„Sie sind Butler“

Werkstattberichte „Toni Erdmann“ und „Vor der Morgenröte“ entstanden mit Beteiligung von Fernsehredaktionen. Zwei verantwortliche Redakteure über die Arbeit an den Filmen

„Wir hatten Schwierigkeiten“

Mich freut, dass unser Sender mit solchen Filmen in Verbindung gebracht wird. Es gibt zum Teil Kollegen, die nicht wissen, wie die Zusammenarbeit zwischen Kinofilm und Fernsehredaktionen läuft. Als herausragende Filme der letzten Zeit aus meinem Bereich würde ich nur eher Axolotl Overkill und Einsamkeit und Sex und Mitleid nennen, weil es da um Grenzüberschreitung geht. Weil Axolotl Overkill ein Film ist, den ich fast nicht hätte machen dürfen im Sender.

Wir hatten bei der Produktion Schwierigkeiten, weil diese Filme hier nicht verstanden werden. Da kommen viele mit „Deutscher Debütfilm“-Kriterien – vorhersehbare Ausgeflipptheit. Aber wenn es ausgeflippter als vorhergesehen wird, sind da Irritation und Kampf gegen die Regisseurin. Oder Einsamkeit und Sex und Mitleid – das wäre vor acht Jahren nicht gegangen. Wenn die deutschen Zuschauer und Kritiker nicht schon durch Serien ein experimentelleres Sehvermögen hätten, dann hätte der Film seine positive Resonanz mit Sicherheit nicht bekommen.

Vor der Morgenröte ist für mich vergleichbar mit dem, was bei Hannah Arendt schon gemacht worden ist. Ein sehr akademischer Film, aber auf höchstem Niveau. Bei Hannah Arendt bestand das Biopic ja auch schon nicht aus dem ganzen Leben – da erzählst du alles und definitiv nichts, das ist dann ein Abreißkalender. Also sind wir nur auf den Eichmann-Prozess gegangen. Bei Hannah Arendt war ich am Set von Margarethe von Trotta, und vorne wurden in Ist-Zeit Briefe aufgemacht und hinten klingelte es, und ich dachte, das kann doch nicht wahr sein, die können doch nicht einen Mantel aufhängen und den langen Weg zurückgehen. Das wirkte altbacken, aber in der Ruhe macht das einen Nachvollzug möglich. Da wirst du nicht am Kragen gepackt und durch ein Karussell der Ereignisse geschleudert.

Da würde Vor der Morgenröte für mich reingehören, noch mal extremer durch die vielen Plansequenzen, aber das, finde ich, ist eher ein kleiner Quantensprung. Normalerweise entwickele ich die Bücher eng mit den Autoren, in dem Fall war das Buch schon in einem weit fortgeschrittenen Zustand. Da war das definitiv nicht erkennbar. Was aber Bettina Reitz, meine damalige Chefin, und mich fasziniert hat: die ganzen recherchierten Originaltexte von der P.E.N.-Tagung, mit der der Film beginnt. Da merkst du: Das ist nicht am Bleistift knabbernd ausgedacht, sondern die haben sich Mühe gegeben, archäologische Ausgrabungsarbeiten zu machen und dem Raum zu geben. Dann gab’s aber auch Passagen wie den New Yorker Teil, wo ich das Gefühl hatte, auch im Film noch, das ist mir zu viel – noch ein Hund, noch ein Kind, noch ein Stück Vergangenheit.

Was mich komplett überzeugt hat, war der Teil in Brasilien, den wir auf São Tomé gedreht haben, wo die Überlebensschuld der Juden im Paradies spürbar ist. Und ganz großartig, letztlich der Ausschlag, war das Ende, dass man den Tod von Stefan Zweig über einen knarzenden Spiegel erzählt. Das sind Hinweise dafür – auch wenn du dir nicht vorstellen kannst, wie der Film nachher aussieht –, dass die Macher eine Form von geistiger Ansiedelung in der Geschichte haben. Da lohnt es sich reinzugehen als Experiment. Vom ersten Film von Maria Schrader war das für mich nicht hochrechenbar, das sind für mich zwei unterschiedliche Handschriften.

Cornelia Ackers ist Redakteurin im Bereich Kino und Debüt beim BR

„Die Verleiher sind spießig“

Das Fernsehen ist fürs Arthouse-Kino wichtig, aber was die eigene Rolle, den eigenen Beitrag betrifft, sollte man bescheiden sein. Die Kino-Ko-Redakteure – wie die Verantwortlichen für die Senderbeteiligung an Kinofilmen heißen –, die selbst Projekte anstoßen, sind rar. Wir sind eher Butler, Begleitende. Wie die Erziehung mit Kindern funktioniert – da ist es ja auch nicht so, dass man herrisch und anmaßend auftritt, sondern eher ordnet und verlässlich ist, eben da ist, präsent ist.

Der SWR ist nach wie vor einer der wichtigsten Partner in der ARD, das würde ich schon für uns reklamieren. Bei Toni Erdmann gab es übrigens auch Widerstand, obwohl wir einen Silbernen Bären gewonnen hatten für Alle Anderen. Als wir versuchten, Partner zu finden, sind beileibe nicht alle mitgezogen. Am Ende haben wir gottseidank den WDR gefunden und Arte.

Ich fand die Idee zum Film sofort großartig: Ein Alt-68er-Papa, der seine Tochter besucht, die als Unternehmensberaterin in Zwängen steckt. Einer, der viel mit dem Alt-68er-Papa von Maren selbst zu tun hat, der aus Karlsruhe kommt, sie ist da aufgewachsen. Ich komme aus Kehl am Rhein, das ist 60 Kilometer weg, ich kenne diese Milieus. Und dann weiß ich bei Maren, dass das ein komplexer Film wird. Dann Exposé und Treatment, ich habe das ins Lektorat gegeben, und das schloss mit dem Satz: „Entschieden keine Empfehlung.“ Die Lektorin ist eine sehr gute, mit der arbeite ich weiter zusammen, aber die hat das nicht verstanden. Das gibt’s halt. Blöd, habe ich gedacht. Und noch ein Gutachten bei einer befreundeten Verlegerin in Auftrag gegeben. Sie hat die Seele von der Geschichte begriffen.

Bei der Buchentwicklung war ich von Anfang an involviert. In Maren Ade haben Sie einen sehr starken Partner. Ich glaube, es gibt sieben, acht Vertraute, zu denen gehöre ich wohl auch, bei denen sie sich Feedback holt für ihre Arbeit. Sie ist unglaublich genau, unbestechlich.

Toni Erdmann ist Kino. Ein Film, der 170 Minuten lang ist, findet nicht so einfach eine Abspielfläche im Primetime-Fernsehen. Da habe ich das Glück als Kino-Ko-Redakteur, dass ich mich darüber hinweg setzen darf. Und mit dem SWR einen Sender hinter mir habe, der das für eine herausragende Kinoproduktion unterstützt. Da sind die Verleiher mitunter spießiger, wenn nicht panischer als wir. Ich kann denen sagen: Dieser Film darf keine Sekunde kürzer sein. Ich glaube schon, dass das eine meiner größten Leistungen ist, jede Minute von Toni Erdmann verteidigt zu haben. Jetzt können Sie mich natürlich fragen, ob ich als Fernsehredakteur wieder anders bin, wenn ich auf 88:30 Minuten bestehen muss. Das ist in gewisser Weise schon so.

Ich hab mit Maren Ade alle Filme gemacht. Deswegen ist es für mich schwer, mir vorzustellen, ob ich aus der Arbeit an Toni Erdmann etwas gelernt habe. Bestimmt, dass es wichtig ist, loyal zu sein. Sie sind eine Art Hebamme, ein Geburtshelfer im guten Sinne, sie schützen die Idee, geben dem Projekt früh Unterstützung, die ihm bei den Förderern hilft.

Aber man darf die eigene Rolle auch nicht überbewerten. Ich glaube schon, dass das Beispiel Ade andere ermuntert, auch so aufzutreten. Aber dazu brauchen Sie auch diese Qualität. Maren Ade zählt für mich zu den wichtigsten Regisseuren, die wir im Moment haben.

Ulrich Herrmann ist Tatort-Redaktionsleiter im SWR und macht Kino-Ko-Produktionen

Protokoll: Matthias Dell
06:00 02.08.2017
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