Petra, es ...

Tatort Das Rückspiel in Köln fällt spannender aus: Mit "Ihr Kinderlein kommet" geht die Doppelfolge passabel über die Bühne, ohne zuviele Gedanken an den Stoff zu verschwenden

Klugscheißer könnten nach dem gestrigen Part one der Osterdoppelfolge vorhergesehen haben, dass the unknown Freier aka Bransky (Anian Zollner; der spätgefundene Name wird im ersten Anlauf als "Daniel", im zweiten als "Peter" attributiert) in Part two, Ihr Kinderlein kommet, eine größere Rolle würde spielen werden. Cliffhanger zum Gegenbesuch war bekanntlich der Moment, da Anna Römer (Lotte Flack) ausbüxt von Muttern Saalfeld, weil sie unversöhnt ist mit der falschen Geschichte ihrer Herkunft, wie sie ihr erzählt worden ist. Und dann auf der Raststätte in die Seitenlehnen von Branskys Beifahrersitz läuft (der Kommissar-Aficionado wird Tränen in die Augen kriegen: die Raststätte als Ort allen Übels ist natürlich ein prominenter Topos im Reinecker’schen Kulturpessimism).

In Köln wird aus der Familientragödie Kinderland der Serienmörderfall eines irgendwie auch medial agierenden Kindervergewaltiger-Snuff-Duos. David Schmelzer, den – hätten Sie ihn erkannt? – mit Josef Heynert der Mann gibt, der uns als Everybody's Volker im Rostocker Polizeiruf so ans Herz gewachsen ist, fungiert als schlechtere Hälfte, die nicht nur Autos von dem Schrottplatz besorgt, auf dem er arbeitet (nice Schlenker zum Betrugspotenzial der Abwrackprämie), sondern die Kinder, die Bransky verschleppt, dann umbringt.

Bemerkenswert ist die Anlage von Schmelzern: Während Bransky als standarddistinguierter Fernsehakteur auftritt, dem kein Milieu, keine soziale Gruppe anzusehen ist, macht Schmelzer, fast etwas zu dick, auf dialektverbundenen Plattenbaubewohner, der auf die Ausprägung seines Lifestyles tendenziell weniger Gedanken verschwendet. Hier zeigt sich eine Qualität des Drehbuchs, das in Kinderland mit den "Soligroschen" die Ödnis am Ost-West-Unterschied markieren musste: Die Grenze verläuft nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen oben und unten, wie man in Anlehnung an ein historisches Graffito in Berlin-Kreuzberg sagen könnte. Denn Schmelzer dient als eine Art Korrespondent der Lisa-Noack-Mutter in Leipzig-Paunsdorf aus Kinderland, die zur Darstellung ihrer sozial tiefer gestellten Überforderung als Hartz-IV-Empfängerin immerzu Kindernamen sinnlos zur Räson rufen musste ("Cosimamarcel, geht raus"), wie sie es bei der Supernanny gelernt hat.

Die Plautze des Retters

Ihr Kinderlein kommet entwickelt sich als klassisches Puzzlespiel bei noch lebendem Opfer. Der Vorteil des Serienmörders für den Sonntagskrimi besteht darin, dass der Mord, den es braucht, um die Ermittlungen in Gang zu setzen, immer schon passiert ist und Spannung folglich daraus bezogen werden kann, mit der Kavallerie zur Verhinderung der finalen Tat einzureiten. Die Kavallerie kommt spät, wie es ihre Art ist, aber sie kommt. Zur Spannungsverschärfung ist Corsage Saalfeld (Simon Thomalla) mittlerweile mit im Keller des Bösen eingeschlossen – der Dampf, den Fab Five Freddy in der Zentrale macht, kann also amourös gelesen werden. Wobei sich der Realitätsabgleicher fragen kann, wieso all die overdressten SEK-Fritzen da am Start sind, wenn am Ende Alfred Schenk einmal seine bewundernswerte Plautze um die Ecke schiebt, um per finalem Rettungsschuss alle Hoffnungen auf Liebe zu wahren.

Etwas unsauber ist der Fall am Ende (Buch: Jürgen Werner, Regie: Thomas Jauch), wenn er die Täterfestlegung vom Wissensvorsprung des Zuschauers her denkt. So nett man die Seitenhiebe auf die CSI-Technikhuberei finden kann ("Seit diesen amerikanischen Serien rennen alle Täter mit scharfen Putzmitteln rum"; aus Teil eins), ein wenig Selbstzweifel an der falschen Festlegung auf den Werbefuzzi Stefan Graz (Jan Henrik Stahlberg) wegen seiner Anfänge als Fotograf hätten dem Film gut getan, weil die Spannungsverschärfung dann nicht so schlicht dahergekommen wäre. Der Kriminalfilm ist schließlich auch Erkenntnisinstrument ("Wir wissen nichts").

Wo Part two, entlastet von Introduktion und Zusammenschlussorganisation, befreit aufspielen kann, bleibt Platz für Wissenswertes (1.500 Kinder verschwinden jährlich in Deutschland) und Fundamentalkritik am gesellschaftlich-medialen Interesse (Eisbärengeburt statt Kinderschicksal). Hauptaugenmerk liegt aber hier wie in Part one auf der Interaktion des Personals. Und da kann man sehen, dass das selig-turtelnde Einverständnis, wie "Eva" und "Freddy" es pflegen, so much langweiliger ist als das distanziert-frotzelige Gesieze, das Borderlining Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Sono Keppler (Martin Wuttke) eher trennt als verbindet ("Die [Plätzchen] haben sie gar nicht gegessen!").

Rampensau im Vordergrund

Burgtheater-Wuttke dominiert wie schon in Part one die Szene, man könnte auch sagen, er zeigt den Fernsehnasen, was Präsenz heißt: Wo er in Kinderland, als Anna Römer bei Saalfelds eingewöhnt werden soll, eigentlich nichts zu tun hat und durch gezieltes Augenbrauenzupfen die Aufmerksamkeit trotzdem auf sich zieht, hat er hier, auch von der Kamera unterstützt, alle Freiheiten im Spiel nebenher. Aus dem falschen Essen in der Kantine, das Ballauf ihm ausgibt, macht er ein kleines Drama. Man möchte nicht wissen, was die Kollegen beim Drehen von dieser Form der Rampensauigkeit halten, für den Zuschauer ist es zweifellos eine Freude, wie Wuttke seine Unterforderung durch die Hälfte der Dialogsätze mit kalkuliertem Ornament im Spiel kompensiert.

Die andere Entdeckung ist die Spiegelung der homosexuell lesbaren Freddy-Ballauf-Ehe im Angesicht der Eifersucht (Keppler: "Wir sind in Köln. Irgendwie wirken Sie wie n altes Ehepaar"). Solche Beobachtungen muss der Zuschauer normalerweise selbst machen, hier gibt es das Kontrastmittel der Selbstreferenzialität. Selbst die Homer-Simpson-Ähnlichkeit von Freddy am Süßwarenautomaten tritt letztlich nur hervor, weil die hypothetische Love Affair den eigenen Körper noch einmal gewissen Selbstoptimierungsplanspielen unterwirft. Gendertheoretisch etwas unklar ist der Umbau von Corsage Saalfeld zum Köder für Fab Five Freddys Liebesgefühle: Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss, nämlich Frauen aus der Gefahr befreien. Zugleich soll die einzige Frau in der Vierer-Phase gerade dem Emotionalen zuarbeiten, wie Saalfelds Ausflug zu Mutter Röpke zeigt. Dass sie dann nicht in dem gebrochenen Herzen der Mutter liest, sondern dank Blick ins Tagebuch von Vanessa den Firmenstempel Branskys auf der Rückseite findet, also hard facts, könnte man immerhin als interessante Pointe begreifen.

Die Nebenfiguren fallen vor diesem massierten Einsatz der Protagonisten ab. Wie schon in Kinderland dieser relativ neue Pathologe in Leipzig Eindruck macht durch seine Stimme, die den Hörfunksprecher erahnen lässt, wäre in Köln der Psychologe Robert Tülcher (Jochen Langner) bemerkenswert, der ein hohes Potenzial ganz eigener, vollcheckermäßiger Besserwisserei mit Zug ins Schnepfige darbietet.

Am Ende bleibt zur Doppelfolge aka der Ausnahme von der Routine zu sagen: ordentlich. Ansonsten warten wir auf die Zuschauerzahlen, die die ARD am Morgen danach stolz verkünden wird.

Etwas, das sich an jeder Wand gut macht: die fancy Fliesen im Büro vom Psychologen

Ein Verkehrsmittel, auf das wir gewettet hätten: die Leipziger nehmen den Zug

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21:45 09.04.2012
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