Jeder trinkt für sich allein

Tatort Endlich wieder Tatort: Die Sommerpause ist vorbei, der Alkoholproblemfilm "Mit ruhiger Hand" war allerdings verzichtbar. Trotz Bernhard Schütz und seiner Rollkragenpullover

Komisches Deja-vu bei diesem Tatort: Der große Bernhard Schütz, der an der Berliner Volksbühne unter Frank Castorf, Christoph Schlingensief und René Pollesch Erfolge gefeiert hat, im Kölner Tatort; dazu Fabian Hinrichs, aus dem gleichen Zusammenhang bekannt und geschätzt. Maria Simon – war das nicht erst kürzlich so? Es war: im letzten Jahr, die Folge Verdammt mit Schütz, aber nicht mit Hinrichs und Simon, dafür Hans-Jochen Wagner, Barbara Schnitzler, auch in Köln, ein, wenn die Erinnerung nicht trügt, auffallendes Kapitel der Tatort-Serie.

Kann man von Mit ruhiger Hand an diesem Sonntag nicht sagen, Regie, wie auch bei Verdammt, Maris Pfeiffer, die Schütz offensichtlich schätzt, hier mit ihm aber nicht viel anzufangen weiß, als Geschäftsführer einer Privatklinik, der schon lange nicht mehr operiert und verkaufen will, da sein Freund, Partner und Chirurg Gann (Roeland Wiesnekker) ein ebenso großes Problem mit Alkohol hat wie mit der Selbstwahrnehmung („Ich gehöre zu den besten Chirurgen im Land“).

Mit ruhiger Hand markiert das Ende der Sommerpause beim Tatort: Man weiß immerhin, was einem gefehlt hat in dieser Zeit. Der Tatort ist ja auch deshalb Tatort und so beliebt, weil er die fiktionale Form der Tagesschau ist, die offizielle Variante dessen, worüber sich das Land den Kopf zerbricht, so kommen die Diskurs unter das Fernsehvolk. Man lernt auch was: Allein im Großraum Köln leben 10.000 illegale Menschen, und 5 Millionen Deutsche haben ein Alkoholproblem. Dabei hat Mit ruhiger Hand einen Zug ins Ratgeberhafte.

Was war geschehen? Prof. Julius Gann ist also verletzt worden, seine Frau, ebenfalls Ärztin, die illegal in Deutschland lebenden Menschen kostenlos hilft ermordet, Blut ist im Haus, und der Filius, der eigentlich im Internat ist, liegt besoffen im Jugendzimmer. Da kommt was zusammen: Komasaufen, Alkoholismus, Migration, später noch Kunstfehler und Gesundheitsindustrie, der Film entscheidet sich aber für den Alkoholismus, den Kommissar Ballauf (Klaus J. Behrendt), als wäre es ein Arte-Themenabend, in persönlicher Krise durchaus kennt, aber naturgemäß nicht wahrhaben will.

Das ist ein bisschen viel des Guten, weil die Parallelisierungen Kommissar/Chirurg beziehungsweise Vater/Sohn (Whiskey/Wodka, Klassik/Elektro) so deutlich sind, dass man zwischendurch abwaschen gehen muss, um nicht zu viel verstanden zu haben. Die Kamera von Benedict Neuenfels arbeitet an eigener Sprache (die Bilder nicht selten in Gelb- und Grünschleiern, den Farben des Katers, der uns quält), erscheint in ihren zaghaften Ellipsen aber auch ein wenig manieriert.

Nach einer Stunde, wenn alle Verdächtigen (Schütz, Hinrichs als junger, aufstrebender Arzt und, natürlich, Short-Time-Lover der Professoren-Gattin; der Kunstfehleropferwitwer) durch sind, fällt die Folge in ein Loch, das ist ein wenig schade, denn eigentlich ist alles gesagt. Die Auflösung (der Professor ermordet seine Frau und verletzt sich selbst) ist nicht so schal, wie sie im ersten Moment wirkt.

Was uns beschäftigt: dass Mit ruhiger Hand doch ein sehr ruhiger Titel ist für das Problem, um das es geht. Als der DDR-Polizeiruf, damals in den achtziger Jahren, mit dem Trinken anfing, ging es etwas ungeschönter und irgendwie auch poetischer zu: Flüssige Waffe, Drei Flaschen Tokajer und, unübertroffen, Unheil aus der Flasche. Aber: Bernhard Schütz trägt sehr schöne Rollkragenpullover.

Soweit muss man es erst mal bringen: „Ich rette jeden Tag Menschenleben, glauben Sie im Ernst, ich wüsste den Namen meiner Putzfrau.“
Kann man dagegen gut verstehen: „Wissen Sie, wie schwer es ist, perfekt zu sein.“

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Geschrieben von

Matthias Dell

Filmverantwortlicher

Matthias Dell

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