Deutsche Fiktion I

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wir schreiben das Jahr 2029, September. Das Land hat den heißesten Sommer mit den meisten Unwettern hinter sich. Mal wieder.

Sigmar Gabriel geht in seinem Büro im Kanzleramt auf und ab, er ist unruhig. Immerhin schwitzt er nicht mehr so, wie die letzten 5 Monate, als das Hemd ständig am Körper klebte, weil er per Verordnung den Betrieb von Klimaanlagen hatte verbieten müssen. Ausnahmen konnte sich gerade niemand leisten, dafür war die Stimmung zu brisant. Die ersten Stromausfälle waren glimpflich ausgegangen, alle Notstromaggregate waren angesprungen. In den Kühlhäusern war es kühl geblieben, in den Krankenhäusern hatte es ein kurzes Flackern des Lichts gegeben, hier und da hatte es kein Telefon und Internet gegeben. Als die Frequenz der Stromausfälle jedoch zugenommen hatte, war die Versorgung mit Diesel für die Generatoren immer schwieriger geworden. Diesel, dachte Gabriel, dieses teure Scheißzeug, überall hatte es nach Fritten gestunken, das war allerdings nicht so schlimm gewesen wie der Geruch von verwesendem Fleisch, der Mitte Mai die Städte umgeben hatte. Tierkadaver waren mit großen Gerät verbuddelt worden, solange die fuhren zumindest. Danach waren junge Rekruten eingesetzt worden.

Ihm war immer noch schleierhaft, wie es zu diesem Drama hatte kommen können. Und noch viel schleierhafter war ihm, wie es nun weitergehen sollte. Mitte letzten Jahres, kurz vor seiner Wiederwahl hatte es Aufstände in den Staaten im nördlichen Afrika gegeben. Die Demokratiebewegungen in der Region hatten an Einfluss gewonnen und die Bevölkerung mobilisieren können. Die Forderung der Menschen war prinzipiell verständlich, dachte der Kanzler.

Im Jahr 2012 wurden die ersten Solaranlagen in der Sahara aufgestellt und der Strom nach Europa geleitet worden. Die ersten Anlagen waren klein, es ging darum Erfahrungen zu sammeln, vor allem mit den langen Leitungen durch das Mittelmeer. Als nach und nach die Atomkraftwerke abgeschaltet worden waren und die Fossilen Brennstoffe den Bedarf nicht mehr decken konnten, war mehr und mehr auf den Solarstrom aus der Wüste gesetzt worden. Sahanerigie im Volksmund. Die Felder waren mittlerweils groß genug um sie von der ISS aus zu sehen. Die Sahanergie war perfekt gewesen. Sichere Energie, Arbeitsplätze, Export. Die Gutmenschen der Republik hatten immer wieder darauf hingwiesen, man unterstütze mit den Mietzahlungen diktatorische Regime, den Strom hatten sie trotzdem genutzt. Alternativen aufgezeigt hatten sie auch nicht. Alle hatten von dem Projekt profitiert, bis zum April.

Die erste Sprengung war fast spurlos am Netz vorbeigegangen. Der geringe Energieabfall hatte aufgefangen werden können, die zerstörte Leitung war repariert worden. Doch bereits zwei Wochen später hatten die Attentäter gelernt und zentralere Punkte angegriffen und zerstört. Seit Mitte Juni war die Lage außer Kontrolle geraten, und gipfelte im Umsturz aller Regime in den Staaten mit Solarfarmen. Die neuen Regierungen verlangten Preise für den Strom, der jeder Grundlage entbehrte und war zu keinen Verhandlungen bereit. Der Lebensstandard in ganz Europa war bedroht. Gabriel hatte im Kabinett darüber beraten lassen, wobei allen klar geworden war; Menschen denen heiß war, waren genervt, Menschen die angst vor dem erfrieren hatten waren gefährlich. Und die Winter waren immer noch kalt, vor allem im Dezember und Januar.

In fünf Minuten stand eine Telefonkonferenz an, mit allen Regierungschefs Europas, jetzt war ihm doch heiß geworden. Dabei gab es gar keinen Grund aufgeregt zu sein, alles war bereits besprochen, die Vorbereitungen liefen bereits seit Wochen, es musste nur noch Beschlossen werden, sozusagen für das Protokoll. Der Kanzler schaute hinaus in die Nacht und kam sich einsam vor, das Telefon klingelte.

Eine halbe Stunde später um 23 Uhr ruft Gabriel seinen Kanzleramtsminister an:

"Kalle, in einer Stunde ist Pressekonferenz. Wir sind im Krieg."

Aus einer Tageszeitung des folgenden Tages:

"Befreiung hat begonnen

Die Armeen der europäischen Staaten haben damit begonnen, den Regierungen, welche in den letzten Wochen gewaltsam geputscht worden sind zur Hilfe zu eilen. Seit 0:00 Uhr heute nacht wurde Rebellenstandorte in Marokko, Algerien, Libyen und der Regierungssitz in Kairo durch Luftangriffe belastet. In Tunesien begann eine große Landeaktion der Bodentruppen und weitestgehender Schonung der Bevölkerung."

Weiter zu Teil II

20:32 27.06.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

merdeister

Ein guter Charakter erzieht sich selbst. - Indigokind - Blogtherapeut
merdeister

Kommentare 22