Der verlorene Hohn

Medientagebuch So blöd das Wort ist, so groß ist die Freude: Friedrich Küppersbusch kehrt wieder auf den Bildschirm zurück nach 15 Jahren als Produzent. Und das grenzt an ein Wunder
Matthias Dell | Ausgabe 23/2013 12

Man könnte von einer Heimkehr sprechen. Friedrich Küppersbusch erscheint ab 10. Juni nicht nur im WDR-Fernsehen wieder vor der Kamera. Seine Sendung Tagesschaum, die an drei Tagen in der Woche in 13 Minuten das politische Geschehen kommentieren wird bis zur Bundestagswahl im September, wird vor dem Sendetermin um 23.15 Uhr immer schon auf Youtube eingestellt sein.

Und das ist nicht nur ein zeit-, sondern auch ein küppersbuschgemäßer Ort, weil man sich dort bereits heute erinnern kann, was das Fernsehen (vielleicht ja sogar: die Medien) einmal gewesen sein konnte, als das Gerede von einem erkennbaren Profil gegenüber dem, was alle machen, also die „Haltung“, die angeblich nicht „Mainstream“ sei, nicht Lippenbekenntnis aus der PR-Abteilung war, sondern ernst gemeinte Praxis eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens. ZAK hieß das Magazin, das zugleich viel Freude daran hatte – an politischem Popjournalismus, mit den Hurra, Deutschland-Puppen der Bonner Republik. Und durch diesen Moderator, der über das Parcours seiner halsbrecherischen Wortspiele genauso fehlerfrei zu kommen versuchte wie, um eine Sportmetapher aus der Zeit zu wählen, Ludger Beerbaum auf „Classic Touch“ durch das olympische Springreiten von Barcelona.

Das Wortspielen bis in den Sumpf des Kalauers ist ein schönes Bild der ZAK-Jahre, weil solcher Manierismus und solcher Eigensinn von Vorgesetzten, die als selbsternannte Anwälte ihrer Rezipienten auftreten (die ihnen in Wahrheit zumindest egal sind, wenn sie sie nicht offensiv verachten), natürlich immer gestrichen würde mit dem Hinweis, dass so was den Zuschauer überfordere. Bezeichnenderweise hat nach dem politischen Journalisten Küppersbusch im Fernsehen nur noch Gerhard Delling versucht, bei seinen Moderationen durch Liebe zur Sprache originell zu sein – ein Sportmoderator, der freundlich unterhalten will.

Ungehorsam in der ARD

Auf Youtube finden sich auch die letzten zehn Minuten aus Privatfernsehen, der Sendung, mit der Küppersbusch nach ZAK ein Magazin in größerem Stil versuchen durfte, ehe es 1997 eingestellt wurde. In dem Schnipsel redet Küppersbusch mit Roger Willemsen, einem Leidensgenossen jener Jahre im anderen öffentlich-rechtlichen Fernsehen, und vor allem redet er so lange, bis die ARD die Übertragung abbricht: „Weil, wir wollen ja nicht aufhören.“ Welch‘ eine Geste, welch‘ Ungehorsam.

Diese zehn Minuten sind ein zeitgeschichtliches Dokument, eine Bilanz dessen, was öffentlich-rechtliches Fernsehen einmal war, wobei man auch eine Ahnung davon bekommt, was hinter den Kulissen an Einfluss auf Küppersbuschs Absetzung mobilisiert worden sein muss von Politikern, die des Moderators tatsächlich kritische Fragen nicht sportlich nehmen wollten. Willemsen sagt: „Man wird sich daran gewöhnen müssen, dass die Zeit, in der wir massenpopuläres Fernsehen machen, vorbei ist.“ Und Küppersbusch schaut in die dröge Zukunft einer ARD, die, aus der Perspektive von damals, an fünf ununterscheidbaren Talkshows verfetten wird: „Jetzt haste Biolek, Christiansen, Kerner, Beckmann.“

Dass wir Friedrich Küppersbusch nun wiederkriegen, und sei es nur für 13 Minuten dreimal wöchentlich, erscheint vor diesem Hintergrund fast wie ein Wunder.

Tagesschaum läuft ab 10. Juni bis zur Wahl montags, dienstags und donnerstags um 23.15 Uhr im WDR und auf Youtube

 

09:00 10.06.2013

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