Matthias Dell
14.10.2011 | 12:10 2

Die Akademie der Wünsche vergibt den Konrad-Wolf-Preis

Kulturkommentar Wer, wenn nicht die Akademie der Künste sollte frei sein von ökonomischen oder politischen Ängsten? Sie ist es aber offenkundig nicht

Heute Abend wird im Berliner Hanseatenweg der Konrad-Wolf-Preis der Akademie der Künste an den ungarischen Filmemacher Béla Tarr vergeben. Der Konrad-Wolf-Preis ist nicht hoch dotiert (5.000 Euro), aber von einigem Renommee. Gegen die Wahl des Geehrten ist nichts zu sagen. Erst im Februar hat Tarr auf der Berlinale den Großen Preis der Jury für seinen Film Das Turiner Pferd erhalten – einen über zweistündigen Schwarz-Weiß- Film über Nietzsches Pferd in langen Einstellungen und mit wenig Dialog.

Zudem spricht für Tarr, dass er als Kritiker der politischen Verhältnisse hervorgetreten ist, die seit dem Wahlsieg der rechtsgerichteten Fidesz-Partei vom April 2010 in Ungarn herrschen. Insofern ist der Konrad-Wolf-Preis (wie die Auszeichnung auf der Berlinale) auch als politisches Signal zu verstehen, die kritischen Stimmen in Ungarn mit Aufmerksamkeit zu unterstützen.

Es könnte also ein schöner Abend werden im Hanseatenweg. Nur stimmt etwas nicht mit dem Konrad-Wolf-Preis in diesem Jahr – und das, was nicht stimmt, verschweigt der Satz auf der Homepage der Akademie: „Die Jury, der in diesem Jahr die Akademie-Mitglieder Ulrich Gregor, Reinhard Hauff und Jeanine Meerapfel angehören...“

Denn ursprünglich haben der Jury in diesem Jahr die Akademie-Mitglieder Hans-Dieter Grabe, Thomas Heise und Volker Koepp angehört, die neben anderen die beiden Dokumentarfilmemacher Stefan Kolbe und Chris Wright als Preisträger diskutiert hatten. Kolbe und Wright machen ästhetisch eigensinnige Filme (Das Block, Kleinstheim), was ihren geringen Bekanntheitsgrad erklärt. Zugleich werden sie regelmäßig zu den Visions du Réel in Nyon eingeladen, einer der bedeutendsten Dokumentarfilmfestivals der Welt.

Es geht bei dem Vorgang, den es zu kritisieren gilt, aber gar nicht um Kolbe/Wright versus Béla Tarr. Es geht allein um das demokratische Selbstverständnis einer Akademie, in der Jutta Brückner, die Direktorin der in diesem Jahr zuständigen Sektion Film- und Medienkunst, den noch in der Diskussion befindlichen Vorschlag ihrer Jury wegen zu geringen Prestiges zurückweist. Grabe, Heise und ­Koepp sind daraufhin von ihrer Aufgabe zurückgetreten.

Mehr als durch weniger bekannte Kandidaten wird der Konrad-Wolf-Preis beschädigt durch solche Interpretation einer Diskussionskultur, die nicht nur dem Namensgeber des Preises Hohn spricht. Denn wozu braucht es Jurys, wenn die Sektionsleitung entscheidet, wer ein würdiger Preisträger ist und wer nicht? Wer, wenn nicht eine derart stolze Institution wie die Akademie der Künste, sollte frei sein von ökonomischen oder politischen Ängsten, wie sie andere Preisauslober umtreiben, die ihre Verkäufe angekurbelt oder ihren Namen nicht mit komplizierten Debatten assoziiert sehen wollen (Freitag vom 29. September)? Warum hat die Akademie so wenig Selbstbewusstsein, dass ihr ein Preisträger, mit dem sie sich schmücken kann, wichtiger ist als die Unabhängigkeit ihrer Institute, deren Entscheidung sie kraft ihrer Bedeutung aufwerten kann?

Das Befremdliche an dem Fall ist die durchscheinende jämmerliche Sorge ums Prestige. In Zeiten einer zunehmenden Ökonomisierung aller Lebenbereiche müsste die Akademie der Künste ein Vorbild sein – und ihr Image nicht mit dem Kalkül der PR pflegen, sondern mit den Waffen der Kunst: durch Diskussion.

Man wüsste gern, was der debattierfreudige Akademie-Präsident Klaus Staeck dazu sagt.

Kommentare (2)

adk 17.10.2011 | 14:51

Die Angaben, die Mathias Dell in seinem Artikel über die Preisverleihung des Konrad Wolf-Preises macht, sind unvollständig und in Teilen unrichtig. Der Satzungszweck des Konrad Wolf-Preises sagt, dass mit ihm ein Lebenswerk ausgezeichnet werden soll. Während der Kandidatensuche zum Konrad Wolf-Preis tauchten aber von Seiten der Jury bestehend aus Hans-Dieter Grabe, Thomas Heise und Volker Koepp Namen von Filmemachern auf, deren Prestige von niemandem bestritten wird, deren Werk aber noch in seinen Frühphasen ist. Es ist nicht Sinn des Konrad Wolf-Preises, einen Filmemacher für sein „Lebenswerk“ auszuzeichnen, der Schüler einer der Juroren war. Für solche respektablen Kandidaten gibt es andere Preise der Akademie, wie z.B. den Kunstpreis. Ich habe das in einem Brief an die Kollegen zu bedenken gegeben. Da die Jury weder an ihrem eigenen Vorschlag festhalten wollte, noch ihr ein Kandidat einfiel, den sie für sein Lebenswerk hätte auszeichnen können, trat sie zurück. Es ist entweder Ahnungslosigkeit oder eine böswillige Verzerrung, jetzt davon zu sprechen, dass es der Akademie nur um das Prestige gehe und sie nicht frei sei von ökonomischen oder politischen Ängsten. Die Wahl von Béla Tarr durch die neue Jury zeigt eindrücklich, wie wenig dies der Fall ist. Und im übrigen besteht das demokratische Selbstverständnis einer Akademie auch darin, dass eine Diskussionskultur zuerst einmal in der Sektion selbst und unter Kollegen stattfindet und bei abweichenden Meinungen nicht gleich nach dem Präsidenten gerufen oder die Presse eingeschaltet wird, die dann ungeprüft einen banalen Empörungsreflex bedient. Es wäre guter Journalismus gewesen, sich zuerst einmal bei allen Beteiligten zu erkundigen.

Jutta Brückner
Direktorin der Sektion Film- und Medienkunst
Akademie der Künste

fatzer 22.10.2011 | 14:00

Béla Tarr ist ein guter, würdiger Preisträger einer anders gewichtenden Jury als der zurückgetretenen. Der vorstehende Blogbeitrag zwingt allerdings zur Erwiderung, auch wenn mir dafür die Akademie als Ort lieber wäre.
„Benannt nach dem Filmregisseur und langjährigen Präsidenten der Akademie der Künste der DDR, wird der mit 5.000 € dotierte Preis jährlich für herausragende künstlerische Leistungen auf den Gebieten der darstellenden Kunst sowie der Film- und Medienkunst vergeben“, heißt es auf der Internetseite der AdK.
Diese Vergabe ist an keine Vorgaben gebunden, so wurde es auch durch das Sekretariat schriftlich übermittelt. Intern ist vereinbart, möglichst keine Mitglieder der AdK vorzuschlagen.
Es geht im Kern um die Würde eines Preises, verbunden mit mehr als nur dem Namen Konrad Wolfs, nämlich seinem Werk und seiner Biografie. Konrad Wolf war ein Mann mit Haltung. Das ist selten. Ein Blick auf die bisherigen Preisträger zeigt, weder hatten z.B. 1989 Helke Misselwitz ein „Lebenswerk“ vorzuweisen noch 2005 Andres Veiel. Natürlich sind beide dieses Preises würdig, wie die damaligen Jurys entschieden haben. Wie auch 2011 der neben anderen Vorschlägen in Diskussion befindliche Vorschlag Stefan Kolbe/Chris Wright. Letzterer wird im Brief Jutta Brückners an die Jury nicht erwähnt, weil sie ihn nicht kannte, gar nicht wusste, dass einer der diskutierten Kandidaten für den Konrad-Wolf-Preis beide Namen umfasste, soviel zum ungeprüften Empörungsreflex. Stefan Kolbe und der unerwähnte Chris Wright sind keineswegs „Schüler“ eines der Juroren der ersten Jury. Diese hier im Freitag-Blog erstmals vorgetragene Behauptung ist schlicht falsch.
Richtig ist, eine Diskussion aller vorgeschlagenen Kandidaten der ersten Jury wurde bereits vor Festlegung auf einen der Kandidaten der Endrunde durch mehrfache Intervention unmöglich gemacht.
Dies geschah in Form von gegenüber der Jury nicht begründeten, sondern behaupteten Feststellungen, die auf Erkundigungen (um „sich schlau zu machen“) beruhten, der Unterstellung von Nachlässigkeit und in offensichtlicher Unkenntnis der Werke der genannten einerseits, wie in Unkenntnis der weiteren Kandidaten andererseits.
„Und wir müssen mit dem Renommee des Preises sehr streng und sorgfältig umgehen, gerade weil die eine oder andere Entscheidung in der Vergangenheit nicht vorbildlich war und sich das auf keinen Fall wiederholen darf. (...) Wir sind zusammen mit der Sektion Theater für diesen wichtigen Preis verantwortlich und stehen in der Pflicht, den Preis nicht durch Nachlässigkeit zu beschädigen. Ich bitte Euch, das bei Eurer Arbeit zu bedenken und bin sicher, dass Ihr einen würdigen Kandidaten oder eine Kandidatin finden werdet. Schöne Grüße, Jutta Brückner“
In einem zweiten Schreiben heißt es dann:
Und selbstverständlich kann sie (die Jury) eine befremdliche Entscheidung treffen, die niemand nachvollziehen kann. Aber das wäre nicht nur schade für den Konrad Wolf-Preis, sondern würde Euch auch in einige Nöte der Rechtfertigung bringen.“
Wir sind in der Akademie sehr verschiedene, auch sehr verschieden denkende Menschen. Das macht sie aus. Sie ist ein Ort freier Auseinandersetzung und Diskussion. Eine Jury der Akademie der Künste hat verantwortlich, im Ergebnis ihrer von allen anderen Interessen unbeeinflussten Diskussion und Abwägung eine Entscheidung zu treffen. Es bedarf dazu keiner Abstimmungen mit Vorstellungen Dritter, das heißt auch nicht der Sektionsdirektorin, die nicht Teil der Jury ist.
Es blieb der Jury keine Wahl als zurücktreten, denn die belehrende, zumal unbegründete Einmischung in die laufende Jurydiskussion über eine Reihe von Kandidaten, der Eingriff in ihre Unabhängigkeit, machten eine Fortsetzung der freien Diskussion aller Vorschläge unmöglich.
Wegen der Briefe von Jutta Brückner aus der Gesamtheit der Kandidaten nun Kolbe/Wright ohne weitere Diskussion als Preisträger zu benennen, allein um ihren Versuch der Einflussnahme zurückzuweisen, hieße die anderen Kandidaten wegen einer ungerechtfertigten Einmischung unter den Tisch fallen zu lassen. Für einen anderen der Kandidaten zu entscheiden, hätte die den Preis als solchen auch beschädigende Einmischung akzeptabel erscheinen lassen. Das Dilemma war nicht anders als durch Rücktritt lösbar.
Die hier im Blog als Rücktrittsgrund genannte „Einfallslosigkeit“ einen „geeigneten“ Kandidaten zu finden ist hingegen eine trübe Unterstellung. Die Chuzpe mit der diese vorgetragen wird, ist bemerkenswert. Im Rücktrittsschreiben der ursprünglichen Juroren Grabe, Heise, Koepp an die Sektion heißt es:
„Liebe Ulrike (Roesen*),
in der heutigen Jurysitzung zum Konrad-Wolf-Preis 2011 sind wir übereinstimmend zu der Entscheidung gekommen, die Juryarbeit niederzulegen. Unsere Beweggründe wird jeder von uns in einem Brief der Sektion darlegen. Bei unserem heutigen Treffen stellten wir auch fest, dass jeder von uns Konrad Wolf persönlich kannte. Unsere Entscheidung ist sicher in seinem Sinne.“
Jedes Jurymitglied hat einen entsprechenden Brief geschrieben. Die Gesamtheit des Schriftwechsels liegt allen Mitgliedern der Sektion Film und Medienkunst vor.
Ich habe der Sektion vorgeschlagen, während der Herbstsitzung der AdK darüber zu sprechen, wie wir in Zukunft miteinander in der Akademie der Künste umgehen wollen, das heißt auch mit der Juryberufung und deren Arbeit. Das werden wir sicher auch tun.
Thomas Heise

*Ulrike Roesen ist die Sekretärin der Sektion Film und Medienkunst.