Der „Freitag“ im „Polizeiruf“

Medientagebuch Kein "Product Placement". Oder die spannende Frage, wie diese Zeitung in der Hand eines Kommissars im ARD-Sonntagskrimi auftauchen konnte. Eine Spurensuche

Was war geschehen? In Minute 29 des NDR-Polizeirufs Aquarius vom letzten Sonntag tritt Oberkommissar Röder in den Pausenraum des Rostocker Reviers, in dem Kommissarin König gerade ihr mitgebrachtes Essen zu Pink-Floyd-Musik über Kopfhörer lauthals mitsingend anrichtet, und Röder trägt unter dem Arm – einen Freitag. In der auf freitag.de betriebenen, von kritischer Sympathie geprägten Begleitung des ARD-Sonntagskrimis war dieser Augenblick vom Rezensenten übersehen worden.

Erklärlich ist das in Anbetracht des singulären Ereignisses aus der Warte dieser kleinen, liebenswerten Zeitung nicht: vermutlich mussten Notizen gemacht werden; sorgte Frau Königs Singen für leichte Schamgefühle; erschien, angesichts des jämmerlichen Rostocker Pausenraums, vor dem geistigen Auge des Rezensenten die stolze Betriebskantine des Essener Tatorts, in dem einst Hansjörg Felmy als Kommissar Haferkamp ermittelte – was weiß ich. Andere Zuschauer wie Community-Mitglied Leeelah waren aufmerksamer – weshalb die interessanteste aller Fragen alsbald lautete, wie der Freitag überhaupt in diesen Polizeiruf kam.

Reale Lebenswelten

Spaßvögel würden sagen: auf natürlichem Wege – durch „Product Placement“. Firmen bezahlen Geld dafür, dass Filmcharaktere bestimmte Automarken fahren, Biersorten trinken, Reiseveranstalter besuchen. Der Medienkritiker Volker Lilienthal hatte im Marienhof-Skandal recherchiert, wie solche Geschäfte funktionieren. Weshalb die Akteure im Umkreis der öffentlich-rechtlichen Sender sehr sensibel auf alles reagieren, was in den Ruch des „Product Placement“ kommen könnte: Unsere Nachforschungen stießen mehrfach auf die leicht bange Frage, ob der Freitag im Polizeiruf denn ein Problem darstelle. Stellt er nicht.
Denn so verachtenswert „Product Placement“ ist – und um so verachtenswerter es wird aus der Warte unserer kleinen, liebenswerten Zeitung, die, zum Glück, nicht erst in Versuchung kommen kann, die öffentlich-rechtliche Serienproduktion mit Freitag-Ausgaben zu bemustern –, so einfach ist es nicht, sich dem „Product Placement“ zu entschlagen.

In einer Welt, die aus Markennamen besteht, wirken Kunstwerke deplatziert, die Markennamen vermeiden: gerade da, wo es um einen Realismus geht, wie ihn die deutsche Fernsehserie behauptet. Anders gesagt: Irgendein Bier muss der Kommissar ja trinken, wenn er in einer Kneipe ermittelt. Dieses Dilemma kannte schon Theodor Fontane, der als einer der wenigen deutschen Dichter sich nicht scheute, Markennamen als Ausdruck realer Lebenswelten zu verwenden.
Um nun die Spreu des „Product Placement“ vom Weizen der Wirklichkeitsnähe zu trennen, empfiehlt sich als Kriterium: das Geld. Da, wo Geld für eine Automarke, ein Bier, einen Reiseveranstalter geflossen ist, kann sich der Ausstatter nicht mehr auf Realismus rausreden – selbst wenn das gesponserte Bier das Bier wäre, das ideal zu Region, Lokal und Charakter passen würde. Insofern ist der Freitag, der im Polizeiruf auftaucht, ein Musterbeispiel realitätsnaher Ausstattung (Außenrequisite: Björn Holzhausen, Szenenbild: Claus Rudolf Amler). Es ist kein Geld geflossen, es war vielmehr so, dass der Schauspieler des Röder, Uwe Preuss, die Zeitung, die er unter dem Arm trug, selbst mitgebracht hatte – und Regisseur Edward Berger ihn gewähren ließ.

Die Frage, ob ein Freitag unter Röders Arm in der nächsten Folge ein running gag wäre oder, da jetzt hier öffentlich darüber spekuliert wurde, Korruption ohne Geld, stellen wir bei sich bietender Gelegenheit Volker Lilienthal.

Im Übrigen ist Uwe Preuss der beste Schauspieler der Welt.

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14:00 04.05.2010
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Ausgabe 19/2021

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