Pure Hingabe. Pure Freude.

Kritik Die schwedischen Choreografen Ólafsdóttir und Moström inszenieren den Ballett-Klassiker "Giselle" zum Cyberpunk-Ballett. Kristina Appel findet: Prädikat wertvoll
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Pure Hingabe. Pure Freude.
Szene aus Giselle als Cyberpunk Ballett / 2014

Foto: Kristina Appel

In der Inszenierung von Halla Ólafsdóttir und John Moström wird der Ballett-Klassiker „Giselle“ zu einem modernen, inspirierenden und erhebenden Erlebnis. Als Vorlage dient die Verfilmung des Stückes von Hugo Niebeling aus dem Jahr 1970. Die Inspiration brachte ein ambivalentes Verhältnis zum klassischen Ballett. Das Ergebnis ist ein beeindruckendes Zusammenspiel von Kritik und Respekt für eine alte Kunst und gleichermaßen ein Loblied auf die moderne Performance. Prädikat: Wertvoll.

Die Eröffnungsmusik ertönt. Fünfundzwanzig Tänzer bewegen sich durch den Raum. Frauen, Männer, Alte, Junge, Anfänger, Fortgeschrittene. Hochkonzentriert, voller Spannung; aber nicht angespannt, sondern leicht und elegant. Die Tänzer blicken auf die Projektion der Verfilmung von „Giselle“ von Niebeling, der hinter dem Publikum abgespielt wird. Was sich nun entfaltet, ist wohl nur so zu beschreiben: Alle tanzen alles. Die Tänzer verkörpern den Film. Die Augen immer auf die Projektion gerichtet, tanzt jeder seine Rollen. Giselle, Hilarion, Albrecht, Türen, Dorfbewohner, ein Mühlrad... Was sich chaotisch anhören mag ist geordnet, koordiniert und auf bezaubernde Weise faszinierend. Die Tänzer wechseln ihre Rollen ständig. Finden neue Plätze, neue Bewegungen, verkörpern mal Giselle, mal ihre Mutter, mal eine Bank. Das geschieht so flüssig, als flüsterte ihnen jemand die Anweisungen ins Ohr. Dabei folgen sie der Choreographie des Films. Eine eklektische Mischung aus Pantomime, Ballett und Modern Dance. Eine Auflösung der Hierarchien und Funktionsweisen des klassischen Balletts.

Giselle ist die Geschichte einer jungen Bauerstochter, die an gebrochenem Herzen stirbt. Sie wird von zwei Männern geliebt, Hilarion, Dorfbewohner und Prinz Albrecht, der bereits einer anderen versprochen ist. Nach ihrem Tod wird Giselle von den Wilis, den Geistern junger Frauen, die an unerwiderter Liebe starben, empfangen genommen. Myrtha, die Königin der Wilis tanzt Hilarion in den Tod. Und auch Albrecht findet in Niebelings Film sein Ende, und gewährt damit Giselle Frieden in der Unendlichkeit.

Die Giselles uns Albrechts lernen sich kennen, eifersüchtige Verkörperungen von Hilarion schlängeln sich tanzend durch Dorfbewohner und Tiere. Alle Hierarchien aus dem klassischen Ballett sind aufgehoben. Geschlechter, Alter oder Tanz-Talent spielen keine Rolle. Die wohl heterogenste Gruppe, die je eine Bühne betreten hat, tanzt sich homogen durch den ersten Akt und bezaubert das gesamte Publikum.

Mehrere Giselles tanzen Battements, Grand Jetés und Chassés durch den Raum. Keine der Signaturschritte des Klassikers werden verworfen. Voller Inbrunst wird imitiert, was die Leinwand vorgibt. Wenn die Tanzkünste der Laien an einigen Stellen unweigerlich komisch wirken, lacht das Publikum laut auf und doch ist keine Häme, nur pure Freude zu hören.

„Pure joy and togetherness.“ Das wollte die beiden Choreographen mit diesem Projekt erzeugen. Ólafsdóttir machte sich bereits mit Kollaborationen wie The Beauty and the Beast und The Good, The Bad and The Ugly auf internationalen Festivals einen Namen. Die Kollaboration mit Moström wurde in Stockholm uraufgeführt. In nur vier Tagen Workshop kam das Projekt zustande. Erst am Montag vor der Vorstellung lernten sich die Darsteller kennen. Am Freitag funktionierten sie bereits als Einheit. Im Publikum hört man mehr als einmal flüstern: „Am Liebsten würde ich mitmachen!“

Die Augen der Tänzer sind immer konzentriert auf die Leinwand gerichtet. Ein wunderbarer Effekt, denn alle Köpfe sind immer erhoben, alle Augen immer offen. Mit dem Körper nun dem Publikum zugewandt, spiegeln sich so in den Gesichtern der Künstler die Emotionen der Tänzer aus dem Film wider. Immer konzentriert, immer hingebungsvoll, immer in der Rolle tanzt, stürzt, rennt und fühlt sich die Gruppe durch den ersten Akt.

Das Eifersuchtsdrama nimmt seinen Lauf. Um die aufkeimende Gefahr zu untermalen weichen Óafsdóttir und Moström nun zum ersten Mal vom Klassiker ab und spielen fremde Musik ein. Dunkle, elektronische Klänge der Band Juno Rector untermalen Giselles wilden Tanz und verheißen ein schicksalhaftes Ende. Fast bekommt man Angst, dass es nun vorbei ist mir der wunderbaren Leichtigkeit der Performance, die nicht zuletzt durch die luftige Musik entsteht, die der Franzose Adolphe Adam für Giselle komponiert hat. Doch das Gegenteil passiert. Der Bass verschwindet. Es wird ruhig. Die Gruppe ringt in vollkommener Stille mit Giselles Tod.

Der zweite Akt. Die Original Filmmusik erklingt. Ein Bach schlägt Wellen, die Flammen eines Feuers zucken zwischen Grabkreuzen. Das Publikum wendet sich zur Leinwand um, kehrt dem Publikum erneut den Rücken zu. Im Film ist noch kein Mensch zu sehen, lediglich die Landschaft um Giselles Grab. Und doch hat jeder der Tänzer seine Rolle. So besteht kein Zweifel, dass die drei Tänzer, die hinten an der Wand im Handstand mit den Füßen zucken, die Bäume im Wind darstellen.

Mit dem Erscheinen von Giselles Geist in Form vielfältig performativer Darbietungen beginnt eine Hommage an die weltbekannten Choreografie-Elemente des Stückes. Männliche und weibliche, alte und junge Giselles trippeln auf Zehenspitzen von links nach rechts. In Arabesquen hüpfen sie quer durch den Raum. Auch nach fünfzig Minuten zeigt sich keine Müdigkeit auf den Gesichtern der Darsteller. Ohne jegliche Vorurteile bekommen mit dem Auftritt der Wilis nun auch die letzten Tänzer ein kleines Solo. Togetherness, Einheit, Respekt. Auch in diesen Momenten, in sich denen ein Großteil der Gruppe nicht auf der Tanzfläche befindet, reißt die Spannung zwischen den Darstellern nicht ab.

Energiegeladen treiben die Wilis Hilarion in den Tod, sanft und leise tanzen Myrtha und Giselle durch die Nacht. Dann das Duett mit Albrecht - es schaukelt sich hoch zu einem wilden Paarungsritual. Hüften kreisen, Becken zucken, Schultern schütteln sich, Hintern wackeln. Ehrlicher wurde ein Pas de Deux noch nie interpretiert.

Als Albrecht seinen letzten Tanz beginnt, wandelt sich noch einmal die Musik. Zur theatralisch anmutenden instrumentalen Titelmelodie von Titanic findet Albrecht seinen Tod. Die Gruppe beginnt zu singen und mit den finalen Worten von My Heart Will Go On endet eine der bekanntesten Liebesgeschichten der Ballettwelt. Die verschwitzen Gesichter der Darsteller ein letztes Mal sehnsüchtig auf den Bildschirm gerichtet. Die Brustkörbe heben und senken sich. Der letzte Ton verklingt. Applaus.

Ólafsdóttir und Moström haben es geschafft, eine Gruppe von Laien über eineinhalb Stunden im völligen Einklang miteinander interagieren zu lassen. Keine Sekunde verliert die Inszenierung ihre Energie, keine Sekunde verebbt die Spannung, die die Tänzer miteinander aufbauen, nicht in einziges Mal entgleitet einem der Tänzer ein verlegenes Lächeln. Auch nicht dann, wenn das Publikum herzhaft lacht. Die Hassliebe zum klassischen Ballett, die die Choreografen als Inspiration für dieses Projekt nutzten, resultiert in einer liebevollen Hommage an den Tanz, an die Verbindung von Klassik und Moderne. Sie zelebrieren die Freude an freier Interpretation und verlieren dabei nicht den Respekt vor dem alten Werk. Barrierefreie Kunst ohne Vorurteile. Hingabe statt Perfektion. Grenzauflösung statt Tradition. Kollektiv, nicht exklusiv. Das ist moderne Kunst.

Text und Bild: Kristina Appel

Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Studentenprojektes derMacromedia Hochschule für Medien und Kommunikation unter der Leitung von Dozentin Simone Jung. Neun StudentInnen des Studiengangs Kulturjournalismus bloggen noch bis zum 14. Juni über das Live Art Festival "Exzess Yourself" auf Kampnagel auf liveartfestival.wordpress.com

17:03 14.06.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

MHMK Kulturjournalismus

Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK) Studiengang Kulturjournalismus, Seminarleitung Simone Jung
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