Zurecht

Tatort 15 Jahre Tante Lürsen: Bremens "Tatort" feiert seinen größten Erfolg mit einer beachtlichen Folge, in der Details und Miniaturen überzeugen: "Hochzeitsnacht"

Seit 1997 schreibt der Bremer Tatort eine Geschichte, die zuvor nur als Fragment existierte. Vor Tante Lürsen (Sabine Postel) gab es bekanntlich nur eine Folge mit Kommissar Böck (Heinz Häckermann). 1973, Doktor Wedel inszeniert, Ein ganz gewöhnlicher Mord, zweifellos eine Perle der Reihe, Delirium total, Günter Strack amüsiert sich als Vertreter mit zwielichtigen Gesellen und wird am Ende ausgenommen, grandiose Sangeseinlagen in Bars before Gentrification, alles in dieser Folge ist den entscheidenden Tick drüber, der Kommissar wuselt zwischen seinem Apparat und ist, was für eine Leistung, ein halber Unsympath, aber trotzdem der Held, mit dem sich identifizieren soll. Es war halt eine andere Zeit, so was macht heute höchstens noch Dominik Graf.

Interessant am Lürsen-Vorgänger ist auch, dass es nur zu einer Folge gereicht hat und ein paar Gastauftritten (die angesichts der vielen Neustarts in dieser Saison – Dortmund, Erfurt, Schweiger, WWM*, Sarrebruck – vielleicht wieder Schule machen sollten zur Zuschauerorientierung), und diese raren Auftritte von Böck (der dann Anfang der achtziger Jahre in Lübeck nochmal Beck heißt) bilden die Rolle von Radio Bremen in innerhalb der ARD vielleicht am besten ab. Dass es mit Tante Lürsen nun für zwei Folgen pro Jahr reicht, geht nur, weil wie in Hochzeitsnacht dann noch ein koproduzierender WDR-Redakteur in den Credits auftaucht. Da könnte man auch noch mal drüber nachdenken, dass das kleine Radio Bremen (der Saarländische Rundfunk schaffte zuletzt einen Tatort pro Saison) so viel Energie ins Auftauchen steckt.

Ob nun Hochzeitsnacht bewusst als die Jubiläumsfolge konzipiert ist, als die sie jetzt gefeiert wird, man weiß es nicht. Was man weiß: not that bad. Einheit des Ortes und der Zeit: Tante Lürsen und Stedefreund (Oliver Mommsen) rücken bei einer Hochzeit im Umland an, das – watch out den Deich – doch recht schön ins Bild gesetzt ist (Kamera: Marcus Kanter). Auch die Feier selbst, Delirium delight, der alte, superphallische ("Dein Leuchtturm steht jetzt anderswo") Udo-Jenny-Jürgens Klassiker "Liebe ohne Leiden", und vor allem Ulrich Bähnks Bräutigamsvater Schröder gelingt eine, sagt man das noch, saftige Unmittelbarkeit.

Dirty Doerings Buddy

Die putzige Gesellschaft, die zu den Klängen von – für Freunde von Dirty Doering, also des alliterarisierenden DJ-Namings – von Rockin' Reiner (schöner Schnauz: Timo Jacobs) wird leider überfallen von zwei Rächern aus dem Gestern und dem Morgen. Das Gestern representet Wolf Koschwitz (ein Gesicht, in das man ewig schauen könnte: Dennis Moschitto), das Morgen Simon (Sascha "Ferris MC" Reimann), der, und da fängt das Gemaule an, aber nicht durchkommen wird mit seinem Plan, hier per Überfall sich die Zukunft schön einzurichten. Das weiß man doch bald, aber gut; Verbrecher sind so, sie bereiten sich einfach zu schlecht vor.

Zumal's vor allem um das Gestern geht: dass Koschwitzen da Rache, nicht Gerechtigkeit will für die Haftjahre, die er verbüßt hat für einen Mord, den er nicht begangen hat. Die Integration der Geschichte (Buch: Jochen Greve, Regie: Florian Baxmeyer) in den Tatort gelingt in Hochzeitsnacht so halb. Was zu den Schwierigkeiten führt, die man mit Tante Lürsen haben kann: dass sie, anders als zum Beispiel seinerzeit Häckermanns Böck, eben immer ein wenig rausfällt aus dem Milieukolorit. Inga Lürsen ist so eine all-time-gerechte Fernsehnase, die das Intrinsische nicht so hinkriegt, wie es die verruchte Dorfgesellschaft verlangt.

Sieht man am besten daran, wie Lürsen ihre Teilhabe am Regiment der Geiselnehmer einklagt ("Lassen Sie mich dabei sein, bei der Suche"). Das bleibt dem ganzen äußerlich: Hier ist der Stoff, und da wird dann die Tatort-Technologie draufgesetzt, Ermittlung während laufender Geiselnahme, die schwankt zwischen mittelalterlichen Praxen der Entschuldung (man schiebt's irgendwann auf den Dorfdeppen Oswald, gespielt von Michael Witte) und der aufklärerischen Rationalität vom Polizeiapparat.

Provinzverzweiflung

Ein wenig trägt zum Spannungsabfall bei, dass man von dieser toten Carola kein Bild hat und ihre Geschichte relativ umstandslos durch Leute rekonstruiert wird, die einem kaum vorgestellt wurden. Da kann es schon mal schwummrig werden im Kopf, und am besten klappt's mit den Miniaturen wie bei diesen Carola-Eltern (die große Marion Breckwoldt, Oliver Bäßler). Der männliche Lustmord an der begehrenswerten jungen Frau, der in den siebziger Jahren noch als Motiv gereicht hätte, wird hier eingebettet in die Dorfökonomie aus depressivem Drogenabusus (das ist immerhin schön betont als Provinzverzweiflung) und Machenschaften (Lagerhallenbau), bei denen man dann doch mal überlegt, ob so dicke Intrigen (Carola als bezahlte Geliebte zum Schmieren von Schröder) überhaupt nötig sind in überschaubaren Klüngeln, wie sie auf dem Dorfe doch beim Bier performt werden könnten.

Dramaturgisch geht sich das alles nicht so ganz aus, was vor allem die Polizei zeigt, die durch den gassigegangenen Stedefreund alarmiert, mit ihrem High-Tech-Occupy-Camp anrückt und die Computer hochfährt, sich davor aber anstellt, mit ihren rotblinkend-vermummten Scharfschützen die beiden dilettantischen Geiselnehmer gleich bei erster Gelegenheit volley zu nehmen. Dann wäre der Film ja vorbei gewesen, und weil man das merkt, ist's etwas schal.

Der private Beef zwischen Stedefreund und dem totalunsympathischen Einsatzleiter (Arved Birnbaum) kommt dementsprechend überflüssig daher. Und der Etappentod, der's dann gewesen ist bei Carola, ist die zeitgemäße Konzession ans Cluedo-Spielen heute, bei dem sich die Spannung auf den einen zu findenden Mörder nur behaupten lässt, wenn die Tat gestreckt wird durch einen Unfall, den die Braut mit ihrer besten Freundin hatte.

Hochzeitsnacht ist also zuerst eine Folge, in der Details überzeugen, wozu auf jeden Fall dieses fancy Rollladenrunterlassen gehört mit dem Teppichmesser. Da denkt man natürlich umgehend an die Flex, mit der letzte Woche in Kiel Eintritt erzwungen wurde.

Eine Einsicht, die man möglichst früh haben sollte: "Tanzen, davon kann man leider nicht leben"

Ein Beschreibung, die nicht für den Grabstein taugt: "Sie war faul"

21:45 16.09.2012
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