Out of Freiburg

Kinohit Wie die Weltreise eines Paares zum Filmerfolg wurde, weil sie ein Lebensgefühl identifiziert
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Irkutsk is just another word for nothing left to lose

Illustration: der Freitag

In der 49. Kalenderwoche des Jahres ist in den deutschen Kinocharts nicht schwer zu erkennen, was der nationale Hit des Jahres 2017 gewesen sein wird. Fack Ju Göhte 3 (Freitag 43/2017) haben seit dem Start im Herbst fast sechs Millionen Besucher sehen wollen. Das zweite Sequel von Bora Dağtekins Schulkomödie ist ein kalkulierbarer Erfolg, der den Gesetzmäßigkeiten heutiger Kinofilmproduktionen folgt: Kommt ein Film einmal an, folgen ihm weitere, leicht variierte Teile nach.

In der Liste, die nach den meisten Besuchern pro Woche sortiert ist, findet sich auf Platz 28 allerdings auch ein Gegenbeispiel zu dieser Formel, die Ausnahme von der Regel: Weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt. Knapp 3.000 Zuschauerinnen haben den Dokumentarfilm Anfang Dezember im Kino gesehen, was beeindruckend ist, wenn man zwei weitere Zahlen hinzunimmt: dass der Film zu diesem Zeitpunkt in der 28. Woche läuft. Und dass das Publikum, das Weit gesehen hat, insgesamt fast 350.000 Menschen umfasst.

Zustande gekommen ist das ganz ohne den Apparat, der hinter Filmen mit solchen Zahlen steht: gedreht fast ohne Geld, fertiggestellt mit ein wenig Crowdfunding, keine bekannten Gesichter, kein Verleih, keine Werbekampagne, gestartet als Vorführung für Freunde und Bekannte in einem Freiburger Kino, wo es zu Beginn weder Trailer noch Plakat gab.

Weit von Gwen Weisser und Patrick Allgaier ist ein Ereignis, wie es die deutsche Kinowelt selten erlebt. Auf der Filmkunstmesse in Leipzig, bei der sich im September die Akteure der deutschen Arthouse-Kinos treffen, ist eigens ein Preis erfunden worden, um der Außergewöhnlichkeit von Weit Rechnung zu tragen: den für das „Kinophänomen des Jahres“.

Mongolei, Japan, Mexiko

Das bezeichnet die Qualität von Weit genau, dem verdichteten filmischen Reisetagebuch einer mehr als dreijährigen Reise um die Welt, die das Paar ab 2013 unternommen hat. Über den Balkan nach Osten durch die Mongolei, Pakistan, China und Japan nach Mexiko. Bedingung der Fahrt war: keine Flugreisen und ein Budget von 5 Euro pro Tag. Über die Ozeane ging es zweimal mit dem Schiff, von Barcelona wurde am Ende nach Süddeutschland gelaufen, sonst getrampt, was in den menschenleeren Weiten Zentralasiens mitunter stundenlanges Warten bedeutete.

Nach der Rückkehr haben Weisser und Allgaier ihren Film fertiggestellt, um ihn im Kino Familie und Freunden zu zeigen, als etwas größer dimensionierte Diashow also. Ludwig Ammann, der in Freiburg drei Programmkinos betreibt, hatte mit einer ähnlichen Geschichte Allgaiers (einem Film über die Fahrt mit Freunden im VW-Bus vom Kaiserstuhl ans Kaspische Meer) gute Erfahrungen gemacht und setzte zwei Termine an.

Beide ausverkauft. Da haben wir gedacht, dann machen wir noch mal vier Vorführungen. Alle wieder ausverkauft, egal welche Uhrzeit, egal welcher Wochentag. Also sind wir in die Vollen gegangen, den Film wollen die Leute wirklich sehen. Und er war über Monate ausverkauft. Wir mussten Leute wegschicken und die drin saßen durch die Hintertür rausschicken, weil sich vorne schon das Publikum für die nächste Vorführung drängte. Es sind Dinge passiert, die man sonst nicht hat. Die Leute haben, sobald der Abspann kam, geklatscht, so begeistert waren die.

Weit läuft in Freiburg noch heute, ununterbrochen seit März. 50.000 Menschen haben den Film dort gesehen, statistisch gesehen jede vierte Einwohnerin der Stadt im Breisgau. Wenn man Ammann nach den Gründen fragt, sagt er als Erstes: „Die Leute können sich identifizieren.“

Mit Weisser, heute 25 Jahre alt, und Allgaier, 34. Mit dem, was sie tun, und mit dem, wie sie es tun. Denn Weit ist kein herausragender Dokumentarfilm, Filme über Reisen gibt es viele, und aus jeder RBB-Doku über Gebiete im Osten erfährt man mehr über die Leute, die dort leben, und die Geschichte der Orte als aus Weit.

Aber der Film trifft etwas. Er identifiziert ein Lebensgefühl, das durch Weisser und Allgaier vermittelt wird. Die beiden sind Agenten von Sehnsüchten, Vertreter einer Generation, die mit der Globalisierung groß geworden ist, mit der digitalen Daueranwesenheit aller Möglichkeiten. Mit Couchsurfing und Skype.

Aber auch mit Druck und Gefangensein in den Anforderungen von Geldverdienen und Konsumierenmüssen. Die Geschichte von Weit formuliert den Wunsch nach etwas anderem, nach dem „Das reicht doch nicht, da fehlt doch was“, wie es in einer René-Pollesch-Inszenierung einmal hieß, weil Weisser und Allgaier tun, wovon manche ein Leben lang träumen (deshalb funktioniert der Film vermutlich quer durch alle Altersgruppen): rausgehen, losfahren, kaum Geld haben und keine Angst. „Der Film macht den Leuten Mut“, sagt Birgit Gamke von der Agentur Filmagentinnen, die für Weit seit Mai das Booking und Billing macht, Buchen und Abrechnen.

Ausverkauft ohne Ausverkauf

Denn ziemlich bald war Weisser und Allgaier der eigene Erfolg über den Kopf gewachsen. Auf Empfehlung Ammans kamen Gamke und ihre Kollegin Marlies Weber ins Boot, die Kopien des Films werden nicht mehr von den Machern verschickt, sondern von einem professionellen Filmlager – anhand der Termine, die Gamke und Weber dorthin schicken. Montag ist Dispo-Tag bei den Filmagentinnen, dann werden die Kinos angerufen, um für das Programmieren der eigenen Filme zu werben. Was bei Weit kein Selbstläufer war, auch wenn Birgit Gamke von dem Film nach dem Sichten sofort überzeugt war:

Wir haben dann die Kinos angesprochen und erklärt, wie ein Einsatz des Films aussehen könnte. Das war auch eher untypisch. Normalerweise läuft ein Film ab dem Starttermin täglich, er muss zu bestimmten Zeiten gespielt werden, zumeist eine Hauptvorführung und noch einmal am Nachmittag. Das haben wir im Fall von „Weit“ relativ offen gelassen. Wir haben den Kinos von den Erfahrungen mit dem Film erzählt und gesagt: Probiert es aus. Die Reaktion war nicht bei allen sofort: Toll, das machen wir, sondern eher: Ja, eine Reisedoku, das gibt’s ja öfter, muss man mal gucken.

Dass der Film so lange läuft, die 49. Kalenderwoche verzeichnet 119 Einsätze, hat mit Allmählichkeit zu tun. Weit konnte sich entwickeln von einer Einzelvorführung zur nächsten, bei der sich durch die Leute, die ihn gesehen hatten, rumsprach, dass man sich den Film anschauen müsse. Anfangs reisten die beiden Macher noch zu Vorführungen, um sich nach dem Film den Fragen des Publikums zu stellen. Etwa die, ob es in den drei Jahren keine Streits gegeben habe (Hat es nicht).

Wenn man den Erfolg von Weit gesellschaftlich beschreiben will, dann spielt die gelingende Paarbeziehung zwischen Weisser und Allgaier eine Rolle. Der Film bedient eskapistische Vorstellungen, aber er integriert sie in familiäre Formen des Zusammenlebens: Auf der Reise kommt der Sohn des Paars zur Welt. Das Deutschland, für das Weit steht, ist ein privilegiertes und offenes, in Zeiten von Renationalisierung und Grenzziehungen fahren zwei Menschen los, um Begegnungen mit dem angeblich gefährlichen Fremden zu haben. Sie landen dabei auch hinter der Realität medialer Welterklärung: In Pakistan, das in deutschen Nachrichten nur als Konfliktzone vorkommt, entdecken die beiden Normalität und Freundlichkeit in einem der bevölkerungsreichsten Länder der Erde.

Dabei kommt der Erfolg von Weit nicht aus dem medialen Off. Auf der Abschiedsfeier vor dem Start schlug ein Redakteur der Badischen Zeitung den beiden vor, in einem Blog ab und zu von Erfahrungen zu berichten. Mittlerweile gibt es die Weltreise als Buch, auf DVD und Blu-Ray, im Februar geht es auf Vortragstour in die Schweiz. Kommerziell maximal ausgeschlachtet haben Weisser und Allgaier Weit aber nicht, ihnen war wichtig, die Kontrolle darüber zu behalten. Ein Sequel ist auch nicht geplant. Kann die Filmbranche etwas von dem singulären Erfolg lernen, der Weit ist? Marlies Weber von den Filmagentinnen:

Einfach mal unbeschwerter auf Themen und Stoffe zugehen. Zumeist ist es so, wenn ein „Fack Ju Göhte“ funktioniert, wird ein weiterer Teil hinterherproduziert. Und dann noch einer. Irgendwann sind die Leute aber auch müde, Teil 5 oder 17 mitzumachen.

06:00 28.12.2017
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