Was der Rosa Hase empfahl

Kolonialgeschichte In Berlin heißt das Gröbenufer jetzt May-Ayim-Ufer. Erstmals wird damit eine afrodeutsche Aktivistin gewürdigt, wo früher an einen Kolonialisten erinnert wurde

In zweifacher Hinsicht war der 27. Februar ein bemerkenswerter Tag. Zum einen beschloss „Pink Rabbit“ sein politisches Geschäft. Dieser Rosa Hase war 2009 als überdimensioniertes Realmaskottchen der herrschaftskritischen Naturfreundejugend Berlin bei Veranstaltungen aufgetreten, die deutsches Gedenken weihevoll zelebrierten: Valkyrie-Premiere mit Tom Cruise, 60 Jahre Bund der Vertriebenen oder das Reenactment 2.000 Jahre Varusschlacht. Eine andere Aktion des politischen Spaßguerilleros war die demonstrative Umbenennung der Berliner Mohren- in Möhrenstraße.

Diese Aktion führt zum zweiten bemerkenswerten Ereignis dieses Tages. Das Gröbenufer in Berlin-Kreuzberg heißt seitdem nach der afrodeutschen Wissenschaftlerin und Dichterin May Ayim (1960-1996). Ersetzt wurde der Name des Offiziers Friedrich von der Groeben (1656-1728), der im heutigen Ghana eine Handelskolonie als Stützpunkt für den Sklavenhandel etabliert hatte. So unbedeutend die kurze Straße an der Spree sein mag, so bedeutsam ist der Vorgang für das schläfrige deutsche Geschichtsbewusstsein: Während bei der Umbenennung der Münchner Von-Trotha-Straße in Hererostraße 2007 an die Stelle des Täternamens derjenige der Opfergruppe trat, wird nun eine Person gewürdigt, deren Arbeit sich auch mit dem deutschen kolonialen Erbe kritisch befasste.

Dabei deutet nicht nur die Tatsache, dass es 2010 werden musste, um diese Umbenennung durchzusetzen, auf die Schwierigkeiten, die Deutschland mit seiner Kolonialgeschichte hat. Auch an kritischen, gar gehässigen Beiträgen zur Umbenennung herrscht kein Mangel. So sprach der Historiker Götz Aly in der Berliner Zeitung von „Straßenschändern“ in der Tradition von „zwei Diktaturen“, die „en masse leichtfertige Umbenennungen“ vollzogen, „weil sie sich als Sieger der Geschichte“ sahen. Einmal abgesehen davon, dass „leichtfertig“ das falsche Wort ist für den langwierigen Prozess, der der Umbenennung in Kreuzberg vorausging – zugunsten von Götz Aly darf man annehmen, dass er es für keine verfehlte Gedenkpolitik hält, wenn auch im Westen Deutschlands nach dem Krieg die Adolf-Hitler-Straßen andere Namen erhielten.

Die Neubewertung von Geschichte steht, ganz pragmatisch, immer vor dem Problem der Balance: Fragen aufzuwerfen, ohne alles in Frage zu stellen. In dem Dossier, das die von May Ayim mitgegründete Initiative Schwarze Deutsche angefertigt hat, findet sich eine Auflistung von Namensgebern Berliner Straßen, die in Zusammenhang mit der deutschen Kolonialgeschichte stehen. Da finden sich Kaiser Wilhelm, Bismarck und der einstige Vizepräsident der Deutschen Kolonialgesellschaft Konrad Adenauer. Eine Umbenennung wird maßvoll aber nur dort gefordert, wo der koloniale Bezug eindeutig ist. Insofern sind aufgeklärter als ihre Kritiker die so genannten Straßenschänder: Ihnen geht es nicht um Tabula rasa in stalinistischer Manier, sondern um ein kritisches Geschichtsbewusstsein. In München etwa wird dies durch Gedenktafeln angestrebt und in Hamburg, Saarbrücken oder Freiburg von verschiedenen Initiativen betrieben.

All jenen, die am Gröbenufer ihre Zuneigung zu den Seiten der deutschen Geschichte entdeckt haben, an denen das Problematische nicht getilgt werden soll, sei gesagt, dass der Name May Ayim genau diese Geschichte weiterhin erzählt – aus einer anderen Perspektive. All jene aber, die einmal angefangen haben, über die Probleme einer Repräsentationspolitik nachzudenken, wie sie sich in einigen Straßennamen äußert, landen früher oder später bei den Fragen, die der Rosa Hase stellt. Heute ist nicht alle Tage, er kommt wieder, keine Frage.


13:00 03.03.2010
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