Eugen d´Alberts "Tiefland" an der Deutschen Oper

Bühne Das Libretto von Eugen d´Alberts Tiefland sieht für das Vorspiel im Hochland geomorph inkorrekt Gewaltiges vor: "Eine felsige Halde hoch oben in den ...

Das Libretto von Eugen d´Alberts Tiefland sieht für das Vorspiel im Hochland geomorph inkorrekt Gewaltiges vor: "Eine felsige Halde hoch oben in den Pyrenäen. In der Mitte ein kolossaler Gletscher" - eisige, reißerische Verhältnisse. In der Deutschen Oper Berlin hat sich der Gletscher - trotz behaupteter Kälte auf der Bühne - am vergangenen Freitag drastisch zurückgezogen: Zu den Klagetönen der Soloklarinette hockt der tumbe Hirtentor Pedro schlotternd auf einer bis unter den Bühnenhimmel gezogenen schneeweißen Quarterpipe. Später zum zweiten Akt wird der Architekt und Bühnenbildner Hans Dieter Schaal zwei gewaltige, expressiv gezackte Styroporgebilde von links und rechts herein schieben lassen. Wir wollen sie als Salzkristalle zur Operngletscherschmelze deuten: Tiefland dehydriert.

Mit Tiefland gelang dem 1864 in Glasgow geborenen deutschenglischen Pianisten mit italienischen und französischen Vorfahren der Durchbruch als Opernkomponist. Nach der Uraufführung in Prag 1903 hielt sich der Zivilisationsreißer mit manichäischem Weltbild - Bergwelt, einfach und gut, Tal verschlagen und bös´ - bis in die 1970er Jahre hartnäckig auf den Spielplänen. Als eine Lieblingsoper des "Führers" sollte Tiefland von Leni Riefenstahl verfilmt werden. Sie begann 1940 mit Dreharbeiten in Spanien, die kriegsbedingt bei Salzburg fortgesetzt wurden. Riefenstahl setzte dort über sechzig Sinti und Roma aus dem Lager Maxglan als Statisten ein; sie wurden nach Abschluss der Drehabreiten großteils nach Auschwitz deportiert. Mit Bernhard Minetti und Leni Riefenstahl in den Hauptrollen kam der Film mit einem an d´Alberts Musik angelehntem Soundtrack 1954 in die Kinos.

Es bedarf guter Gründe sich wieder auf den Schmelz von d´Alberts Arrangements einzulassen, die sich musikalisch zwischen Richard Wagner und dem italienischen Verismo aufhalten. Die Originalität und Brillanz eines Richard Strauss oder Alexander von Zemlinsky erreichen sie nicht. Insbesondere die Figur des Pedro - in Berlin geschmeidig schön gesungen von Torsten Kerl - erinnert arg an Wagners Heldentenöre. Er wird von dem Großgrundbesitzer Sebastiano überredet - sängerisch die stärkste Leistung des Abends, der weiche Bassbariton von Egils Silins - dessen Geliebte Marta (Nadja Michael) zu heiraten. Da Marta von ihrem früheren Beschützer jedoch nicht so recht loskommt, erschlägt Pedro - "Ich bin dein Knecht nicht mehr" - den ausbeuterischen Finsterling in Szene neun des zweiten Aktes, bevor es noch einmal mit einem jubelnden "Hinauf in die Berge!" der Befreiten Pedro und Marta zu Ende geht. Doch als wären einige Salzkristalle von der Bühne gekullert, wirkt der Orchestergraben ausgetrocknet: Der Dirigent Yves Abel scheint der suggestiven Kraft von d´Alberts Ohrwürmer zu misstrauen und zieht seinen Musikern die Zügel an. Neben der kulinarischen Seite des Abends bleibt auch die interpretatorische auf halbem Wege stehen. Dazu bietet der Regisseur Roland Schwabs Sigmund Freuds Studie zum "Wolfsmann" an, eine Lesehilfe, mit der die Figur des Pedro aus ihrer eindimensionalen Heimatschnulzengeradlinigkeit herausgeholt werden soll. Doch statt mit den Sängern an der Figurendarstellung zu arbeiten, liefert Schwab nur die übliche Gehen-, Stehen-, Singenchoreografie. Die psychologische Tiefe delegiert er ans Symbolische. So darf ein echter Schäferhund auftreten. Tote Wölfe pflastern zum Schluss die Bühne und der glänzend geführte Bewegungschor erinnert nicht nur an innere Dämonen, sondern auch an Riefenstahls Statisten, wenn er in der vorletzten Szene gegen den Maschendraht springt. Das ist gut gemeint, doch reicht es für eine Wiederentdeckung d´Alberts nicht aus.

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