Meyko
26.04.2012 | 14:13 30

Urheber am Lagerfeuer

Urheberrecht. Patti Smith: "Wer das Copyright an seinen Arbeiten verkauft, dem gehört die eigene Kunst nicht mehr. Man gibt einen Teil von sich für Geld weg - find ich furchterregend."

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Meyko

Wer in grauer Vorzeit am Lagerfeuer die besten Geschichten erzählte, war, wie anzunehmen ist, meist beliebt und geachtet. Egal, ob er mündlich überlieferte Legenden, Ausgedachtes oder selbst Erlebtes erzählte.http://u.jimdo.com/www9/o/s144791446748fbe0/img/ia84d084d2819dd60/1323453712/std/feuer-und-wasser.jpg Wer eine Geschichte an seinem Feuer als Erster erzählte, war derjenige, der sie in die Welt der Zuhörer brachte und somit war er für sie auch der eigentliche Urheber. Ein ausgeprägtes Gedächtnis und etwas Erzählkunst halfen, die jeweilige Beliebtheit zu festigen. Vermutlich gab es dafür nicht nur freundliche Aufmerksamkeit, sondern eventuell auch das größere Stück "Mammutfleisch" oder das besondere Interesse des jeweils begehrenswerten Geschlechts.

Irgendwann - etliche Jahrtausende waren so ins Land gegangen - wurde dann der Buchdruck erfunden und die Verbreitung der Geschichten ging nicht mehr unbedingt persönlich vonstatten. Die Erzähler, die manches Mal auch die Urheber der Geschichten waren, bekamen nun Geld und überließen die Verwertung ihrer Werke Anderen. Den Druckereien beziehungsweise den Verlagen. Dem Verlagsrecht folgte im September 1965 ein zusätzliches Urheberrecht. Dieses sollte die Autorenwerke schützen und war ein Teil der zukünftigen Geschäftsgrundlage. Es entwickelte sich im Laufe der Zeit eine erfolgreiche Verlagslandschaft und das deutsche Urheberrecht wurde immer mal wieder den Gegebenheiten angepasst und irgendwann 2003 nochmals novelliert.

Wer als Geschichtenerzähler etwas werden wollte, bemühte sich um Kontakt zu den Verlagen und pries seine Arbeit an. Letztendlich bestimmten allerdings die Verleger, welche Texte sowohl gewünscht, als auch vermarktungsfähig waren. Wer jedoch erst einmal akzeptiert war und zudem Verlagstreue bewies, dem winkte meist eine gesicherte finanzielle Zukunft.

Und nun ist seit einigen Jahren dieses Internet aufgetaucht und jeder, der sich bemüßigt fühlt, kann ein virtuelles Lagerfeuer entfachen und Geschichten erzählen. Alte und neue, eigene und überlieferte. Das verändert und beeinflusst logischer Weise den Verlagsmarkt. Darum geht es mutmaßlich. Und zur Unterstützung der Verlagsinteressen sollen sich möglichst alle, insbesondere die bereits vertraglich gebundenen Urheber, lauthals empören und unter den Verlagsfittichen Schutz suchen. Denn sie sind ja mehr oder weniger, überwiegend wohl monetär, von den Verlagserfolgen abhängig geworden.

Dabei sollte das Urheberrecht doch womöglich "nur" den neuen Gegebenheiten angepasst und entsprechend modifiziert werden.

Es geht hoffentlich nicht darum, ob zukünftig all die kleinen, virtuellen Lagerfeuer ausgetreten, vereinnahmt oder übernommen werden sollen, bevor sie sich allzu sehr ausbreiten.

Nachtrag:

Patti Smith: "...ich verkaufe grundsätzlich nie die Rechte an irgendwelchen meiner Arbeiten. Wer das Copyright an seinen Arbeiten verkauft, dem gehört die eigene Kunst nicht mehr[...]!"

Nachtrag2:

Geliebte Apfelbäume (von Ilja Baun, PDF zu "VG-Wort" und "Urheberrecht")

„Die Verwertungsgesellschaft hat die Einnahmen aus ihrer Tätigkeit nach festen Regeln (Verteilungsplan) aufzuteilen, die ein willkürliches Vorgehen bei der Verteilung ausschließen.” (§7 Urheberrechtswahrnehmungsgesetz)

Justitiar Sprang beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Man stelle sich einen Apfelbaum vor, dessen bunte Blätterpracht sich im kühlen Winde wiegt. Einen solchen Baum, meint Christian Sprang, der um ein Gleichnis nie verlegen ist, könne man sich als Sinnbild künstlerischen Schaffens denken. Sei nicht der Roman eines Autors wie ein Baum, den dieser in seinem Garten gepflanzt habe? Zunächst sei da nur die Inspiration, wie ein zartes Pflänzchen, aber wenn der Autor Talent habe und seine Idee zur vollen Blüte ausreifen lasse, erwachse daraus mit der Zeit ein literarisches Werk. Diese Schöpfung stehe unverrückbar im Garten des Autors, aber mit den Äpfeln, die der Baum trage, könne der Autor selbst gar nichts anfangen. Er benötige also einen Verleger, der diese Äpfel für ihn zum Markt trage und ihm Geld dafür gebe...

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (30)

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Ehemaliger Nutzer 26.04.2012 | 17:22

Vermutlich gab es dafür nicht nur freundliche Aufmerksamkeit, sondern eventuell auch das größere Stück Mammutfleisch oder das besondere Interesse des anderen Geschlechts.

Irgendwann wurde dann der Buchdruck erfunden und die Verbreitung der Geschichten ging nicht mehr unbedingt persönlich vonstatten.

Wow ... Sie spannen aber einen weiten Bogen, alle Achtung, ~35.000 v.Ch. bis ca. 1400 n.Ch.

Und schauen Sie mal die AGB der FREITAG an, ebenfalls sehr aufschlussreich.

j.kelim 27.04.2012 | 03:26

Ich nenne die Kultur in welche wir gegenwärtig leben: “Die Kultur des Selbsterbarmens!“

Ich erinnere mich an viele Lagerfeuer und ebenfalls an die Geschichten die erzählt wurden und der eigenen Phantasie keine grenzen setzte in gefühlte Welten einzutauchen, den Erzähler inbegriffen, welcher durch das erzählen einen Teil seines inneren Erlebens offenbarte.

Hier in der Stadt in der ich lebe, sind im näheren Umfeld meiner Wohnung,
drei offene, unverwüstliche, Bücherschränke aufgestellt. Offen für alle, zu jeder Stunde ob Tag oder nachts.

Täglich bringen Menschen, die gerne Bücher lesen von Zuhause welche mit, stellen sie in den Bücherschrank, schauen hinein und wenn ihnen ein Buch zusagt, nehmen sie es wiederum mit nach Hause lesen das Buch, verschenken oder behalten es auch oder bringen es irgendwann wieder zurück.
Der Schrank ist meistens gut gefüllt und umfasst ca.150 Bücher für jede Alterstufe ob Kind oder Greis.

Das ist eine Kultur wie sie mir gefällt. Man schaut sich in der eigenen Wohnung um und denkt sich: was stehen all diese Bücher tot in einer Ecke, warum sie nicht wieder zum Leben zu erwecken und allein der Gedanke, dass ein anderer vielleicht gerade an diesem Buch interessiert ist und er es sich nicht leisten kann das Buch käuflich zu erweben: Nichts ist doch schöner als das Wissen darum, loszulassen und das Buch auf eine Unbekannte Reise zu schicken.

Es kommt vor, dass ich manchmal nachts die Laufschuhe anziehe und am Rande eines Parks entlanglaufe, an dessen anderen Ende, einer dieser Bücherschränke steht. Ich sehe hinein finde etwas und mit dem Buch in der Hand laufe ich nach Hause und während ich laufe empfinde ich so eine Art von Vorfreude.

Was das jetzt mit den Urheberrechten und dem Schriftsteller zu tun hat, so weiß ich, und kenne auch Menschen die ein Buch unbedingt dann, wenn es neu erscheint, auch kaufen. Es entspricht ihren Charakter. Aus unterschiedlichen Motiven verlangt es sie danach. Manch einer stellt es kurze Zeit später in den offenen Bücherschrank und ebenso oft kommt es vor, wenn man in ein Buch hineinließt, dass man sich sagt: gut dass ich mir das nicht gekauft habe, nur weil die Werbung es so genial verführerisch angepriesen hat, bin ich doch froh es nicht gekauft zu haben.

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Ehemaliger Nutzer 27.04.2012 | 09:40

Manchmal find ichs schade, dass ich nicht mehr morgens am Lagerfeuer mein Frühstück einnehme und sein Wild gefälligst selbst zu erbeuten, finde ich auch die beste Lösung!...

Aber, wie Sie so richtig schreiben, Herr Meyko, haben sich die Zeiten geändert.

Und was Texte und Medien angeht, ist das Internet eine Revolution. Entsprechend sollten auch Verlags- und Urheberrechte der neuen Situation angepasst werden, da stimme ich zu. Wie genau, da kenn ich mich zu wenig aus.

Aber das Rad zurückdrehen...?

Ich werf jetzt den Wasserkocher an. ;)

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Ehemaliger Nutzer 27.04.2012 | 12:17

Ja, ich glaube, die Versuchung, an Althergebrachtem oder Bewährtem festzuhalten, ist groß - wer klammert sich nicht gelegentlich krampfhaft an liebgewordene Gewohnheiten oder Privilegien.

So hängt man dann ziemlich jämmerlich und verknotet an einem Rad, das sich währenddessen unaufhaltsam weiterdreht - so stelle ich mir das grad vor meinem geistigen Auge vor - ein großes Postkutschen-Holzrad.
Und - au, wenn das über die Finger fährt, autsch!

Ihnen auch einen schönen Tag! :)

Meyko 27.04.2012 | 12:36

Danke, hier wirds sonnig! :-)

"-wer klammert sich nicht gelegentlich krampfhaft an liebgewordene Gewohnheiten oder Privilegien."

Das ist mein Lieblingsthema ;-)

Weil es so menschlich ist, und manchmal leider auch hemmend oder zerstörend. Denn, wenn wir einmal etwas festgestellt haben, bleiben wir gern dabei und sehen, was wir sehen wollen (die gravierende Unstimmigkeit auf dem verlinkten Foto können etwa 80–90% der Betrachter nicht wahrnehmen, weil so etwas nicht sein kann):

meykosoft.jimdo.com/anderes/visual-illusion-ghosts/

Meyko 27.04.2012 | 13:00

Vielen Dank für den Hinweis. Habs doch mal angeschaut. Aus AGB der FREITAG:
4.1 Sofern der Nutzer eigene Inhalte („Beitrag“) zur Verfügung stellt (z.B. durch die Erstellung eines Blog- oder Forumbeitrages oder durch das Hochladen von Bildern und Photos), überträgt er dem Verlag ein einfaches, zeitlich und räumlich unbeschränktes Recht, die Inhalte ohne weitere Zustimmung für entgeltliche und/oder unentgeltliche Zwecke zu nutzen, insbesondere sie zu vervielfältigen und zu verbreiten[...]Dieses Recht besteht auch nach Beendigung des Nutzungsvertrages fort...
Immerhin wurde dort nicht die grauselige Formulierung "...bis 70 Jahre nach seinem Tod" gewählt. ;-)

Meyko 27.04.2012 | 13:04

Vielen Dank für den Hinweis. Habs doch mal angeschaut. Sie haben recht, ebenfalls aufschlussreich. Aus "AGB der FREITAG":

4.1 Sofern der Nutzer eigene Inhalte („Beitrag“) zur Verfügung stellt (z.B. durch die Erstellung eines Blog- oder Forumbeitrages oder durch das Hochladen von Bildern und Photos), überträgt er dem Verlag ein einfaches, zeitlich und räumlich unbeschränktes Recht, die Inhalte ohne weitere Zustimmung für entgeltliche und/oder unentgeltliche Zwecke zu nutzen, insbesondere sie zu vervielfältigen und zu verbreiten[...]Dieses Recht besteht auch nach Beendigung des Nutzungsvertrages fort...
Immerhin wurde dort nicht die grauselige Formulierung "...bis 70 Jahre nach seinem Tod" gewählt. ;-)

b.limp 27.04.2012 | 14:38

Man fühlt sich an Jorge Luis Borges, der das alte Lagerfeuermotiv indes nicht nur aufgegriffen hatte, und bei ihm stand allerdings weniger von Mammutfleisch in diesem Zusammenhang, sondern auch weiterentwickelt hatte hin zur "Bibliothek von Babel".
In dieser Bibliothek, in der alle geschriebenen und auch künftig geschriebenen Bücher bereits ihren Platz zugewiesen bekommen haben, glaubt man Borges erscheint vieles unwichtig, werter Meyko: sogar 70 Jahre.
Gleichwohl vielen Dank für Ihren Blogbeitrag.

j.kelim 27.04.2012 | 15:18

Wenn er es fühlte
dieses, angekommen sein
in der Fremde
und doch
ist das andere ihm nicht auswärts

als wäre vorherbestimmt an jedem Ort
die gleiche Wärme und Geborgenheit
zu empfinden,
welche er immer in sich fühlte
und aus sich selbst heraus in das Objekt
in das er hineingehe, hineinsehe, hineinfühle,
außen wie innen, das gleiche ist

ob er also Zuhause sitze
oder anderswo weilt,
immer bringt er, hier wie dort,
im selben Maße, die Farben seiner Innerlichkeit mit.

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Ehemaliger Nutzer 27.04.2012 | 15:33

"Mein Eindruck ist zeitweise, einige Verlage möchten gern das Rad blockieren oder gar zurückdrehen..."

Viele Verlage tun dies schon seit Langem, indem sie keine unaufgeforderten Manuskripte mehr annehmen und sich nur auf die Betreuung ihres Katalogs aus erfolgreichen Autoren konzentrieren. das ist sicherlich ihr gutes Recht. Hat aber nichts mit Weiterentwicklung von Literatur und Dramatik zu tun.

Meyko 27.04.2012 | 16:54

"damit Sie nicht in gefährliche Fahrwasser geraten"
Danke für`s "Sorgenmachen"...

Ich bin jedoch immer noch unsicher bezüglich Urheberrecht und so. ;-)

Just for fun: Der „Korinthenkacker ” wird im Niederländischen auch als „Muggenzifter” (Mückensieber) oder bevorzugt als „Mierenneuker” (Ameisenficker) bezeichnet, ähnlich dem dänischen „Flueknepperen” (Fliegenficker) oder dem finnischen „Pilkunnussija” (Kommaficker).
(Wiki)

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