Geschichte wiederholt sich

Spurensuche Wie es dazu kam, dass sich der Song eines Berliner Komponisten auf den Soundtrack des Hollywoodfilms „Natural Born Killers“ verirrte

Das Lied war nur da, nicht mehr als es selbst, die Spuren der eigenen Entstehung verwischt, fremd am Ort seines Erscheinens, an dem es zufällig gelandet war. Ein betörendes, rätselhaftes Lied, das nicht mehr vergisst, wer es einmal gehört hat. Das Lied heißt History Repeats Itself und ist der 14. Titel auf dem Soundtrack von Oliver Stones Film Natural Born Killers von 1994. Als Interpret dient die Abkürzung A.O.S.; ein Teil des Rätsels.

Das war eine ziemliche frustrierende Erfahrung damals, 1994, weil sich gerade mit diesem Soundtrack, den Trent Reznor von Nine Inch Nails produziert hatte, ein Bildungserlebnis verband für einen Teenager, der nach Ausdruck für seine ihm selbst unklare Gefühlswelt suchte. In der Zeit vor der digitalen Allverfügbarkeit von Popmusik stellte gerade eine so disparate Kompilation wie der Natural-Born-Killers-Soundtrack einen luxuriösen Index dar, der sich ausbeuten ließ wie eine Goldmine.

Man konnte You Belong to Me entdecken, ein Lied in der Bob-Dylan-Version, von der einem die dylanophilen Erwachsenen noch nicht Bescheid geschwärmt hatten, oder durch Nusrat Fateh Ali Khan verstehen, dass Popmusik kein auf Amerika und Europa beschränktes Projekt ist, auch wenn man das Wort „Projekt“ damals so noch nicht verwendete.

Brian Eno schaut vorbei

History Repeats Itself von A.O.S. war diesbezüglich eine Sackgasse. Es gab keine Band, die so hieß und sich im Plattenladen finden ließ, und keinen anderen Song, den A.O.S. gemacht hätte. Das Lied war zweieinhalb Minuten kurz, was das dauernde Zurück-Skippen oder -Spulen im Autoradio etwas anstrengend machte, wollte man länger in der schönen Traurigkeit baden, die von der Musik ausging: den melancholischen Streichern und dem flüsternden, sich am Ende verstärkenden Gesang der Frauenstimme, den Meeresgeräuschen und dem zögernden Klavier, das sich erst im Moment des Anschlags zu entscheiden schien, ob es rauf oder runter, vorwärts oder rückwärts wollte. Und außerdem war es gar nicht so leicht zu sagen, welche Gefühle in dem Lied eigentlich richtig aufgehoben waren, weil der Text sich einer Eindeutigkeit verweigerte.

Der verlockend großräumige Titel von der Geschichte, die sich wiederholt, was als universale Schmerzadressierung ja nicht verkehrt gewesen wäre, wechselt zu rasch in eine Innerlichkeitserzählung, in der allerdings das „You“ fehlte, um etwa seinen Liebeskummer, die denkbar größte Verkennung durch die Welt, dieses ignorante Draußen, gebührend gewürdigt zu bekommen. Stones Film half einem auch nicht weiter: Das Lied ertönt relativ früh zu einer in Schwarz-Weiß gedrehten Autofahrt des Outsider-Killerpärchens Mickey und Mallory Knox in die Wüste.

Aber Natural Born Killers ist, anders als History Repeats Itself, sowieso kein großes Werk, sondern eine ziemlich krude Vorstellung von um Skandal bemühter Mediensatire, wie sie in den neunziger Jahren geläufig war. Am besten versteht man den Film wohl als Vehikel für seine großartige Musik, als Collage aus lauter Clips, die den Soundtrack bebildern.

Als das Internet kam, ließen sich, halb neugierig, halb erwartungslos, der Songtitel und die Buchstaben „A“, „O“ und „S“ in Browserfenstersuchschlitze tippen. So hat sich in den letzten Jahren ein wenig Wissen akkumuliert über den Namen „Lovsky“, der neben „Wilbrandt“ und „Buhlert“ in der Gema-Angabe zum Lied vermerkt ist. Fay Lovsky ist die holländische Sängerin und Texterin von History Repeats Itself, deren karge Auskünfte in verschiedenen Liebhaberforen nachzulesen sind.

Die Geschichte von History Repeats Itself ist aber die Geschichte von Klaus Buhlert. Das Ich ist in seiner Erzählung kein mackernder Karriereschrittmacher, sondern ein Körper, durch den Einflüsse und Talente gehen, die sich erst allmählich auf einen Begriff von Künstlertum bringen lassen. Bekannt ist Buhlert heute, schließlich, als Hörspielregisseur, der Weltliteratur bearbeitet: Moby Dick und Ulysses, und die nächsten drei Jahre Thomas Pynchons Gravity‘s Rainbow in 32 Teilen. „Ich bin froh, dass ich mit solchen Werken kommunikativ sein darf, mehr kann man dazu nicht sagen“, ist so ein Buhlert-Satz, viel zu feinsinnig für die geschichtslos-schicke Restaurantterrasse über einem Berliner Park im Juni 2018, auf der er fällt.

History Repeats Itself entsteht, technically, um die Zeitenwende 1989/90. Buhlert arrangiert – auch weil er durch seine Kontakte aus der Zeit am MIT in Boston früh ein Synclavier hat, mit dem geloopt und gesampelt werden kann – für den Dirigentenfreund Thomas Wilbrandt Neuaufnahmen von Klassikern für Orchester und Computer. Vivaldi und Satie, und in der Pause einer nächtlichen Session in den Abbey Road Studios in London gibt Buhlert den Musikern sein sheet; der Instrumentalpart des Liedes ist nach zwei Takes eingespielt. Später wird er das satieeske Klaviermotiv drüberlegen, das Meer, die Möwen, und die auch befreundete Fay Lovsky nach einem Text fragen. Eine Komposition, die durch Bands wie Portishead Jahre später Mode wird. Aber hier ist das Lied noch Teil eines namenlosen Versuchs von idiosynkratischer Popularmusik, die mit kommerzieller Auswertung liebäugelt.

In den Hansa-Studios in Berlin, wo Buhlert sein Studio hat, nimmt er mit Lovsky und Wilbrandt ein ganzes Album auf. Brian Eno, der in den legendären Räumen in der Köthener Straße gerade Achtung Baby mit U2 produziert und öfter bei Buhlerts Espressomaschine vorbeischaut, hört rein, geht raus, guckt wieder rein und sagt: „Das ist der größte Song, den ich in den letzten beiden Jahren gehört habe.“ Buhlert ist sich nicht ganz sicher, wie Eno das gemeint hat, aber für die prekäre Frage, ob das, was einen gerade tief drinnen beschäftigt, andere interessieren könnte, heftet er das als Zuspruch ab. Den gibt es auch von Hansa-Studio-Chef Tom Müller, von Musik-Verleger Peter Radszuhn und einigen anderen, darunter den Leuten bei Polydor, denen das Demo Anfang der neunziger Jahre vorliegt. „Wir müssen nur noch mit dem Chef sprechen.“

Drogenboot nach Miami

Auftritt Tim Renner, „als unrühmliche Figur“, wie Buhlert lachend sagt. Und das ist auch so ein merkwürdiger Moment in der verhuschten Biografie des Song-Klassikers, wenn Renner (siehe Chris Dercon, Volksbühne) schon damals ein untrügliches Gespür dafür beweist, dass ihm die Geschichte nicht recht geben wird. So bleibt das Album unveröffentlicht. Auf dem Soundtrack landet das eine, das Lied durch Peter Gabriel, auch Gast in den Hansa-Studios, auch auf der Natural-Born-Killers-Kompilation, der Oliver Stone den „crazy stuff von den Krauts“ weitergibt. Diesmal klingelt das Telefon, und Stone kauft für 35.000 Dollar drei Stücke; zwei fallen im Schnitt raus.

Aber History Repeats Itself ist dabei, halb so lang wie auf dem Album. „A.O.S.“ steht für „Attack on the Senses“, wie sich Buhlert, Wilbrandt, Lovsky nach einem Peter-Gabriel-Höreindruck ihrer Musik nannten. Der Soundtrack verkauft sich über drei Millionen Mal, das Lied hat auf Youtube heute Hunderttausende Klicks, ist auf Spotify gelistet. Das Projekt aber geht damals nicht weiter, „weil wir drei zu unterschiedliche Figuren waren, jede für sich mit großen Qualitäten, aber alle zusammen eine Katastrophe“. Und Buhlert ist eh in eine andere Richtung unterwegs, geprägt durch George Tabori („mein künstlerischer Vater“), dessen Stammmusiker er Mitte der achtziger Jahre wird. In den Hörspielen kommt schließlich zusammen, was sich an Interessen in Buhlert angesammelt hat: Musik, Arbeit mit dem Text, Regie. Buhlert wurde klar, „dass ich viel weiter sehe als A.O.S., was ich als Lebensäußerung, als Kraft, als musikalische Dringlichkeit großartig gefunden habe und was mich vorwärts gebracht hat, ich zu werden. Aber letztlich ist es etwas, was ich dann überholt habe.“

Diese Bewegungen sind der andere Teil der Entstehungsgeschichte von History Repeats Itself, der intellektuelle Grund, aus dem der Titel kommt, der – an James Joyce geschult, Marx in wehmütig, weil ohne Farce – klüger ist als Fukuyamas triumphbesoffener Jauchzer vom „Ende der Geschichte“ zur gleichen Zeit. Buhlert wird geboren 1950 in Oschersleben, groß in Magdeburg, sozialisiert in Halle, in den Künstlerszenen von Burg Giebichenstein und Theater des Friedens. Dem Studium der Dokumentarfilmregie an der HFF in Potsdam-Babelsberg entzieht er sich 1974, als es „immer leerer wurde“ um ihn herum, den Bands, in denen er spielte, Verbote drohten: Befreundete US-Soldaten kutschieren ihn in Uniform und einem Chevrolet nachts um 12 über den Checkpoint Charlie – als Offizier auf der Rückbank. Studium an der TU und Hochschule für Musik in Westberlin, Austauschjahr am MIT, sechs Wochen Stanford, zurück als Doktor der Akustik. Dann Professor an der TU, Tabori.

Davor Weltumsegelung, 40.000 Kilometer über den Atlantik in die Karibik. Auch so eine Geschichte, die zu History Repeats Itself passt: Das Boot, das Buhlert überführt für Freunde, wird am Zielort „unter dem Hintern weg geklaut“, angeblich, um damit Rauschmittel nach Florida zu bringen. Geschichte macht keinen Sinn, Absicht ist nicht das, was hinten rauskommt, der eigentliche Zweck der Fahrt löst sich auf: „Ich durfte es überführen, damit es als Drogenboot geklaut wird und nach Miami geht.“ Wie der Song, der durch den Soundtrack sein Eigenleben fern seiner Schöpfer entwickelt.

Es gehört dazu, dass man als Journalist seinem Interviewgegenüber mit Zuneigung begegnet, nach Ähnlichkeiten sucht. In diesem Fall ist das für mich aber alles so irre wie nie: Buhlerts bester Freund aus Hallenser Zeiten war der Oberarzt meiner Mutter im Studium, das Weltumsegeln hat Buhlert am Schwielowsee gelernt, wo ich ein Vierteljahrhundert danach die Sommer meiner Kindheit verbracht habe, und dann wohnt der Komponist des ominösen, mich seit Jahren begleitenden Liedes aus einem fernen Hollywood-Film gerade zwei Straßen weiter. Total kosmisch. Geschichte wiederholt sich.

Hadern Sie manchmal damit, dass Ihr größter Hit, etwas, womit Sie so viele Menschen berührt haben, nicht mit Ihrem Namen verbunden ist, Klaus Buhlert? „History Repeats Itself war ein unbewusster Seufzer ins Geniale. Mehr nicht. Den kann man nicht wiederholen und den darf man auch nicht wiederholen. Weil das Gehirn inzwischen ganz andere Ziele baut. Wenn ein Projekt kommt, wo das alles noch mal zusammenfindet, Musik, Texte, Performance, dann mache ich eventuell noch mal den Schritt und ein A.O.S.-Remake in ganz anderer Weise. Aber nur dann.“

06:00 08.08.2018
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