Krieg der Phrasen

Theater Im Streit um den Intendantenwechsel an der Berliner Volksbühne fliegen jetzt offene Briefe hin und her
Matthias Dell | Ausgabe 27/2016 11
Krieg der Phrasen
Das Volksbühnen-Logo „Räuber-Rad“ schuf Bert Neumann (1960 – 2015) 1992 für Frank Castorfs erste Inszenierung am Haus: Friedrich Schillers „Die Räuber“

Foto: der Freitag

Theater lebt, wenn darüber gestritten wird. Wenn es den Leuten nicht egal ist, Gefühle mobilisiert werden. Das ist das Schönste und zugleich Größte, was man, mit etwas Abstand, über den laufenden Streit um die Berliner Volksbühne sagen kann: Gibt es ein anderes Theater im deutschsprachigen Raum, bei dem turnusgemäße Personalentscheidungen das Potenzial hätten, sich zu Glaubensfragen auszuwachsen, deren Beantwortung Frontverläufe zwischen „denen“ und „uns“ zieht?

Entzündet hatte sich der Streit, als vor über einem Jahr bekannt wurde, dass 2017 die Ära Frank Castorf nach 25 Jahren zu Ende gehen soll und mit dem Belgier Chris Dercon ein Mann als Nachfolger ausgewählt wurde, der bislang Museen vorstand (Münchens Haus der Kunst, Tate Modern in London). Tatsächlich dürfte beides zur Verstimmung beigetragen haben – nicht nur, wer Castorfs Platz übernimmt, sondern dass das überhaupt jemand tut. Castorf selbst wäre nicht in der Lage gewesen, einen Schlusspunkt zu setzen, wie er in einem Interview mit der Zeit freimütig bekannte: „Von meiner Seite hätte ich, da ich nie ein Ende finden kann, auch an der Volksbühne keins gefunden.“

Man könnte die Geschichte vom Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner, der Dercon für die Castorf-Nachfolge verpflichtet hat, also auch anders erzählen: als umsichtige Erlösung des von selbst nicht aufhören könnenden Castorf beim Eintritt ins Rentenalter, als kulturpolitische Tat, die Gestaltungswillen unter Beweis stellt und den Dissens nicht scheut. Renner wollte nicht aus Feigheit vor dem Ruf von Castorfs Volksbühne und aus Angst vor schlechter Presse eine Entscheidung aufschieben, von der seit mindestens acht Jahren klar war, dass sie eines Tages getroffen werden müsste. Und bei der ebenso klar war, dass Renners Vorgänger André Schmitz, mit dem Castorf gut vernetzt war (Schmitz war in den 90er Jahren Verwaltungsdirektor der Volksbühne), sie nicht angehen würde.

Stalin starb, heißt es, weil keiner der verängstigten Vertrauten es wagte, nach dem Diktator zu schauen, als dieser einen Schlaganfall erlitten hatte. Bei aller Stalin-Koketterie, die das Bild von Frank Castorf ziert – es erschiene doch als merkwürdige Vorstellung, dass niemand in der Berliner Landespolitik das Rückgrat haben sollte, dem ewigen Intendanten die Nachricht von der Endlichkeit zu überbringen. Vielleicht mit einem bildungssatten Zitat: „Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern“ (Giuseppe Tomasi di Lampedusa).

Die Geschichte wird aber nicht so erzählt. Im vergangenen Jahr hatte Claus Peymann, der 2017 ebenfalls aufhörende Intendant des Berliner Ensembles, in einer dann doch auch wieder beeindruckenden Altersackhaftigkeit vorgeführt, wie man einer Öffentlichkeit die Begriffe souffliert, mit denen diese sich künftig über Dercons neue Arbeitsstätte („Event-Schuppen“) beziehungsweise Renner („Lebenszwerg“, „Niete“, „leeres, nettes weißes Hemd“) unterhalten kann. Die tapfere Replik des Kulturstaatssekretärs fiel angestrengt-vorwitzig aus: „Dass er [Peymann] ab und an röhrt, ist dem Umstand geschuldet, dass er ein Platzhirsch ist. So bezeichnet er sich zumindest selbst.“

Die Freundlichkeit, die Dercon bei seiner offiziellen Vorstellung vor einem Jahr versprühte, hat vor drei Wochen ein offener Brief aus der Volksbühne vertrieben. Der blieb zwar deutlich unter dem Unterhaltungsniveau, das Peymann etabliert hatte, musste aber funkelnd wirken gegen den drögen Unterstützermulch, der vor ein paar Tagen von prominenten Dercon-Fans nach Berlin geschickt wurde*. In solchen Momenten offenbart sich die Trostlosigkeit der Debatte – das Celebrity Death Match zwischen Theater- und Kunstbetrieb fühlt sich rhetorisch an wie ein Aufbäumen des IG-Metall-Gewerkschaftsbezirks Küste („Dieser Wechsel steht für historische Nivellierung und Schleifung von Identität. Die künstlerische Verarbeitung gesellschaftlicher Konflikte wird zugunsten einer global verbreiteten Konsenskultur mit einheitlichen Darstellungs- und Verkaufsmustern verdrängt“) gegen den Arbeitszeugnisstehsatz für Führungskräfte („Er [Dercon] hat starke und nachhaltige Strukturen aufgebaut und umsichtig geführt, und er verfügt über einen globalen Überblick über die Bedeutung von Kunst und Ideen als Impulsen zur Veränderung“). Die Volksbühnen-Mitarbeiter lassen die originelle Rotzigkeit vermissen, mit der das Haus unter dem Bühnenbildner Bert Neumann in den Stadtraum gesprochen hat, und bei den Dercon-Supportern ist man bereit, jeden Respekt zu verlieren vor Namen wie Okwui Enwezor, Hans Ulrich Obrist oder Hortensia Völckers, wenn sie so nichtssagende Zeilen unterzeichnen.

Die lahmen Texte deuten auf das kommunikative Nichts, das die Präsentation Dercons umgibt. Natürlich muss dem neuen Intendanten und der Programmdirektorin Marietta Piekenbrock die Zeit zugestanden werden, das Konzept vorzustellen, das sich ab nächstem Herbst realisieren soll – die wenigen, mitunter widersprüchlichen Schlagworte, die bislang verlautbart wurden („weiterentwickeln“, „indoor und outdoor“, „polyglott“, „Labor“, „gut vernetzt“, Kleinschreibung), taugen allerdings zum Bullshit-Bingo fürs Antragsprosafans und Kuratorengewäschaficionados.

Was der Entscheidung für Dercon fehlt, ist eine kulturpolitische Erzählung, die mehr Sinn vermittelt als die wenig selbstbewusste Freude, einen schon prominenten Menschen gewonnen zu haben, damit dieser seine Prominenz künftig über dem Rosa-Luxemburg-Platz aufgehen lässt. So muss der Eindruck entstehen, dass Renner zwar eine unkonventionelle Entscheidung getroffen hat, selbst aber nicht weiß, warum. Von allen Spielarten der Kultur dürfte die Bildende Kunst die vom Geld am stärksten verseuchte sein – warum sollten ausgerechnet aus diesem überaffirmierenden Feld Anregungen kommen, Abstand zu halten? Das will man doch verstehen.

Dabei hätte Renner nur auf den letzten Intendantenwechsel an der Volksbühne schauen müssen, um zu lernen, wie man einen gewagten Neuanfang richtig inszeniert. Der damalige Kultursenator Ulrich Roloff-Momin sicherte seine Politik durch ein Gutachten von Ivan Nagel ab, in dem sich der Vorschlag, Castorf als Leiter der runtergerockten Volksbühne einzusetzen, mit einer legendären Prophezeiung für das Haus verband: „Bis zum Beginn des dritten Jahres könnte es entweder berühmt geworden oder tot sein.“ Der Satz ist genial, er hat die Ära Castorf ermöglicht, geprägt und begleitet (Die Zeit, 2008: „Die Berliner Volksbühne ist nun beides: weltberühmt und tot“), und er wird jede Würdigung der nun, da ein Ende feststeht, immer größer werdenden Größe Castorfs schmücken. Aus Renners Haus hört man jetzt auf Nachfrage nur dürre Worte, die es allen recht machen sollen: Die neue Leitung wolle auf der „Erfolgsgeschichte der Volksbühne aufsetzen“ und diese „fortentwickeln“.

Dercon mag es global

Es wäre einmal spannend, zu wissen, wer und wie viele Angefragte in den letzten Jahren keine Lust hatten, in den Schatten der Castorf-Nachfolge zu treten. Womöglich ist es Dercon gar nicht deshalb geworden, weil Renner das deutsche Ensembletheater „festivalisieren“ will, sondern weil mit Dercon überhaupt einmal jemand zugesagt hat. Die letzte kulturpolitisch zwingende Innovation in Berlin ist Shermin Langhoffs postmigrantisches Theater gewesen, das seit 2012 am Gorki vielsprachig schon jenes globaljunge Publikum adressiert, mit dem Dercon künftig Englisch sprechen will.

Die Volksbühne murmelt zwar immer noch von ihrem Nicht-einverstanden-Sein mit den Verhältnissen – die Tage aber, in denen sich ein Politiker oder auch nur das Berliner Grünflächenamt davon beeindruckt zeigte, sind längst vorbei. Die Volksbühne ist im Laufe der Zeit zu einer Wärmestube ihrer historischen Funktion geworden – der Verlängerung von Castorfs maulender DDR-Erfahrung über 1990 hinaus. Die Volksbühne des letzten Vierteljahrhunderts war ein besonderer Ort, weil hier rarerweise spürbar wurde, dass die deutsche Wiedervereinigung doch mehr sein könnte als der Zugewinn neuer Märkte, Konsumenten und Problembürger. Es ist schwer, einen Begriff zu finden, dem dieses Gefühl nicht äußerlich ist („ostig“) und der es nicht abtut („nostalgisch“).

Bezeichnenderweise heißt ein dieser Tage im Alexander Verlag erscheinendes Huldigungsbuch Republik Castorf. Mit Castorfs Intendanz kommt ein Raum an ein Ende, an dem das Interessante, Versteckte und Absurde der DDR-Geschichte erfahren werden konnte. Das musste irgendwann passieren. Und es erklärt die Wehmut.

*(in einer früheren Version des Textes hieß es, der Dercon-Unterstützer-Brief sei auf Initiative von Kaspar König, Museum Ludwig, nach Berlin geschickt worden - König gehört zu den Unterzeichnern, verschickt wurde der Brief von Dercons einstiger Wirkungsstätte, dem Haus der Kunst in München, das gerade von Okwui Enwezor, Direktor, und Ulrich Wilmes, Chefkurator, geleitet wird)

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06:00 08.07.2016
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