Rückfall in das geistige Mittelalter

Notre Dame Wie steht es eigentlich um unsere Aufklärung, wenn im 21. Jahrhundert eine "Dornenkrone" unter Lebensgefahr gerettet wird?
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Nüchterne Zeitgenossen könnten die bildungsbürgerlichen Reaktionen auf den Brand einer Kirche als hysterisch empfunden haben.

So erging es zumindest mir. Ja mehr noch vermochten mich die Tränen und Emotionen meiner Mitbürger zu verstören.

Nun möchte ich kein Unmensch sein, und nichts würde mir ferner liegen, als Menschen das Recht auf Trauer abzusprechen, und dennoch gilt es über die Ereignisse der letzten Tage auch abseits limbischer Systemprovokationen zu debattieren.

Selbstverständlich irritierte auch mich die Geschwindigkeit der Spendenbereitschaft, aber diese konnte ich mir noch mit dem individuellen Streben nach persönlicher Transzendenz eben jener Schichten erklären, die auf der Maslowschen Bedürfnispyramide die Stufen der Selbstverwirklichung und Macht längst erklommen hatten, und Monumentalbauten kanalisierten ja seit Menschengedenken deren Sehnsucht nach weiterer Transformation, ob beim mythischen Turmbau zu Babel, oder beim Bau der großen Pyramiden. Nicht ohne Grund ließ das ewige Idol späterer Neoliberaler, nämlich der Sonnenkönig selbst, eben genau dort in Notre Dame seine Eingeweide bestatten. Ihm hätten Gucci und Louis Vuitton sicherlich ebenso sehr gefallen, wie beeindruckende Bauten.

Und genauso einleuchtend erschien die kognitive Erfassbarkeit eines brennenden Gebäudes, welches sich nun einmal wesentlich konkreter sichtbar zeigt, als ein ungleich abstrakteres Abschmelzen von Gletschern.

Aber dennoch schwang in den Berichterstattungen und Kommentaren von Beginn an etwas mit, das tiefer ging, und düsterer erschien.

Ich spreche von der Reduktion unserer kulturellen Identität auf diesen "Gegenstand", und ich nenne diese Kathedrale bewusst einen "Gegenstand" als diametralen Pol zur politischen Hysterie, weil es sich nach jeder naturwissenschaftlichen, juristischen und kunsthistorischen geltenden Definition um genau einen solchen handelt. Trotzdem erinnerten die politischen Grußfloskeln an eben jene Beileidsbekundungen, welche eigentlich solchen Tragödien vorbehalten sind, welche mit dem Verlust von Menschenleben einhergehen, und gerade diese dadurch zu entwerten vermochten. "Man kann um beides trauern", lautete die einhellige Sichtweise der Kritiker dieses Einwandes.

Aber trauerten wir hier wirklich nur um ein Gebäude, oder um den Verlust dessen, wofür dieses Gebäude für nicht wenige Mitmenschen symbolhaft zu stehen scheint? Und wofür steht Notre Dame?

Die Künstler der Renaissance verabscheuten die Ästhetik der mittelalterlichen Kirchenbauten, vermissten die Eleganz der Antike, und niemand geringerer als Giorgio Vasari wusste diesen Stil als "gotico" zu beschreiben, dem italienischen Wort für "wirr". Für die Hugenotten wurde sie gar Inbegriff und Mahnmal des Schreckens, und dass der klerikale Prunk solcher Bauten auch vielen französischen Revolutionären sauer aufstieß, versteht sich von selbst.

Es benötigte schon einen napoleonischen Komplex, um die eigene revolutionäre Grundgesinnung mit dem Feudalcharakter Notre Dames zu versöhnen. Eine a priori Wertschätzung dieser Kirche existierte also entgegen der gegenwärtigen Darstellung nie.

Im Augenblick wirken alle Ausgaben von Victor Hugos "Notre-Dame de Paris" in den Buchhandlungen vergriffen. Vergessen wird dabei ein weiterer Klassiker aus dessen begnadeter Feder, nämlich "Les Misérables". Die "Les Misérables" der Gegenwart tragen gelbe Westen, und ihre Nöte und Sorgen erschienen im Schatten des großen Feuers wieder einmal verdrängt.

Bei dem historisch bedeutensten Kirchenschatz, welcher in Notre Dame verwahrt wurde, da handelt es sich im übrigen um eine "Dornenkrone", welche vom geschichtlichen Begründer des staatlichen europäischen Antisemitismus und Initiators zweier Kreuzzüge in Byzanz käuflich erworben wurde, nämlich Ludwig IX, dessen Innenpolitik insbesondere durch Zwangskonvertierungen und "Häretiker"-bekämpfung gekennzeichnet wurde. Und ich befürchte, dass wir unser Augenmerk auf diese mittelalterliche Epoche richten müssen, wenn wir die Gefühlslage unserer Mitbürger verstehen wollen.

Notre Dame steht symbolisch für ein gereinigtes, weißes Europa ohne Migration.

Für ein antijüdisches und antimuslimisches Europa, welches im wilden Tanz um ein güldenes Kalb seine vermeintlich christliche Identität nicht von den Stammvätern Adam, Noah, Abraham, Jakob, Josef oder Moses ableitet, sondern von Carolus Magnus, dessen Bronzestandbild an prominenter Stelle die Umgebung der Kathedrale schmückt. Wie hiess es in der ersten Stunde des Brandes in den öffentlichen Leitmedien?: "Man hoffe, dass es kein Anschlag sei...", als ob die Straftat eines Individuums beinahe gewalttätige Ausschreitungen legitimieren könnte.

Wenn wir uns doch wenigstens gedanklich von der trügerischen Sicherheit solcher Bauwerke - die mehr für Leibeigenschaft, Götzendienst, Aberglaube und Megalomanie stehen sollten, denn für Freiheit - erwachsen emanzipieren könnten, um zu erkennen, dass alles Irdische vergänglich ist, und dass - selbst wenn dort statt einer Kirche ein Kinderspielsplatz errichtet würde - aufgrund eines solchen Unglückes weder Paris, noch Frankreich und Europa, und erst recht nicht der Himmel einstürzen würden, dann wäre ein wahrhaft progressiver Schritt im Sinne der Weisheit vollzogen worden.

Wie gefährlich es werden kann, wenn man die eigene Identität nicht aus seinen persönlichen Sozialisationen, Prägungen und eigenen Handlungen ableitet, sondern von einem vermeintlich identitätsstiftenden Sakralbauwerk, das sollte uns ein kurzer verstohlener Blick auf Ostjerusalem lehren, wo manch einer davon träumt den Dritten Tempel zu errichten, während andere sich wünschen für den Felsendom und al-Aqsa den Märtyrertod zu sterben. Und auf welche Art und Weise der Brand des Berliner Reichstages instrumentalisiert wurde, daran sollte man angesichts der daraufhin folgenden Progrome niemanden erinnern müssen.

Das moderne Europa hat Werte und Menschenrechte erstritten, in deren Relation Notre Dame verblasst.

Deshalb plädiere ich dafür, zukünftig mit solchen Ereignissen sachlicher umzugehen, und möchte abschließen mit dem bekanntesten Zitat des - daraufhin exkommunizierten - katholischen Priesters Johannes Ronge:

„Denn wissen Sie nicht – als Bischof müssen Sie es wissen –, dass der Stifter der christlichen Religion seinen Jüngern und Nachfolgern nicht seinen Rock, sondern seinen Geist hinterließ?“

16:15 18.04.2019
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Geschrieben von

Michael Hanke

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