Er ich wieder da

Ostprodukt Schaler Schelm: „Willkommen bei den Honeckers“ und „Vorwärts immer!“ machen Jux mit dem Ex-Staatschef

Musste Margot Honecker erst sterben (am 6. Mai 2016), damit Erich Honecker zu einem character für DDR-Verwurstungsfilme werden konnte? Die zeitliche Nähe von Philipp Leinemanns Fernsehfilm Willkommen bei den Honeckers (am 3. Oktober in der ARD) und Franziska Meletzkys Komödie Vorwärts immer! (Kinostart: 12. Oktober) mag zufällig sein. Auffällig ist, dass nach mehr als einem Vierteljahrhundert der einstige Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzende des Staats- und Nationalen Verteidigungsrats plötzlich mehrfach durch deutsche Filme läuft.

Der Star-Appeal von Erich Honecker ist überschaubar: Hornbrille, Tattrigkeit, knittrige Haare. Dazu der leiernde Tonfall, der durch ein bürokratisches Begriffsungetüm wie „Deutsche Demokratische Republik“ torkelt wie angetrunken und der bei genauem Hinhören weniger einem als „ostdeutsch“ attributierten Sächsisch (das gab’s bei Walter Ulbricht) geschuldet ist als der saarländischen Herkunft des prägenden Gesichts der zweiten DDR-Hälfte. Performt wird damit der – ebenfalls für die Begrenztheit des Honecker-Images sprechende – Signature-Satz „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ (der es bei Meletzky prompt bis in den Titel geschafft hat).

Honecker ist also eine Charge. Wiewohl Figur der Zeitgeschichte, gibt es an ihm nichts zu entdecken, was über ein so leicht herstellbares Bild hinausginge, wie es Marcel-Reich-Ranicki- oder Helge-Schneider-Mimikry üblich ist. Deshalb kann man in der nicht unoriginellen Ausgangslage von Vorwärts immer! (Schauspieler proben im Herbst 1989 ein subversives Stück übers Politbüro) den Spaß entdecken, den es den Schauspielern (Jörg Schüttauf, Devid Striesow) gemacht haben muss, als Honecker-Doubles aufzutreten.

In Willkommen bei den Honeckers gibt der große Chargen-Verkörperer Martin Brambach den SED-Generalsekretär. Brambach versucht erst nicht, in den Parodisten-Wettbewerb einzutreten, in dem sich Schüttauf und Striesow mit spürbarer Lust (der eine muss zulassen, dass der andere der „bessere“ Honecker ist) gefallen.

Daran kann man sehen, dass Willkommen bei den Honeckers der interessantere Film geworden ist. Vorwärts immer! besteht aus einfacher Verwechslungskomödienmechanik, die in Deutschland, dem Land der Zulieferer und Maschinenbauer, allerdings weniger gut geölt funktioniert als im amerikanischen Kino (jeden Einfall sieht man stundenlang kommen): Der bessere Honecker-Schauspieler hat eine Tochter (Josefine Preuß), die in den Westen will und deshalb zu einem Leipziger Passfälscher fährt, just an dem Tag, an dem die DDR sich in ihr – retrospektiv – absehbares Ende schließlich fügt: dem 9. Oktober 1989, also dem Montag nach den Feierlichkeiten zum 40. Geburtstag der Republik, an dem in der Messestadt so viele Menschen auf die Straßen gingen wie nie zuvor und die Staatsführung schließlich gegen eine „chinesische Lösung“ optierte.

Goodbye, putziger Opa!

Meletzkys Film (Drehbuch: Markus Thebe) implantiert diese erfundene, private Geschichte in die realen Ereignisse als poetische Köpenickiade: Schüttaufs Schauspieler muss in seiner besten Rolle, als Honecker, ins ZK fahren, um den einen Anruf bei der SED-Bezirksleitung in Leipzig zu tätigen. Dass Vorwärts immer! dieses Setting wählt, um Geschichte zu erzählen, ist bei aller Arglosigkeit des Humors auch ein Zeichen dafür, wie wenig die DDR dem Zeitgeschichtskino heute gilt.

Sie gibt nämlich nicht mehr ab als eine verstaubte, auseinanderfallende Kulisse, in der sich problemlos eine drollige alternative Version der Ereignisse aufführen lässt – auch wenn die immer freundliche Fantasie von dem Goodbye-Lenin-Impuls motiviert ist, dem trostlos untergegangenen Staat ein romantischeres Ende zu erfinden (die Versöhnung im Vater-Tochter-Konflikt).

Erich Honecker wird in den mitleidigen Blick auf die DDR eingemeindet, der letzte Staatschef erscheint als putziger Opa; alle moralisch verwerflichen Affekte werden auf Gattin Margot (Hedi Kriegeskotte) projiziert (was getrost als Fortschreibung ihres medial verbreiteten Images als „lila Hexe“ gesehen werden kann).

Das ist in Willkommen bei den Honeckers nicht anders. Auch hier ist Margot (Johanna Gastdorf) die wachere, gefährlichere Figur. Der Film orientiert sich am Leben des Bild-Mannes Mark Pittelkau, der Anfang der 1990er Jahre als Kellner arbeitete, getrieben vom Wunsch, Journalist zu werden. Dafür fädelt Johann Rummel (so heißt er im Film: Maximilian Meyer-Bretschneider) unter falschen Vorzeichen (er inszeniert sich als treuer Bewunderer des von der Macht verlassenen Politikers) ein Interview mit Honecker im chilenischen Exil ein – die letzte Homestory vor dessen Tod.

Der Film ist konventionell, aber in gewissen Momenten pikant wider seinen Willen. Denn in der Geschichte Rummels verschränken sich die geläufige DDR-Wahrnehmung und selten hinterfragte West-Werte auf pointierte Weise: Eigentlich erzählt Willkommen bei den Honeckers von einem für unsere Gesellschaft gängigen Karrierismus, der für den Erfolg die eigene Großmutter zu verhökern bereit ist. Über seine moralischen Zweifel behilft der Film sich aber immer nur mit der schon toten DDR (Rummels Freundin hat ihren Bruder an der Grenze verloren, deshalb ist das Honecker-Ding problematisch). Die zentralen Fragen (Wie weit darf man als Journalist gehen?) verdrängt der Film (die Zeitung im Film ist bezeichnenderweise auf seriös geschminkt, kein Boulevardblatt). Vielleicht auch, weil Willkommen bei den Honeckers auf gleiche, wenn auch heiter, nachgeschobene Weise vom Stoff profitiert.

Info

Willkommen bei den Honeckers Philipp Leinemann D 2016, 88 Minuten. In der ARD-Mediathek

Vorwärts immer! Franziska Meletzky D 2017, 98 Minuten. Ab 12. Oktober im Kino

06:00 14.10.2017
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