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Tatort Knapp unterhalb des Durchschnitts: Lena Odenthal joggt in "Tödliche Ermittlungen" durch die Flure ihrer Polizeischule, und Kopper macht das alte Europa

Nach den Aufregungen der letzten Wochen (Selbstjustiz, Eisbärenfell und Jahreswechsel) herrscht wieder business as usual im Tatort. Und business as usual heißt: Lena Odenthal joggt. Weil Lena Odenthal immer joggt. In Tödliche Ermittlungen – was für ein Hammer-Titel – joggt aber auch die junge Polizeischülerin Bettina "Betty" Schnell, was einen Hinweis liefert auf das zentrale Motiv der Folge: Generationenhustle.

In Betty Schnell soll die junge Lena wiedererkannt werden, die so hübsch in die Bilder auf dem Flur der Polizeischule Rheinland-Pfalz hineinmontiert ist, was den Zuschauer vor allem daran erinnert, wie lange Lena Odenthal aka Ulrike Folkerts nun schon ihren Dienst versieht. Betty ist ehrgeizig und as gerechtigkeitsempfindend as die junge Lena vermutlich auch war und noch heute sein muss, weshalb Betty auch in ihrer Freizeit im Fitnessstudio das Ermitteln nicht lassen kann. Als Vaterfigur, gegen die aufbegehrt werden muss, dient Polizeischulendirektor Robert Brandstetter (Christian Redl), von dem sich Lena im Laufe der Ermittlungen emanzipiert und der auch noch richtiger Vater ist vom irgendwie doch trüben Torben (Matthias Ziesing). Torben ist gleichzeitig Bettis Lover und schwer zu unterscheiden von seinem Spießgesellen Heiner (Adrian Topol); ging uns jedenfalls eine ganze Weile so. Und was den Vater betrifft: Warum müssen Polizeischulendirektoren immer so zwielichtige Gestalten sein, die einem nie sympathisch sind, wenn sie permanent versuchen, mit ihrer Professionalität zu punkten: "Die wissenschaftliche Kriminalistik und Forensik haben mich immer fasziniert/Deshalb habe ich eine Probeklausur angeordnet".

Dass Heiner zur Aufbesserung seines Salärs (er muss eine Familie mit Zwillingen ernähren) schwarz Taxi fährt, wirft kein gutes Licht auf die Verhältnisse an deutschen Polizeischulen. Wobei man sagen muss, dass wann immer eine rechtsstaatliche Institution auf der Bühne des Sonntagskrimis erscheint, die nicht das ermittelnde Kommissariat ist, das Licht zumeist ungünstig ist: Das gilt nicht nur für übergeordnete Instanzen wie LKA, sondern eben auch für Polizeischulen, wie wir jüngst im Abschiedsfall von Johanna Herz erfahren durften. Herrje.

Dieses alte Europa

Die Korruption intern ist also wenig aufregend, schon weil sie dauernd passiert – und deshalb wundert man sich auch, wie diese Polizeischüler dann so entsetzt fragen können: "Sie verdächtigen doch nicht etwa den Heiner?", als ob das jetzt die mieseste Unterstellung seit der Kießling-Affäre sei – gucken denn diese Polizeischüler kein Fernsehen? Fragwürdig ist dagegen, ob man den Verdacht nun wirklich so plakativ spreaden muss, wie Lena Odenthal das vor versammelter Mannschaft als Volksrednerin tut – ein bisschen mehr Unmut hätten wir uns von einem geschlossenen System dann schon erwartet.

Die Inszenierung ist in ungefähr so: immer ein wenig drüber. Es gibt unglaublich viel Bewegung (was sollte denn dieser Hooligan-Einsatz aus der Nahdistanz, weil das Geld für eine gepflegte Komparserie fehlte?), aber das wirkt meistens nicht überzeugend. Die anderen Motive könnten interessant sein, werden aber kaum verfolgt. So hätte etwa der Dopinghandel, dem Betty Schnell auf der Spur war, das Zeug zum gesellschaftlichen Problemdiskurs, wie ihn nur der Tatort ventilieren kann. Aber stattdessen gibt es eine Hasan, der ein Hasan ist, wie über Hasans danach bei Anne Will aka Günther Jauch gesprochen werden kann. Ralph Herforth darf als Muckibudenbesitzer für ein bisschen Verfolgungsslapstick herhalten, das ist immerhin mal lustig.

Zur Generationenproblematik im weiteren Sinne gehört das Verhältnis zum wissenschaftlich-technischen Fortschritt (der, by the way, die Arbeit von Lena und Kopper fast im Alleingang macht – eigentlich ein bedrohliches Szenario für den eigenen Arbeitsplatz). Gestalt nimmt die neue Zeit an in den Dialekt sprechenden Subalternen des Kommissariats: Becker (Peter Espeloer) und vor allem Frau Keller (Annalena Schmidt). Letztere interessiert sich für Datenschutz, was vor allem Kopper, dieses alte Europa, nur mit Herablassung quittiert. Das ist bei den Privatrecherchen, die Bettys Schwester anstrengt und die doch eigentlich Koppers Arbeit wären, kaum anders. Von der absurden Episode mit der Politesse, die ebenfalls nicht unbedingt für die demokratische Verfasstheit Koppers spricht, wollen wir lieber schweigen.

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21:45 02.01.2011
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