Vielleisch' ä Hartz-IV-Bier?

Tatort In "Tod einer Lehrerin" zeigen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und der schlimme Kopper (Andreas Hoppe) westliche Werte im deutsch-afrikanischen Begegnungszentrum vor

Ludwigshafen saugt. Und da erinnern wir gar nicht an diesen schlimmsten aller jemals gesendeten Tatort-Filme vor der Fußball-WM der Frauen – wobei, das soll nicht verschwiegen werden – ein kluger Kollege diese furchtbare Folge seinerzeit als lobenswertes Exempel allen hier geschätzten Sozialdemokratismus gelesen hatte. Ludwigshafen saugt auch so.

Tod einer Lehrerin klingt im ersten Moment nach einem Titel, wie ihn in seiner gruselig-klagenden Sachlichkeit nur Herbert Reinecker hätte erdenken können. Entpuppt sich aber erneut als Ausflug in eine gesellschaftliche Wirklichkeit, die hinter den Stand aller Bestrebungen zurückfällt, die autochthone Bevölkerung in diesem Land doch noch von ihrer vorurteilsbehafteten Schollenhaftigkeit zu emanzipieren (Buch: Thomas Freundner, Hans Gerd Müller-Welters, Regie: Freundner).

Dass Hausmeister im Pfälzischen den Menschen, die anders aussehen als pfälzische Hausmeister, Dingstatus zusprechen ("Schwarz? So was wohnt hier nicht"), dass die Differenz des Andersaussehens selbst da noch durch die Kommissare markiert werden muss, wo Unterscheidung sich leicht herstellen ließe (Frage zu einem Foto, auf dem ein Mädchen und ein Junge zu sehen sind: "Kennen Sie das schwarze Mädchen?") – geschenkt. Aber dass so etwas wie Spannung mit den billigsten Mitteln eines problemdiskursiven Kurzschlussdenkens hergestellt werden soll (Wird es den Kommissaren gelingen, den Fall zu lösen und zugleich noch die spätauftauchende Beschneidung der jüngeren Steger-Tochter zu verhindern), das ist ein Hund, der mindestens so dick ist wie Koppers Plautze (Andreas Hoppe).

In Anführungszeichen

Die Lehrerin also ist tot, ertränkt in ihrem Salzwassernatursteinaquarium, sie war einsam und sie unterrichtete an einer Hauptschule, die von der eigenen Direktorin als "Brennpunktschule" qualifiziert wird – was illustriert wird durch Kinder, die zu Stundenbeginn mit Papierkügelchen schmeißen; gemessen daran, wie es einst unter dem Pauker aka Heinz Rühmann in den guten, alten fünfziger Jahren herging, ist das Kindergarten.

Die Ermittlungen führen in die Szene der deutsch-afrikanischen Begegnungszentren, deren Akteure von Menschen, mit denen wir nichts zu tun haben wollen, umgehend mit diesem Wort benannt würden, das wir nur mit Anführungszeichen anfassen. Der Vorteil für den Krimi ist, dass man bei "Gutmenschs" (never use it again!) noch besonders toll den Dreck finden kann, der am Stecken klebt. Dabei würde man sich doch auch einmal wünschen, dass die womöglich überkompensatorische Begeisterung für das häufig diskriminierte L'autre, als die "Afrika"-Verbundenheit von Frau Großmann, anders dargestellt werden könnte als im Modus der Überführung, dem hier das Ärzte-und-Begnungszentrumsleiterinnenpaar Großmann (Stephan Schwartz, Petra Zieser) ausgesetzt ist (was ist das für ein trauriges Geständnis von Frau Großmann am Ende, Gedichtrezitation fünfte Klasse). Außerdem will uns nicht einleuchten, dass ein deutsch-afrikanisches Begegnungszentrum nicht zu mehr Binnendifferenzierung in der Lage ist, als sie sich im Veranstaltungsmanagement eines "Afrika"-Festes zeigt (wobei ganz groß inszeniert ist, wie Lena Odenthal auf diese hotten Veranstaltungstipp stößt – dieses Internet, wer hätte das gedacht).

Wo wir schon beim Wünschen sind: Auch sehr schön wäre es, wenn Florence Kasumba, die hier die Schwarze Witwe einer Tradition spielt, die ihre nicht ist (Dafina Steger), in ihrem nächsten Tatort vielleicht nicht schon wieder ein Ausländerdeutsch radebrechen muss, was sie nicht gut kann, weil sie doch, wer sollte das glauben, fließend deutsch spricht.

Hosen runterlassen

Das Übel besteht in Tod einer Lehrerin aber wie gesagt darin, wie alles miteinander verkettet ist. Dafina hat sich zwar soweit assimiliert, dass sie in den monogamischen Begriffen europäischer Zweisamkeit (Eifersucht) angelangt ist, das rostige Besteck der Beschneidung aber wird gepflegt wie ein geheimer Schatz von in Beton gegossener Identität, die aus diesen somalischen Flüchtlingen einfach nicht rauszukriegen ist. Und auch wenn es für den grausamen Akt eine empirische Grundlage gibt, dann sollte man daraus dramaturgisch keinen Joker machen, der im letzten Moment gezogen werden und die moralische Überlegenheit umgehend herstellen kann. So aber bleibt diesem schrecklichen Kopper, der mental noch im Italienurlaub von 1980 – spielt hier eine Rolle im privaten Bereich – festhängt, nichts anderes übrig bleibt, also wiederum die Hosen runterzulassen, um eindrucksvoll vorzuführen, dass er die größten westlichen Werte hat ("Was haben Sie denn da gemacht in Afrika? Kinder verstümmelt?").

"Da hört's bei mir echt auf mit Toleranz", sagt Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) am Ende, damit wir wissen, wie der Hase läuft, und weil sie sich doch vorher Mühe gegeben hatte, den Namen von Dafinas Tochter richtig auszusprechen ("Eeesche oder Esche?"), können wir ihr jetzt auch glauben, dass es mal gut ist. Nur leider hat das, was Lena Odenthal meint, mit Toleranz nichts zu tun. Die Toleranz muss sich in diesem Setting vorkommen wie im Ungarn-Urlaub: Sie wird hier einfach nicht verstanden

Eine übersichtliche Preisgestaltung, von der man dachte, dass sie die Mehdorn-Ära nicht überlebt hätte: "9,50 Euro ICE-Zuschlag"

In Ludwigshafen trägt der reifere Mann das Haar noch offen: der Vater von der jungen Refendarin mit der "Mario"-Kette, die doch nicht Koppers Tochter ist; der Vater von Paul, der dem Kommissar ein Bier offeriert

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21:45 11.09.2011
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Ausgabe 43/2021

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