Ommer und Oper

Stream Hoppla, Fremde sind im Ort: Die irre Doku-Serie „Wild Wild Country“ erzählt von Bhagwans Ankunft im verschlafenen Oregon

Irgendwann im Laufe der mehr als sechs Stunden Dokumentarfilm sagt die Frau, die fremd war, in Richtung der Leute, die verwurzelt sind und keine Fremden wollten bei sich vor der Haustür, sie bekämen eine Oper aufgeführt durch die Ankunft der Fremden. Also ein Spektakel, das Unterhaltung und Abwechslung garantiert und ordentlich Gesprächsstoff produziert.

Wie man diesen Gesprächsstoff formen kann, zeigt die sechsteilige Dokumentarserie Wild Wild Country von den Brüder Maclain und Chapman Way. „Oper“ erscheint dabei fast als zu bescheidener Begriff, denn die Geschichte davon, wie die indische Bhagwan-Kommune 1981 in die amerikanische Provinz kam, reicht an großkalibrigere Begriffe wie Mythos. Eigentlich geht es in Wild Wild Country um alles, was uns heute noch beschäftigt: um Kapitalismus und Seelenheil, Rassismus und Glam (irgendwann taucht der Gründer von Nike in der Erzählung auf), Media, Gender und Politik, die und wir. Um 1968 und was daraus wurde, um den gesellschaftlichen Rollback. Und um Amerika als prekären Ort.

Hierher, genauer nach Oregon, noch genauer: auf eine Farm in der Nähe des 40-Einwohner-Kaffs Antelope zieht 1981 die Kommune des indischen Gurus Bhagwan Shree Rajneesh. Der hatte in seinem Aschram in Pune jahrelang in Rot gewandete Jünger um sich geschart durch eine entschieden undogmatische Heilslehre, die in Deutschland etwa den Philosophen Peter Sloterdijk beeindruckt hat.

Entsagung ist keine Voraussetzung, um zu Spiritualität zu finden, und Geld stinkt nicht. „Meditation ist unser Produkt“, erklärt Ma Anand Sheela, die rechte Hand des Gurus in Wild Wild Country, und als Ausdruck florierender Geschäfte kann die Flotte von Roll-Royce dienen, in der der in den USA jahrelang schweigende Kommune-Chef seine täglichen Winke-Visiten über von Anhängern gesäumte Straßen unternimmt.

Indien war wegen politischer Begehrlichkeiten (und steuerlicher Probleme) zu einem prekären Ort geworden (außerdem gab es einen Anschlag auf den Guru mit einem Messer), die Kommune suchte Anfang der achtziger Jahre nach einem anderen Platz auf der Welt, den die politisch-strategisch begabte Sheela eben in Oregon fand. Den Einzug der Kommune erzählt Wild Wild Country mit Sinn für Effekte: durch TV-Material von damals, auf dem die leeren Straßen von Antelope plötzlich mit immer mehr in Rot gewandeten Followern des Meisters gefüllt werden.

Die Serie hat etwas Opernhaftes, ihr geht es nicht um eine investigative Recherche, was Bhagwan letztlich wirklich war, sondern um das Drama (und manchmal auch um zarte Ironie, leichten Witz in der doch liebenswürdigen Perspektive auf die O-Ton-Geber, die das Abenteuer erinnern). Musik steigert sich und bricht ab vor entscheidenden Sätzen, das Erzählte wird so geordnet, dass die Betrachterin immer wieder erstaunt ist angesichts der Haken, die in dieser irren Geschichte eines Kulturkampfs geschlagen werden.

Nackig für die „Stern“-Story

Denn in Oregon angekommen, errichtet die geschäftstüchtige Kommune binnen kürzester Zeit ein Disneyland ihrer Heilslehren, eine nicht unelegante Siedlung mit Häusern, Halle und Plätzen samt eigenem Flughafen, die die heute aus Kalifornien geläufige Corporate Campuskultur von Google et al. vorwegnimmt. Eigentlich ist alles ur-amerikanisch: Nutzbarmachung des Landes, Gründungsgeist von Globalunternehmern, und gut drauf sind die Rajneeshees genannten Leute auch noch, wenn sie in die Kameras arg interessierter Medienvertreter schauen. Aber sie sehen halt anders aus, haben zum Sex ein offeneres Verhältnis als der gewöhnliche Puritaner, kommen aus Indien (und haben vielleicht auch zu wenig in Public Relations zu den Bewohnern von Antelope investiert).

Es entspinnt sich ein politischer Zwist, den Wild Wild Country durchaus genüsslich rekonstruiert als dreckiges Schachspiel auf den Buchstaben des Gesetzes. Auf den Move der Autochthonen, über eine Umweltorganisation und Baurechtsvergehen der Kommune ihr neues Zentrum wieder kaputtzumachen, reagieren die Rajneeshees kurzerhand durch den Aufkauf von Antelope und damit der Ausdehnung ihres Besitzes ins Bebaubar-Städtische.

So geht es munter hin und her, die in der Serie kompilierten News-Anchor reportieren den Takt der folgenden Schritte (die über Bewaffnung und Vergiftungen bis zu Mordplänen eskalieren), und Sheela wird zum Darling von Talkshows. Sie begreift die Auftritte als Werbezeit für den eigenen Buchverkauf, tritt furchtlos und provokant auf, um Eindruck zu hinterlassen.

In diesen Momenten wird sichtbar, wie geschickt die Kommune einerseits die Meidien bedient, die andererseits völlig abonniert sind auf eine raunende Mischung aus Sex, Crime und Rolls-Royce. Als alles vorbei ist und Geld im deutschen Exil benötigt wird, zieht sich Sheela wie vom Fotograf gewünscht aus für die große Stern-Story.

Am Ende, wenn die Ordnung scheinbar wiederhergestellt ist und des Gurus Zentrum von einem christlichen Unternehmer übernommen worden ist, erscheint Wild Wild Country als eine modellhafte Geschichte über die Angst. Vor dem Anderen, den Fremden. Eine Angst, die erst hervorbringt, was unterstellt wird: Gewalt und Zerstörung. Auch die eigene.

Info

Wild Wild Country Maclain und Chapman Way USA 2018, 6 Episoden, 400 Min., auf Netflix

06:00 01.05.2018
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