Schon 'ne schöne Stadt, München

Tatort Das Beste zum Schluss: Die Münchner Folge "Der tiefe Schlaf" wird nicht nur Liebhaber finden in der Konsequenz, mit der sie sich auf Fabian Hinrichs' Spiel einlässt

Es ist schon von exorbitantester Wichtigkeit, wie man die Frage stellt. Wer etwa wissen will, ob der Tatort München ein Assistentenproblem hat, unterstellt ja bereits, dass Ordnung und Ruhe nur herrschen und eben kein Problem vorliegt, wenn die festen Rollen fest verteilt sind. Dass das nicht die beste Lösung sein muss, zeigt Dortmund mit seiner Assistentenschwemme. Auch wenn das Format Tatort so vieles zulässt, kann einem die Flexibilität bei den wenigen, wenn nicht einzigen Konstanten of Wiedererkennbarkeit: dem Personal, unangenehm aufstoßen.

Nun führt aber München vor, dass der variabel besetzbare Platz hinter den beiden Spitzen Ivo (Miro Nemec) und Franz (Udo Wachtveitl) durchaus keine Not sein muss, sondern als Tugend Eindruck macht. Wollte man seit dem Abgang des ewigen Carlo (Michael Fitz) 2007 glauben, dass alle Versuche erst mit europäischen Hospitanten, später mit jungen Ladies oder zuletzt dem Disco Stu nur dazu dienten, die Suche nach einer Neubesetzung durch Probeschichten voranzutreiben, so macht der aktuelle Fall Der tiefe Schlaf (what a Titel – hat so wenig mit dem Fall zu tun, dass er ins allerhöchst Erratische strebt!) Schluss mit allen Spekulationen: Die Besetzung mit Fabian Hinrichs, dem Mariogötzemarcoreus des deutschen Schauspiels, lässt die Leere nach Carlo erkennen als die Zeit, in der das Trikot mit dessen Rückennummer aus Respektsgründen einfach nicht mehr vergeben wird.

Und jetzt muss man dem Bayrischen Rundfunk nur wünschen, dass er das selbst verstanden hat und nicht nach dem Gastauftrittscomeback von Carlo im nächsten Jahr schwach wird für einen Rollback des erneuten Dauerengagements, das begeistert-traditionsbewusste Fans sich womöglich wünschen.

Alterspräsidenten des Formats

Denn das Hinrichs-Abenteuer lässt die kühne Anlage der späten Ivo-und-Franz-Jahre im Münchner Tatort deutlichst hervortreten: Der Ivo und der Franz mit ihren richardvonweizsäckerweißen Haaren, die in jeder Folge noch einmal richardvonweizsäckerweißer werden und sämtliche Beleuchtung, wie gerade in Der tiefe Schlaf aufs beste zu erkennen ist, in eben diese kaum auszuhaltende Helligkeit mitreißen – der Ivo und der Franz fungieren mittlerweile als Alterspräsidenten des Formats. Sie lassen die jungen Stutzer und Stutzerinnen vortanzen, auf dass die sich bewähren sollen oder auch nur für ein paar Gags von Ivos und Franzens lässig gewordener Amtsinhaberschaft gut sind.

Und mit Hinrichs als Gisbert Engelhardt tanzt nun der fabelhafteste aller möglichen Eintänzer der deutschen Bühne an, und auch wenn die einen so sagen werden, also etwa: "Der Tatort wird auch immer alberner und abgedrehter und handelt nur noch von den Schrullen seiner Ermittler" – wir sagen so: Eine solche Folge hat man noch nicht gesehen! Hinrichs, der schon lange abonniert ist auf die Hauptrolle im, auch, noch zu drehenden Christoph-Schlingensief-Biopic, bringt nicht nur einen Typen oder eine Charge ein, sondern eine ganze Schule des Spielens.

Es ist den Fernsehnasenroutiniers, die hinter dem Ivo und dem Franz stecken, hoch anzurechnen und ein Zeichen größter Souveränität, dass sich sie sich auf der Zielgeraden ihrer Erfolge solche Fälle wie den mit Hinrichs zumuten, dass sie diese ganze Folge mit sich machen, ihren ganzen schönen Tatort quasi verhinrichsen lassen und als Grandseigneurs eux-mêmes zurückstehen in der Rolle der Regieanweisungserzähler. Die dann, wie in dieser herrlichen Szene, in der der Franz dem Ivo sein Leid klagt mit dem jungen Kollegen und ihn abschieben will ins Betäubungsdepartment, so trocken rumstehen hinter dem Rasensprenger, der einmal von rechts nach links und wieder zurücksprengt.

Hyperaktiver Lausbub

Denn natürlich ist Hinrichsens Gisbert eine "wahnsinnige Nervensäge", wie der Franz ihm später einmal sagt, und vermutlich gilt das nicht nur für Hinrichsens Gisbert, sondern auch für Hinrichsen selbst, dessen Kunst doch gerade im irrsinnigen Ego-Trip eines hyperaktiven Lausbuben (wie er auch immer rennt!) erst zum Ausdruck kommt. Man weiß vielleicht noch nicht, wofür es gut ist, aber für irgendwas ist es gut, womöglich für einen Begriff davon, was Theater heute sein kann jenseits des irgendwie kulturell interessiert wirkenden Alibis für Zahnärzte bei der Samstagabendgestaltung.

Hinrichs nämlich spielt seit geraumer Zeit, vermutlich seit der Textakribiemühle von Laurent Chétouane, keine Rollen mehr, sondern nur noch das Spielen selbst, also den Abstand zwischen sich und der Sprache des Textes, den er spricht. Den tiefsten Eindruck davon konnte man gewinnen, wo die Textakribiemühlung Chétouanes, vermittelt im Hinrichs-Körper, auf die scheinbarverzweifelte Repräsentationskritik René Polleschs traf, also etwa in Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang und Kill your Darlings! Streets of Berladelphia und ein wenig auch in Hinrichs erster Soloarbeit Die Zeit schlägt dich tot.

Da kam nämlich eine Art verunglückter Ulrich Wildgruber heraus aus diesem Hinrichs oder, positiv betrachtet, eine Form der Deklamation, die sich selbst erst überzeugen muss von dieser Deklamation, also der Art und Weise, wie man auf der Scene spricht oder besser gesprochen hat und heute eben nicht mehr ungebrochen sprechen kann. In der kinderheiseren Stimme von Hinrichs reiben sich das Quatschige und Übertriebene des Charakters, der dieser Schauspieler immer ist, am Ernst der Lage, mit dem sie es zu tun bekommen. Man müsste umgehend sämtliche Kohorten von Die-Zote-bei-Büchner-Magistranden und Die-Ironie-bei-Thomas-Mann-Promovenden in einem Exzellenz-Cluster zusammenschließen, um jene merkwürdige Balance genauer zu bestimmen, in der sich eigentliches und uneigentliches Sprechen bei Hinrichs befinden. Man weiß ja gar nicht, wo man mit dem Ernstnehmen und Drüberlachen anfangen beziehungsweise aufhören soll, in Sätzen wie: "Wollen wir vielleicht nach der Arbeit zusammen eine Hopfenkaltschale trinken – Hopfenkaltschale ist ein scherzhafter Ausdruck für ein Bierchen" – weil hier der Fahrlehrerwitz ("Hopfenkaltschale") mit der Kneipengemütlichkeit ("Bierchen") ausgetrieben wird und beides im Grunde unmögliche Positionen einer Sprache sind, die sich als erwachsen begreift. Bevor diese Eloge auf einen Schauspieler niemals endet, brechen wir hier abrupt ab.

Servus, Servus, Servus

Denn – dauernd dieses "Denn" – es ist nicht so, dass in Der tiefe Schlaf das Hinrichs-Theater (Standardsituationen der Hinrichs-Bühne: die Tonauswertungsszene – "Kenn gehen, kenn gehen. Das ist das, was wir von ihm haben!") im luftleeren Raum oder feindlicher Umgebung stattfönde. Regisseur und Drehbuchautor Alexander Adolph ist zu loben für den ganzen Fall, der dem Ivo und dem Franz die eigene  Trockenheit ("Idiot? Aber damit hab ich doch nicht den sympathischen Kollegen gemeint") noch in die ganze Inszenierung verlängert (die Servus-Servus-Servus-Läufe zu den neuen Leichen).

Und dazu gehört auch, dass der Film, nach dem Gisbert so schrecklich plötzlich stirbt (gut, die Privatverwicklung hätte es nicht gebraucht), ein wenig weiche Knie bekommt, weil der Ivo und der Franz dann plötzlich ihren Fernsehroutinen überlassen sind – so wie die Nebenrolle des großen Hans Jochen Wagner als schwäbelndem Anpasser natürlich auch dazugehört. Und dazu gehört ferner, dass die Geschichte den Straßenrandbeobachtertontechniker-Nerdismus von Gisbert ernstnimmt und den Franz am Ende in – auch tollen – Verfolgungshatzen durch den Wald den Fall lösen lässt mit einem Rest an metaphysischster Ungewissheit, ob der Fall durch den Tod des Mörders, den kein Mensch je von vorne sah, im Rechtsverkehr der bayrischen Landstraßen tatsächlich gelöst ist.

So könnten wir hier ewig totalbegeistert sein, etwa von der Musik (Christoph M. Kaiser und Julian Maas), die zum Klavier nur geht, wenn es nötig ist, und dann eine Etüde auflegt oder was Für-Elise-Haftes und am Ende Brian Enos Music for Bundesstraßen, und die in der Kirche bei der Trauerfeier für Gisbert Lilac Wine von Jeff Buckley spielt (obwohl da die Philologen streiten könnten, ob das nicht eine zu einfache Wahl für den Hinrichs-Charakter ist).

Aber irgendwann ist es ja auch mal gut. Wir legen uns jetzt schlafen und schon fest: Die Nachwelt wird Der tiefe Schlaf einmal als Meisterwerk handeln.

Etwas, das man den Enkeln aufs Kopfkissen sticken kann: "Ein Polizist wird immer nur dann gerufen, wenn etwas Schlimmes passiert ist, ein Polizist wird nie gerufen, wenn etwas Schönes passiert ist"

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht: "Jetzt hör' halt auf mit deinen Klugscheißereien"

Ein Klassiker unter den Gegenfragen, mit dem auch Atheisten arbeiten können : "Bin ich Jesus?"

Die englischen Wochen für den Tatort gehen weiter: Am Neujahrstag schon folgt eine neue Episode aus Köln.

21:45 30.12.2012
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