Erich Blatter

Abschiedsbild Nach seinem Auftritt am Montag bei einer Pressekonferenz, befindet sich FIFA-Chef Joseph Blatter im Spätherbst seiner Karriere. Es müsste nur einer mal das Volk sein

Mächtige sehen nur mit Macht richtig gut aus. Das fällt einem vor allem bei Herrschaftsverhältnissen auf, die nicht demokratisch organisiert sind. Für den abgewählten Politiker der parlamentarischen Demokratie bleibt die irgendwie repräsentative Beratertätigkeit, das Vortragswesen, soigniertes Bessergewisse, Elderstatesmentum. Der gestürzte Alleinherrscher gibt dagegen, wenn er überhaupt mit dem Leben davonkommt, zumeist eine traurige Gestalt ab. Als einzige Alternative kommt für ihn das korrupt-wohlständige Exil in Bedeutungslosigkeit in Frage.

Insofern bezeichnet die tautologisch wirkende Feststellung, dass Mächtige nur mit Macht richtig gut aussehen, den revolutionären Punkt der Bewusstwerdung, dass Macht selbst bei dem grimmigsten Alleinherrscher nichts Gottgegebenes beziehungsweise Natürliches ist. Dieser Punkt ist erreicht, wenn die Inszenierung, die jahrelang zu nichts anderem da war, als die Macht immer wieder zu legitimieren, nicht mehr funktioniert – übrig bleibt die traurige Gestalt eines alten Mannes, der die Welt nicht mehr versteht. Das war so, als Erich Mielke vor der Volkskammer sagte, er liebe doch alle Menschen:

Es war so als Nicolae Ceausescu von seinem Balkon aus die Massen nicht mehr bändigen konnte:

Und es war nicht anders, als Hosni Mubarak zuletzt in einer Fernsehansprache zu retten versuchte, was nicht mehr zu retten war.

Allein den Bildern nach zu urteilen, müsste sich Joseph Blatter im Spätherbst seiner FIFA-Mächtigkeit befinden. Die Pressekonferenz am Montagabend liefert das Material, aus dem medial normalerweise der Abgang gemacht wird. Joseph Blatter macht den Erich Mielke: Er appelliert an den Anstand der fragenden Journalisten, den die FIFA seit Jahrzehnten verloren hat; er versucht, seine Deutungshoheit durch Behauptungen zu wahren ("What is a crisis? We have difficulties"), die ihm keiner mehr glaubt; er verweigert Aussagen ("No reaction") und flieht schließlich, weil das Lügengebilde, an dem er seit Jahren gearbeitet hat, argumentativ nicht mehr zu vermitteln ist.

Theo Zwanziger ist das Volk

Anders als Mielke, Ceausescu oder Mubarak kurz vor ihrem Ende wird Blatter heute in seinem Amt bestätigt werden. Denn die FIFA als autoritäres Regime unterscheidet sich von Nationalstaaten, insofern es keine Bevölkerung gibt, die gegen sie aufbegehren könnte. Das macht Blatter und seine "Pyramide FIFA", seine "Familie" schwerer angreifbar. Davon hat Blatter lange profitiert, weil er sich unliebsamen Fragen nicht stellen musste. Die Pressekonferenz am Montag war so gesehen ein Fehler. Sie hat die Bilder geliefert, die – nach allem, was wir aus der Geschichte wissen – sein Ende besiegeln müssten. Jetzt müsste nur noch DFB-Chef Theo Zwanziger endlich mal begreifen, dass es an ihm ist, hier das Volk zu sein.

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Geschrieben von

Matthias Dell

Filmverantwortlicher

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