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Tatort Der Münchner "Tatort: Gestern war kein Tag" hat Demenz - was die erste Hälfte des Films lahm erscheinen lässt, den Ivo und den Franz aber von Witzen nicht abhalten kann

Der so genannte und hier durchaus geschätzte Problem-Tatort ist, wie wir Metaphernkönige sagen, ein zweischneidiges Schwert. Hell leuchtet sein Stern, wo er sich eher unbewusst an der Vermittlung von gesellschaftlichen Diskursen versucht (die Krise des modernen Mannes in Gestalt von Mittelstandsdarling Sebastian "Busy" Bootz aus Stuttgart). Finster wird es dagegen, wenn "Themen" vermittelt und zumeist statistisch unterfüttert werden, die angeblich im toten Winkel der öffentlichen Wahrnehmung liegen.

Bei dem Münchner Tatort: Gestern war kein Tag handelt es sich leider um zweiteres. Demenz ist in the house, und das genauso, wie sich der Arzt das vorstellt, also mit Rezept fürs Verständnis. Die erste Hälfte der Folge gehört allein der Darstellung des Problems, für die Günther Maria Halmer als Glasermeister Max Lasinger verantwortlich zeichnet. Problem bei der Demenzdarstellung gerade im Krimi ist nur leider: Keiner weiß, wann der Kranke wirklich was vergessen hat und wann er sich nur hinter seiner Krankheit versteckt. Diesen Zwiespalt wirft der Franz (Udo Wachtveitl) auf, wenn er den etwas pauschalisierenden Satz sagen darf: "Der Waffen der Alten sind ihre Krankheiten." Unbeantwortet bleibt die Frage, ob der Demenzkranke überhaupt zu solchem Hintersinn fähig ist.

Die Demenz-Darstellung beschränkt sich in Gestern war kein Tag zumeist aufs Rührende und Drollige. Das Drama – das hinter dem Verlust von Erinnerungsfähigkeit steht und das erahnt, wer seine Inge Jens gelesen beziehungsweise den in dieser Hinsicht doch recht überzeugenden Film An ihrer Seite (2006) von Sarah Polley gesehen hat – findet nicht so richtig statt. Olle Max macht Witze, wie sich vorm Doktor (Anian Zollner) auf der Stelle wackelnd im Kreise zu drehen. Vermutlich wäre dem Thema und dem Krimi mehr geholfen, wenn Demenz nicht im Zentrum des Falles stehen, sondern eher am Rande der Ermittlungen auftauchen würde.

Investigation vor Olympiapark

Immerhin kann man durch die etwas mühsame Performance von olle Max gut erkennen, worin das Geheimnis der gut eingespielten Komik vom Ivo (Miro Nemec) und vom Franz besteht: Sie ist ein Schutzschild gegen die Zumutungen der Wirklichkeit, in der sich die beiden Kommissare seit 20 Jahren bewegen, oder auch nur der Tatsache, dass nach 20 Jahren das Dasein eines deutschen Fernsehkommissar zwangsläufig zur Zumutung wird. Dazu gehört etwa, zu sprechende Personen wie den Arzt des Kranken bei den unmöglichsten Gelegenheiten (Mountainbiking!) vor eindrucksvollster Kulisse abzupassen (Olympiapark!).

Auch wenn die Regie (Christian Görlitz) nicht von besonderer Originalität ist (Lieder aus der Heimat singende Wäscheaufhängerinnen, die auf der Tonspur von Gedräue widerlegt werden, sind ein sicheres Indiz dafür, dass gleich was passiert), und die Könnerschaft des Kameramannes (Andreas Höfer) im limitierten Fernsehdauerinnen nicht recht zum Ausdruck finden kann, gewinnt gewinnt der Tatort in der zweiten Hälfte interessanterweise an Fahrt. Dann nämlich, wenn die Demenz-Mord-Theorie innerhalb der Glaserfamilie zugunsten der strukturellen Pflegekriminalität fallen gelassen wird, die der kleinbürgerdilettantische Anwalt (Jürgen Tarrach) gemeinsam mit dem familienfernen Toten betrieben hat. Warum Generalvollmachten ausgestellt werden müssen, wo Familienzusammenhänge noch vor Vereinsamung schützen, bleibt zwar genauso unklar wie das Vermögen, das durch die Überlassung von Generalvollmachten in hoffnungslos verschuldeten Familien angehäuft werden können.

Aber hier wollen wir einfach mal in Rechnung stellen, dass dem pekuniär interessierten Fiesling grundsätzlich alles zuzutrauen ist.

Vielleicht wär' das Geschäft dann nicht pleite gegangen: Wer Lasinger heißt und in Glaserei macht, könnte seine Bude doch auch "Glasinger" nennen (statt "Glas Lasinger")


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21:45 05.06.2011
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Ausgabe 41/2021

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