Das Dschungelcamp als moralische Anstalt

Medien Wie sich die Gesellschaft in einer Fernsehsendung über ihre Werte verständigt

Warum tun die sich das an? Wer die vierte Staffel der "Dschungelcamp" genannten RTL-Sendung Ich bin ein Star - Holt mich hier raus gesehen hat, wird um diese Frage nicht herumkommen. Um seiner Verwunderung darüber Ausdruck zu verleihen, dass Leute aus dem Fernsehen (Soap-Darsteller, Castingshow-Darsteller, aus der Mode gekommene Moderatoren) sich im Fernsehen auf ein Spiel einlassen, in dem sie mit Kakerlaken überschüttet werden, durch Schleim rutschen müssen oder Fischaugen essen sollen. Ein Spiel, in dem ihnen Erniedrigung droht. Warum machen die das?

Sie tun es freiwillig, beruhigt sich der Zuschauer. Dabei ist diese ominöse Freiwilligkeit das eigentlich Beunruhigende: Sie begegnet uns im Sachzwang, dem die mächtigsten Konzernlenker ausgesetzt sind und der ein trübes Licht auf die Freiheit im westlichen Individualismus wirft.

Wir tun es, um die eigenen Grenzen kennen zu lernen, sagen die Prominenten. Das ist ungefähr so wahr wie die Schauspieler-PR, die Kinofilme begleitet und erzählt, wie sehr man sich für diese oder jene Rolle interessiert hat. Wer seine Grenzen austesten will, kann Bungee-Springen gehen. Wer ins "Dschungelcamp" geht, braucht Geld: Um die 50.000 Euro soll die Antrittsgage angeblich betragen. Und wer Geld nicht so sehr braucht, braucht zumindest Aufmerksamkeit und damit eine neue Perspektive für seine künftige Existenz im Fernsehen.

Keine Königin

Man muss sich das "Dschungelcamp" also als eine Art Theater mit sehr gut bezahlten Schauspielern vorstellen. Und dann erzählt es womöglich mehr über die Verfasstheit der Gegenwart, als die hundertste todsterbensbrave Ibsen-Inszenierung auf irgendeiner Stadttheater-Bühne. Passend zur Finanzkrise lagen die privaten Insolvenzen der Camp-Insassen in diesem Jahr so offen wie noch nie. Der Blick auf die teilnehmenden Frauen legte nahe, dass Schönheit im Fernsehen ohne kosmetische Chirurgie nicht zu haben ist. Für gewichtigere Erkenntnisse sorgte Lorielle London, eine Transvestitin, die bekannt geworden ist als Lorenzo in Deutschland sucht den Superstar und dort nicht selten lächerlich gemacht wurde. Im "Dschungelcamp" fand sie auf der Suche nach ihrer prekären Identität zu durchaus berührender Würde; zumindest dürfte einem Millionenpublikum noch nie so ernsthaft von Transsexualität erzählt worden sein wie hier. Solche Momente sind selten im Fernsehen, weil sie im Prinzip gegen das Fernsehen durchgesetzt werden müssen. Das weiß der Sender RTL, der sich selbstironisch gibt (obwohl er zur gleichen Zeit auch manipuliert), und deshalb lässt er sie zu.

Abbild unserer Gesellschaft ist das Dschungelcamp aber vor allem, indem es den marktwirtschaftlichen Leistungsgedanken pervertiert: Die mit dem Ekel spielenden Prüfungen durchstehen zu wollen, entspricht der Binnenlogik, die es Investmentbankern und weit weniger öffentlich inkriminierten Berufszweigen morgens erlaubt, in den Spiegel zu schauen. Utopie ist die Sendung aber, wenn sich ihre Insassen bisweilen auf originelle Weise verweigern.

Das "Dschungelcamp" wird nicht aufgeführt, um eine Königin zu küren; nicht selten schafft sich die Konkurrenz kurz vor dem Ende sowieso ab und die Verbliebenen leben harmonisch miteinander. Der Kampf um das Durchhalten ist der MacGuffin von Hitchcock - ein Mittel, um die Handlung in Gang zu setzen. Wichtig ist allein, dass die Zuschauer sich qua Abstimmung über gemeinsame Werte verständigen. Wie in jedem Theaterstück gibt es Gute und Böse, und wie in jedem Theaterstück gewinnen am Ende die Guten: eine respektable 77-Jährige, eine Transvestitin und ein Dressman aus Apolda. Diese - Schiller hätte gesagt - moralische Wirkung, der auch etwas Emanzipatorisches eignet, ist nicht zu unterschätzen. Ob sie zur Katharsis führt, bei Zuschauern und Beteiligten, ist eine andere Frage.

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00:00 28.01.2009
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Ausgabe 41/2021

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