Ich Opfer

Missbrauchsdebatte Heute tagt der Runde Tisch zum sexuellen Missbrauch das erste Mal: Über die Schwierigkeit, von einem chronischen Problem öffentlich zu reden

In der Debatte über den sexuellen Missbrauch in Internaten und kirchlichen Einrichtungen steckt eine vage Hoffnung: dass Opfer zuerst einmal Opfer sein können, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen. Auch wenn sie am Runden Tisch, der diesen Freitag zusammen kommt, in der Minderzahl sein werden. Neu an der Debatte über sexuellen Missbrauch und Gewalt gegen Kinder durch Schutzbefohlene ist nicht, dass es Missbrauch und Gewalt gegeben hat. Neu ist, dass es diese Debatte gibt.

Opfer von wie auch immer bemäntelter männlicher Gewalt hat es in geschlossenen Institutionen immer gegeben. Und das Wissen darüber auch. Das heißt nicht, dass jeder Priester ein Kinderschänder ist. Es bedeutet lediglich, dass in geschlossenen Institutionen wie Heimen, Internaten, Gefängnissen oder Kasernen Umstände herrschen, die Missbrauch begünstigen. Die kleinste geschlossene Institution ist die Familie, wo Missbrauch Schätzungen zufolge am häufigsten stattfindet.

Die Debatte gibt es, seit auf das Bekanntwerden der ersten Fälle von Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg Ende vergangenen Jahres immer weitere Berichte von Opfern gefolgt sind. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass in die Zeit dieses Zur-Sprache- Kommens auch die Erzählungen von sexueller Abhängigkeit durch Fußballschiedsrichter und Soldaten von militärischen Elite-Einheiten gefallen sind.

Dass Menschen den Mut finden, über erlittene Gewalt zu sprechen, hat auch mit dem Bedeutungsverlust der betroffenen Institutionen zu tun, deren Macht nicht mehr so groß ist, um „Einzelfälle“ einfach unter den Teppich zu kehren. Für Opfer muss die Möglichkeit, reden zu können, eine unerhörte Erfahrung bedeuten. Die amerikanische Philosophin Susan J. Brison, die 2004 ein Buch über den Umgang mit ihrer eigenen Vergewaltigung geschrieben hat, berichtet darüber, dass es nicht nur ihr schwer gefallen sei, über das Unaussprechliche zu sprechen – ihr nahestehenden Personen wäre es lieber gewesen, wenn sie sich „zusammengerissen“ hätte, nicht Opfer gewesen wäre. „Aber das Reden ist eine Möglichkeit, des Traumas Herr zu werden, auch wenn die Weigerung anderer zuzuhören, traumatisierend wirken kann.“ So hat erst die Häufung solcher Erzählungen einen Raum geschaffen, in dem Sprechen möglich geworden ist. Und zugleich das Paradox zerschlagen, dass zwar das Wissen über „Einzelfälle“ von Missbrauch existierte, aber nie ein öffentliches Reden darüber.

Geschuldet ist dieses Paradox auch den Medien, die die gesellschaftliche Öffentlichkeit organisieren. Medien sind qua innerer Logik an akuten Problemen interessiert und für chronische blind. Die Schätzung, dass in den USA alle sechs Minuten eine Frau vergewaltigt wird, ist aus dieser Warte eine Information, mit der die Tagesschau nichts anfangen kann. Erst wenn sich, wie im Fall der missbrauchten Kinder, eine Konzentration der einzelnen Schicksale herstellen lässt, summieren sich die „Einzelfälle“ zu einem „Skandal“. Die Kehrseite dieser Häufung ist die journalistische déformation professionelle, die in der Serienförmigkeit von prominenten Bekenntnissen wie etwa Josef Haslinger, Amelie Fried oder Bodo Kirchhoff nur parodistische Wiederholung erkennen kann.

Dabei verkennt der mediale Reflex bei einem chronischen Problem wie Missbrauch, dass es diese Wiederholung braucht, damit daraus überhaupt ein akutes und medial interessantes Thema werden kann. Opfer müssen ihre Geschichte erzählen, damit sie als Opfer wahrgenommen werden können. Denn das ist eine neue Qualität dieser Debatte, die erst durch Häufung von Erzählungen entsteht: dass den Opfern ihr Opfersein geglaubt wird.

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12:35 23.04.2010
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Ausgabe 42/2021

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