zeitgenossen, die in diesen neoliberalen Bewerbungsgesprächen auf die tricky Frage nach den eigenen Schwächen immer totalclever "Ungeduld" antworten, arg schlurfig ist. Und mit einer Technik, die allen Regeln von Vernunft und Instinkt widerspricht. Die ganze Zeit darf dieser Tatort Nächstliegendes nicht tun, damit der Fall erst nach 90 Minuten gelöst werden kann.

Alibi als Alibi

Der mühsame Ex-Lover von Saalfeld mit dem tollen Namen Roman Rustaveli (Merab Ninidze) etwa, der von Beginn an mit seinem Fotoapparat an den Schauplätzen des Grauens rumfuchtelt und um Verdächtigkeit wirbt, der außerdem so krass zerrissen ist zwischen den beiden Schulen seines Lebens, der georgischen und der deutschen, dass er nicht nur Schnute Saalfeld verlassen musste, sondern auch noch zu einem der berühmtesten unbekannten Kriegsfotografen aller Zeiten zu werden, dieser Mann des Traumas also, wird erst kurz vor Schluss nach seinem Alibi gefragt. So kann man sich die Verdächtigen auch warm halten.

Ein Rentner-Tatort ist naturgemäß nichts, was den Topcheckern unter den Täterratern Furcht einflößen würde. Selbst weniger wache Gemüter können in Todesbilder das kleine Einmaleins des Spannungsthrills im Unterdurchschnitts-Tatort lernen: Rusta scheidet aus, weil er der erste Verdächtige ist. Onkel Hotte Baumann, der Fahrschullehrerpäderast, ebenfalls, weil er schon nach einer halben Stunde mit Fotoapparat so in Szene gesetzt wird (der Schnitt), als führte auf dem Weg zur Täterschaft kein Weg an ihm vorbei – und zudem mit Peter Kremer als prominentestem Gaststar besetzt ist. Bleibt als später Joker der Layouter Klaus Mohr (Andrej Kaminsky), den der hochgradig schnepfige Chefredakteur vom Lokalblatt ("Unsere Konferenz ist auch dringend") ins Spiel bringt mit der scheinbar beiläufigen Bemerkung: "Er ist ein sehr trauriger Mensch."

Traurig ist Todesbilder in seinen Mitteln. Da liegen die Traumata – Rustavelis Zerrissenheit führt in die Kriegsfotografie, Klaus Mohr hat Familie verloren und kann das Glück nicht mehr sehen, Schnute Saalfeld, deren Bio langsam droht überdeterminiert zu werden, hat schon alles Mögliche verloren, weshalb das mit dem Glück gar nicht stimmt, der Mohr-Franz sich also geirrt hat bei der Opferauswahl – säuberlich getrennt nebeneinander. Und vor allem wird da inszeniert und erzählt wie in der Schulaufführung, wo die Eltern schon stolz sind, weil die Kleinen überhaupt auf der Bühne stehen.

Druckerpiepen-Requiem

1000 Fehler im Bild, schreit die alte Anne Will in uns: die Fotografen müssen auch bei Tageshelligkeit mit Blitz fotografieren, damit man sie ihrer Arbeit zuordnen kann; der Bösewicht trägt bei der Verbrechensbuchhaltung im eigenen Heim Handschuhe; das Fahrschulmodell, das Onkel Hotte fotografiert, guckt überhaupt nicht entspannt, aber Onkel Hotte sagt, so sei es gut; der berühmte Kriegsreporter wird vom Verlag aus Prestigegründen zur Schwimmbadablichtung eingestellt, dabei ist er doch zugleich total unbekannt; in der dringenden Konferenz vom Lokalblatt redet gar niemand, als die Kommissare dringend stören; der Fitness-Florian (Jörg Malchow) muss abends noch mal zurück, um das Strumpfband aus dem Umkleidemüll zu holen, damit die Kommissare ihm folgen können, weil er in der Zwischenzeit überwacht werden konnte; der Mörder-Layouter, der dann auf den Fotos von Rusta auftaucht, damit Keppler ihn erkennen kann, wo der Mörder-Layouter bei diesen sinnlosen Schaulustigendemonstrationen aber doch jedes Mal seinen Kollegen Rusta hätte treffen müssen; die Choreo bei der Massenspeichelprobe mit 1-A-Methodactorkomparsen. Und so weiter.

Die Schlampereien verdanken sich Buch und Regie, für beides zeichnet praktischerweise Miguel Alexandre verantwortlich, der zuvor mit Schockern des Eventfernsehens wie Die Frau vor der Prager Botschaft feat. Vroni Ferres hervorgetreten war. Immerhin kann der, der es noch nicht wusste, am Einblick in die Produktionsweise beim Normalformat Tatort nun erkennen, wie diese Geschichtsfilme gearbeitet sein: möglichst grob, weil Musik und Moral da sowieso immer auf die zwölf geben. Weil das hier aber fehlt, und weil das hier Krimi ist, sieht man dann, wie schlecht alles gebaut ist. Zur Musik (Dominic Roth) lässt sich noch sagen, dass sie es eigentlich besser kann, als sie es die meiste Zeit macht: Das Druckerpiepen-Mozart-Requiem vom Anfang ist hübsch. Bei den Auftritten wollen wir die große Gudrun Ritter nicht unterschlagen, wenn auch sie nur eine kleine Rolle spielt, die der Großmutter der Braut, die gleich am Anfang ermordet wird – nach einer Hochzeit, bei der man Gast für kein Geld der Welt hätte sein wollen.

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht: "So wie du arbeitest, möchte ich mal Ferien machen."

Eine Technik, die beeindruckt: der ziemlich dynamische Bürostuhlroll von Menzel

Ein Dialog, durch den man Fremdwörter lernen kann: "Was das zu der Zeit des Völkermords?" - "Das war während des Genozids."

21:45 15.01.2012
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