Man erkennt ihn nicht wieder

Biografie-Verfilmung "Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben" ist ein blasser Film, der Qualität durch Vermeidung sucht. Dann doch lieber das Presseecho

Die Beteiligung des Senders Arte an Fernsehproduktionen führt zu kuriosen Situationen. Die mit seiner Unterstützung finanzierten Filme werden vor der eigentlich Premiere im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf Arte ausgestrahlt. Was eben kurios ist, weil auf der Fernbedienung doch jeder Sender gleich weit entfernt sein sollte. Dass dieses Modell funktioniert, mehr Leute das gleiche Programm in der ARD als bei Arte schauen, sagt also – je nach Sichtweise – etwas über die Strahlkraft großer Marken (ARD, ZDF), die Beschränktheit des Fernsehzuschauers, die Wirksamkeit von Werbekampagnen und die Bedeutungslosigkeit der Feuilletons aus. Letztere hatten den Film Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben alle schon zur Arte-Ausstrahlung besprochen.

Immerhin konnte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, in der Marcel Reich-Ranicki regelmäßig Leserfragen beantwortet, dann vermelden, war die Arte-Quote (3,2 Prozent Marktanteil) so gut wie eigentlich nie, und außerdem wird über eine Fortsetzung nachgedacht. Diese Fortsetzung erklärt sich nicht nur aus dem Erfolg, den der Film bei seiner Ausstrahlung aus der ARD erst einmal gehabt haben muss. Sie erklärt sich auch aus dem größten Mangel des Films: Man erkennt seinen prominenten Helden nicht wieder. Marcel Reich-Ranicki ist dem Fernsehzuschauer ja deshalb lieb und teuer geworden, weil er so unterhaltsam ist. Dazu trägt das Lispeln zweifelsohne bei, wenn auch nicht allein.

Matthias Schweighöfer, der in Mein Leben den späteren Literaturkritiker spielt, lispelt nicht. Das kann man verstehen, weil damit immer auch die Gefahr der Karikatur droht. Aber es nimmt der Person eine Charakteristik, die symptomatisch für den Film von Dror Zahavi ist: Man erkennt Marcel Reich-Ranicki einfach nicht wieder.

Das liegt natürlich auch daran, dass man ihn vor allem als älteren Herren aus dem Fernsehen kennt, der laut und deutlich Urteile fällt – über Bücher, aber auch über das Fernsehen. In Mein Leben geht es aber genau um die Jahre, die vor dem Weg nach Deutschland liegen. Die Kindheit in Polen, Schuljahre in Berlin, die Zeit im Warschauer Ghetto, aus dem schließlich die Flucht gelingt, und die Entfremdung von der Partei im Polen der Nachkriegsjahre. Das alles erzählt Zahavi ohne Lispeln – also mit dem Gestus der Vermeidung.

Es ist nicht so schrecklich und kitschig, wie es in Fernsehfilmen, auch solchen die Dror Zahavi gedreht hat (Die Luftbrücke, Der geheimnisvolle Schatz von Troja), häufiger ist. Aber es ist deshalb noch nicht gut: Der Film wirkt blass. Das ist zwar das Gegenteil von dem, was man über Reich-Ranicki sagen können. Aber es scheint seiner Rolle und seiner Größe gerecht zu werden. Zwar bekommt Reich-Ranicki als verdientes Mitglied deutscher Medienprominenz einen Film, aber der erzählt weder die große Geschichte noch regt er an durch Aufwand und Können – die Ankunft der Züge in Berlin beziehungsweise Warschau sieht man das Korsett des Budgets an.

Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben ist eben nicht Polanskis Pianist oder auch Der Vorleser, und ästhetische Konsequenzen werden daraus nicht gezogen. So ist am interessantesten an diesem Film die mediale Begleitung. Frank Schirrmacher hat in einem informativen Artikel in der FAS einen Blick ins Gehäuse der Medienproduktion ermöglicht, da er beschreibt, wie Reich-Ranicki redaktionelle Begleitung seines Films einfordert. Die hat es dann auch gegeben, nicht zu knapp, und auch nicht nur in der FAZ.

Am heitersten stimmte dabei, dass Reich-Ranicki naturgemäß der erste Exeget der Verfilmung seiner Autobiografie ist. Wie oft er die Schauspieler gelobt hat oder einfach nur „fabelhaft“ gesagt hat, vermag man nicht mehr zu zählen. Angesichts des Ergebnisses könnte man Zweifel an der Urteilskraft des so genannten Kritikerpapstes haben, wenn das nicht schon vorher der Fall gewesen ist. Im Deutschlandfunk am Tag der Ausstrahlung, wo auch noch einmal gefragt werden musste, wie es ist sich selbst im Film zu sehen, wirkte Marcel Reich-Ranicki sehr müde. So groß kann keine Eitelkeit sein, dass sie einen nicht irgendwann selbst langweilte.

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Geschrieben von

Matthias Dell

Filmverantwortlicher

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