Die Akademie der Wünsche vergibt den Konrad-Wolf-Preis

Kulturkommentar Wer, wenn nicht die Akademie der Künste sollte frei sein von ökonomischen oder politischen Ängsten? Sie ist es aber offenkundig nicht

Heute Abend wird im Berliner Hanseatenweg der Konrad-Wolf-Preis der Akademie der Künste an den ungarischen Filmemacher Béla Tarr vergeben. Der Konrad-Wolf-Preis ist nicht hoch dotiert (5.000 Euro), aber von einigem Renommee. Gegen die Wahl des Geehrten ist nichts zu sagen. Erst im Februar hat Tarr auf der Berlinale den Großen Preis der Jury für seinen Film Das Turiner Pferd erhalten – einen über zweistündigen Schwarz-Weiß- Film über Nietzsches Pferd in langen Einstellungen und mit wenig Dialog.

Zudem spricht für Tarr, dass er als Kritiker der politischen Verhältnisse hervorgetreten ist, die seit dem Wahlsieg der rechtsgerichteten Fidesz-Partei vom April 2010 in Ungarn herrschen. Insofern ist der Konrad-Wolf-Preis (wie die Auszeichnung auf der Berlinale) auch als politisches Signal zu verstehen, die kritischen Stimmen in Ungarn mit Aufmerksamkeit zu unterstützen.

Es könnte also ein schöner Abend werden im Hanseatenweg. Nur stimmt etwas nicht mit dem Konrad-Wolf-Preis in diesem Jahr – und das, was nicht stimmt, verschweigt der Satz auf der Homepage der Akademie: „Die Jury, der in diesem Jahr die Akademie-Mitglieder Ulrich Gregor, Reinhard Hauff und Jeanine Meerapfel angehören...“

Denn ursprünglich haben der Jury in diesem Jahr die Akademie-Mitglieder Hans-Dieter Grabe, Thomas Heise und Volker Koepp angehört, die neben anderen die beiden Dokumentarfilmemacher Stefan Kolbe und Chris Wright als Preisträger diskutiert hatten. Kolbe und Wright machen ästhetisch eigensinnige Filme (Das Block, Kleinstheim), was ihren geringen Bekanntheitsgrad erklärt. Zugleich werden sie regelmäßig zu den Visions du Réel in Nyon eingeladen, einer der bedeutendsten Dokumentarfilmfestivals der Welt.

Es geht bei dem Vorgang, den es zu kritisieren gilt, aber gar nicht um Kolbe/Wright versus Béla Tarr. Es geht allein um das demokratische Selbstverständnis einer Akademie, in der Jutta Brückner, die Direktorin der in diesem Jahr zuständigen Sektion Film- und Medienkunst, den noch in der Diskussion befindlichen Vorschlag ihrer Jury wegen zu geringen Prestiges zurückweist. Grabe, Heise und ­Koepp sind daraufhin von ihrer Aufgabe zurückgetreten.

Mehr als durch weniger bekannte Kandidaten wird der Konrad-Wolf-Preis beschädigt durch solche Interpretation einer Diskussionskultur, die nicht nur dem Namensgeber des Preises Hohn spricht. Denn wozu braucht es Jurys, wenn die Sektionsleitung entscheidet, wer ein würdiger Preisträger ist und wer nicht? Wer, wenn nicht eine derart stolze Institution wie die Akademie der Künste, sollte frei sein von ökonomischen oder politischen Ängsten, wie sie andere Preisauslober umtreiben, die ihre Verkäufe angekurbelt oder ihren Namen nicht mit komplizierten Debatten assoziiert sehen wollen (Freitag vom 29. September)? Warum hat die Akademie so wenig Selbstbewusstsein, dass ihr ein Preisträger, mit dem sie sich schmücken kann, wichtiger ist als die Unabhängigkeit ihrer Institute, deren Entscheidung sie kraft ihrer Bedeutung aufwerten kann?

Das Befremdliche an dem Fall ist die durchscheinende jämmerliche Sorge ums Prestige. In Zeiten einer zunehmenden Ökonomisierung aller Lebenbereiche müsste die Akademie der Künste ein Vorbild sein – und ihr Image nicht mit dem Kalkül der PR pflegen, sondern mit den Waffen der Kunst: durch Diskussion.

Man wüsste gern, was der debattierfreudige Akademie-Präsident Klaus Staeck dazu sagt.

12:10 14.10.2011
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