Eingeimpft, Zweigeimpft -oder- Impfen II

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Prolog:

Wenn eine Impfung die Produktion von Antikörpern auslöst, die ein Antigen (z.B. ein Virus(teil)) bekämpfen, warum kann eine zweite Impfung dann noch wirken? Denn, die Antikörper der ersten Impfung fangen das Antigen doch ein, so dass es zu keiner Reaktion kommt.

Die ausführkiche Form dieser Aussage ist hier zu finden (ganz unten). Da ich finde, dass dieser Einwand auf den ersten Blick tatsächlich berechtigt erscheint, möchte ich einen zweiten Blick wagen.

Bevor das möglich ist, möchte ich einige Protagonisten der heutigen Geschichte kurz vorstellen. Danach werde ich einen Vergleich anstellen, der weder dem Immunsystem, noch dem Vergleichsobjekt wirklich gerecht wird, hoffentlich aber dem Verständnis dient.

Antigen:

Im Grunde bedeutet Antigen nur, dass es sich um etwas handelt, was die Produktion von Antikörpern auslöst. Beispiele dafür sind Teile von Viren oder bestimmte Oberflächenmoleküle von Bakterien. Auch körpereigene Strukturen können antigen wirken, doch es gibt "Sicherungssysteme" um das zu verhindern (was nicht immer funktioniert).

Antikörper:

Antikörper sind Moleküle, deren Form ungefähr einem Y ähnelt. Der Fuß des Y passt in Rezeptoren von verschiedenen Zellen des Immunsystems. Die beiden Arme können sich an Antigenstrukturen anheften. Jeder Mensch hat ca. 1 000 000 unterschiedliche Antikörper, theoretisch ist eine Zahl von 10 000 000 000 000 unterschiedlichen Antikörpern denkbar.

Antikörper haben verschiedene Möglichkeiten auf Antigene zu reagieren:

  • Antikörper können ein Bakterium opsonieren, was bedeutet, dass sie Fresszellen anzeigen, dass es hier etwas zu tun gibt ("lecker machen").
  • Sie haben die Möglichkeit Viren zu binden, so das diese nicht mehr an Zellen andocken können.
  • Sie können Rezeptoren von Zellen blockieren oder aktivieren, sie können gegen andere Antikörper gerichtet sein und gegen Körperstrukturen.

Damit ist die Liste weder komplett, noch ist alles rund um die Antikörper aufgeklärt.

Unspezifisches Immunsystem (UI) Dabei handelt es sich um den Teil des Immunsystems, der im Falle einer Infektion zuerst aktiv wird. Die Reaktion des unspezifischen Immunsystems läuft nach denselben Mustern ab, unabhängig davon, wie oft es mit einem Erreger in Kontakt kommt. Die Reaktion ist dabei nicht spezifisch auf einen Erreger gerichtet. Die Zellen des UI reagieren dabei auf bestimmte (Molekül-)Muster, welche die meisten Erreger vorweisen. Die Zellen des UI können Antigene in sich aufnehmen und diese an ihrer Oberfläche zeigen.

Spezifisches Immunsystem (SI) Dieser Teil des Immunsystems muss erst durch das UI aktiviert werden. Die Reaktion kommt später in Gang, ist dafür jedoch auf einen bestimmten Erreger maßgeschneidert. Bei einem erneuten Kontakt mit dem Erreger reagiert das SI deutlich schneller, so dass man davon im Idealfall nichts merkt. Bestimmte Zellen (B-Lymphozyten) des SI stellen die Antikörper her. Die Antikörper entstehen dabei durch die zufällige Aneinanderreihung von Aminosäuren im Bereich der Arme des Y, die B-Zellen verändern dafür ihre Erbinformationen! Die T-Lymphozyten können keine Antikörper herstellen, helfen aber den B-Zellen oder töten kranke Körperzellen.

Im folgenden versuche ich ungefähr zu beschreiben, wie eine normale Immunreaktion abläuft

Erstkontakt mit dem Erreger:

Das UI ist so einen Art Bereitschaftspolizei. Überall, wo etwas passieren könnten, stehen BereitschaftspolizistInnen herum und passen auf. Sie erkennen ihre Zielpersonen, z.B. Fußballfans an der Flasche Bier in der Hand (unspezifisches Antigen) und dem lauten Fangesang (unspezifisches Antigen), weil das zwei Eigenschaften sind, welche die meisten Fußballfans teilen (zumindest in meiner Geschichte). Solange alle Fußballfans da bleiben wo sie hingehören und keinen Ärger machen, bleibt auch die Bereitschaftspolizei locker. Wenn es aber Ärger gibt, verändern sie ganz schnell ihr Verhalten und ihr Äußeres und versuchen die Situation mit eingeübten Taktiken wieder in den Griff zu bekommen.

Dabei steht auch immer jemand am Rand und schaut sich genau an, wer den Ärger provoziert. Gibt es ein Merkmal (spezifisches Antigen), dass diese Rabauken von den Fans unterscheidet? In diesem Fall ein bestimmter Aufnäher (spezifisches Antigen) auf der Jacke. Wenn dieses Merkmal gefunden ist, bringt ein Bereitschaftspolizist (UI) diese Information auf eine Wache und teilt es einem Kriminalpolizisten (B- und T-Lymphozyten) mit. Dieser macht sich daran mehr Informationen zu sammeln, um die Rabauken beim nächsten Spiel nicht in die Stadt zu lassen. Die Information über den Aufnäher geht dann an die Streifenpolizisten (Antikörper).

Als das Spiel vorbei ist sehen ein paar Straßen aus wie ein Schlachtfeld, doch letztendlich hat die Bereitschaftspolizei es geschafft, die Lage in den Griff zu bekommen.

Zweitkontakt mit dem Erreger:

Vor dem nächsten Spiel wissen die Streifenpolizisten (AK) wie die Rabauken aussehen (welche Antigene sie auszeichnen), die nicht in die Stadt dürfen. Sie laufen überall herum, schauen sich die Gegend an und sprechen mit den Bürgern. Plötzlich sehen sie einen von den Rabauken, laufen sofort auf ihn zu und fangen ihn ein. Gleichzeitig ruft einer der Streifenpolizisten Verstärkung, weil im Ganzen Stadtteil Rabauken gesichtet werden. Die Verstärkung ist auch ganz schnell da und hat in kurzer Zeit alle Rabauken eingefangen.

Die Kriminalpolizisten kommen nochmal vorbei und schauen sich die Fans an, um zu überprüfen, ob ihre Informationen stimmen. Die neu gewonnenen, noch genaueren Informationen geben sie wieder an die Streifenpolizisten weiter. Außerdem rufen sie Kollegen in anderen Städten an und erzählen ihnen, was sie wissen, so das irgendwann überall jemand ist, der die Rabauken erkennen kann (B-Lymphozyten und T-(Memory)-Lymphozyten).

Die Impfung:

Erste Impfung:

Die Fans sind so betrunken gemacht worden, dass sie kaum einen Fuß vor den anderen bekommen. Aber sie versuchen trotzdem Randale zu machen. Damit die Bereitschaftspolizei (UI) das auch merkt bekommt jeder Fan einen Marktschreier (Adjuvanz) an seine Seite. Der brüllt die ganze Zeit, hier würde einer Randale machen. Die Bereitschaftspolizei kommt und nimmt die Jungs mit. Pflichtbewusst werden die Informationen über die Fans zur Wache gebracht und von der Kriminalpolizei (B- und T-Lymphozyten) verarbeitet, wenn auch nicht mit hoher Priorität. Ein Paar Streifenpolizisten (AK) bekommen die Informationen und schauen sich in den Straßen um.

Zweite Impfung:

Die Fans sind auch jetzt wieder sehr betrunken und können kaum Schaden anrichten, und sie haben wieder Fischverkäufer dabei. Die Streifenpolizisten entdecken sie dieses mal schnell und rufen wieder die Kriminalpolizei. Die schaut sich die Fans nochmal genauer an und gibt, zur Sicherheit die Informationen an alle Streifenpolizisten.

Kernaussage:

Die bei der ersten Impfung entstandene Antikörper lassen das Antigen nicht einfach verschwinden. Sie binden an das Antigen und sorgen so dafür, dass andere Immunzellen dieses schnell weiter verarbeiten können. Dadurch kommt es im Ernstfall zu einer schnellen und effizienten Immunreaktion, man versucht die Immunreaktion durch die zweite Impfung zu "boosten".

Zu "Impfen I" geht es hier entlang.

Update: 14.2.11 1:06Uhr

Hier gibt es noch ein Video dazu.

Um im Bild zu bleiben, handelt es sich bei den gelben Zellen mit den vielen Armen um die Bereitschaftspolzei (UI), die beiden kleinen, runden Zellen (gelb und Blau) sind die Kriminalpolizei (SI) und die kleinen gelben Ys sind die Streifenpolizisten.





Anmerkung:

Dieser Beitrag war vor 1h bereits schon einmal online, wurde jedoch, aus Unfähigkei seine Spielzeuge zu bedienen vom Blogger aus versehen gelöscht. Ich bitte dies zu entschuldigen, vor allem falls Kommentare mit gelöscht wurden.

23:25 13.02.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

merdeister

Ein guter Charakter erzieht sich selbst. - Indigokind - Blogtherapeut
merdeister

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richard-der-hayek | Community