Die Trümpfe in der Hand

Deutsch-türkische Partner Die Dardanellen, der Kaukasus, Palästina und Mesopotamien, das sind heute deutsche Fronten
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Wenn diese Fronten zusammenbrechen, bricht unser ganzes Kriegsgebäude zusammen, hört Pater Johannes Lepsius im Spätsommer 1915 im Außenamt S.M., des deutschen Kaisers. »Wir können doch wohl den Türken nicht mit unserem eigenen Selbstmord drohen, ohne uns lächerlich zu machen«, schließt der Geheimrat an. Dabei stützt er sich auf einen beachtlichen Papierstapel, der doch immerhin nur einen kleinen Teil der Akten darstelle, die man in der armenischen Sache angelegt habe.

Ach, und da der ehrenwerte, in der Sache der bedrängten orientalischen Glaubensbrüder aufrichtig engagierte Pater auf der Wahrheit insistiere: »Die Wahrheit ist, dass die Türken in diesem Spiel die Trümpfe in der Hand halten, dass wir unendlich vorsichtig zu sein haben und die Grenzen des Möglichen achten müssen.« Es gebe auch unter den Jungtürken nicht wenige, die bereit wären, lieber heute als morgen mit dem Feind in Friedensverhandlungen zu treten. Engländer und Franzosen jedoch, die sich noch heute lauthals empörten, würden sodann in der armenischen Sache beide Augen zudrücken.

Betreffend alles Nebenrauschen im Großrauschen des Krieges herrschte ein Burgfrieden im Deutschen Reich, das ja keine Parteien mehr zu kennen hatte. Auch die SPD, das nur nebenbei, räsonierte schon damals entsprechend.

Vielleicht nur zwei, drei Wochen später zieht der allmählich in Ungnade der deutschen Machthaber fallende Lepsius in Stambul den türkischen aber westlich-eleganten Arzt Nezimi Bey an. Was nicht heißen sollte, dass letzteres unbedingt als Zeichen dienen konnte, diesem zu vertrauen. Selbst die jungtürkische Ittihad stellte mehr einen Synkretismus aus dem osmanischen Erbe und westlichem Nationalismus dar, als eine Bewegung der islamischen Tradition, Kalifate und Stämme, die noch wesentlich den Nahen Osten prägte. Der in Sachen eines Hilfswerkes für die Armenier getriebene Lepsius sah am Ende jedoch keine andere Möglichkeit, als den Lockungen Nezimi Beys nachzugeben und sich mit seiner Angelegenheit vorzuwagen.

Dann ging es rasch. Lepsius fand sich nahezu plötzlich in einer Zikr der Derwische Herzensdiebe des Scheichs Ahmed wieder. Eine Zikr hatte Nezimi Bey dem Pater als etwas den christlichen Exerzitien Ähnliches angekündigt. Auch hatte er dem Pater bereits deutlichst bescheid gegeben, er bilde sich nur ein, die Türken zu kennen, wenn er meine, diese schlachteten die Armenier sowie er ihm gleichermaßen die Hoffnung vermittelte, er könne sich bei den Herzensdieben in seiner Angelegenheit vorwagen.

Noch ohne Erkennen des anwesenden Personals hielt Lepsius allein aufgrund der imposanten Erscheinung den Türbedar für den Scheich, bevor Nezimi Bey diesen als einen Hüter der Grabstätten Heiliger und Kalifen vorstellte. Die Zikr der Derwische konfrontierte des Paters Auffassung heiliger Handlungen aufs Äußerste. Wie konnte man sich im Dienste Gottes nur so vergessen, in körperlichen Rausch und Wahn verfallen; jedes Maß, jede Demut und jede Ordnung vermissen lassen?

Als die Gemeinschaft sich auf den fremden Gast und sein Ansinnen orientierte, sollte sich zeigen, dass der so imposante Türbedar erstaunlich schnell, klar und scharfsinnig aus dem Rausch der Zikr zurückgekehrt war. Vielleicht war es der Lapsus in der Wahl der Worte, der dem Pater, wie schon gegenüber Nezimi Bey, erneut unterlief und den Türbedar herausforderte. Streng verwahrte er sich dagegen, die Türken fehlten schändlich in der Sache der ermeni millet, des armenischen Volkes.

Doch gerade nachdem der Pater, sich berichtigend, auf die jungtürkische Regierung als ein Übel, das gleichermaßen über alle Gottesfürchtigen komme, verwiesen hatte, schien der Türbedar noch mehr und in heiligem Zorn aufzubrausen. Noch nicht einmal Ittihad sei der Born des Unrechts gegen die Christen. Woher komme denn der jungtürkische Überwurf wider die osmanische und islamische Tradition?

»Die Regierung ist an diesem blutigen Unrecht schuld, sagst du. Doch es ist in Wahrheit nicht unsre Regierung, sondern die eure. Bei euch ist sie in die Schule gegangen. Ihr habt sie in ihrem verbrecherischen Kampf gegen unsre heiligen Güter unterstützt. Wir aber wollen eure Reformen, eure Entwicklungen und eure Tätigkeiten nicht. Weißt du nicht, dass alles, was ihr Tat und Tätigkeit nennt, der Teufel ist? Soll ich es dir beweisen? Ihr habt einige oberflächliche Erkenntnisse über das Wesen der chemischen Elemente. Was aber ist die Folge, wenn ihr diese mangelhaften Erkenntnisse in Taten und Tätigkeiten umsetzet? Die Erzeugung von Giftgasen, mit denen ihr eure hündisch feigen Kriege führt! Und ist es mit euren Flugzeugen etwa anders bestellt? Sie dienen euch dazu, ganze Städte in die Luft zu sprengen. In der Zwischenzeit aber befördern sie die Wucherer und Geschäftemacher, damit diese die Armut mit höchster Geschwindigkeit ausrauben dürfen. Eure ganze teuflische Unruhe zeigt uns, dass es keine Aktivität gibt, die nicht auf Zerstörung und Vernichtung hinausläuft. Wir hätten daher gern auf die Reformen, Entwicklungen und Segnungen eurer Kultur verzichtet, um in unsrer alten Armut und Ehrfurcht zu leben.«

Der alte Scheich Ahmed nutzte die Atempausen des Türbedars, um dessen Ton zu beschwichtigen: »Gott hat seinen Trank in viele Gläser geschenkt und jedes hat eine andere Form.« Doch der Hüter der auf Erden verblichenen Ahnen konnte nicht ablassen, sich zuungunsten eines milden Spiritisten in einem profanen Furor gegen jedes moralische Urteil aus dem Westen zu üben. Nichts anderes als »eure Lehre und eure Gesinnung« vollstrecke jetzt Ittihad.

»Du mußt demnach erkennen«, bekam Lepsius weiter zu hören, »dass nicht wir Osmanen, sondern Europa und Europas Knechte am Schicksal des Volkes Schuld haben, für das du kämpfst. Und den Armeniern geschieht nach Gerechtigkeit, denn sie haben jene abtrünnigen Verbrecher ins Land zurückgewünscht, sie gefördert und ihnen gehuldigt, damit sie jetzt von ihnen gefressen werden.« Ja, vom Berliner Kongress seien doch die Armenier geradezu als die Geschäftsreisenden westlich diktierter Neuordnung in die Türkei zurückgekehrt.

»Siehst du etwa nicht den Finger Gottes darin? Wo ihr und eure Schüler hinkommt, da bringt ihr die Verwesung mit. Ihr bekennt euch zwar heuchlerisch zu der Religion des Propheten Jesus Christus, doch im Grunde eurer Seele glaubt ihr nur an die stumpfen Mächte des Stoffes und an den ewigen Tod. So matt sind eure Herzen, daß sie nichts mehr von den Kräften Allahs wissen, die in ihnen ungenützt verdorren. Ja, der Tod ist eure Religion und ganz Europa ist die Hure des Todes«, schloß der Türbedar.

Nachdem der alte und milde Scheich Ahmed zum Abschluß die Übung des Herzensdiebs an Johannes Lepsius vollführt hatte, mit dem Hinweis, dass alles, was ihm in nächster Zeit widerfahre – und erscheine es noch so geringfügig – eine tiefere und weisende Bedeutung habe, war der Pater nicht nur mit der Spiritualität der Derwische versöhnt, sondern auch mit gutem Mute ausgestattet, in der armenischen Sache etwas Gutes und Helfendes ausrichten zu können. Man hatte ihn mit einem wichtigen Kontakt in höherer Position aus der damals noch osmanisch-syrischen Provinz um Antiochia ausgestattet, welcher als Bote für das armenische Hilfwerk fungieren könne.

Wie sich die Zeiten, Zeichen, Umstände, die Menschen und Politik doch immer wieder gleichen ...

Der Theologe, Mathematiker und Philosoph Johannes Lepsius war seit dem späten 19. Jh. viel im Nahen Osten unterwegs. Darunter u.a. als Prediger in der Evangelischen Gemeinde Jerusalem und Vorsteher eines syrischen Waisenhauses. Bereits 1894-96 Zeuge der Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich unter Sultan Abdulhamid II., gründete er ein Hilfswerk, dass er versucht war, angesichts des neuerlichen Genozids an den anatolischen und syrischen Armeniern durch die sogenannten "Jungtürken" bzw. Ittihad-Bewegung 1915 erneut aufleben zu lassen. Immerhin, wenn freilich auch ohne praktische Folgen, wurde er sowohl vom "jungtürkischen" Kriegsminister Enver Pascha als auch der deutschen Regierung angehört. Im Deutschen Reich geriet er wegen seiner Aktivitäten zunehmend in den Verdacht zersetzender Umtriebe.

Franz Werfel widmete Johannes Lepsius zwei Kapitel seines Romans "Die vierzig Tage des Musa-Dagh" (1933) um den fiktiven Zusammenschluß mehrerer armenischer Dorfgemeinschaften zu einem kleinen "Widerstandsstaat" auf dem "Berg des Moses" (Musa Dagh). Die Erlebnisse und das Wirken des realen Johannes Lepsius sind eingewoben in die fiktionalen Ereignisse des Romans. Werfel hatte die Geschichte des Völkermordes an den Armeniern im Osmanischen Reich von 1915 ausgiebig studiert.

Mein Text zitiert und paraphrasiert zu wesentlichen Teilen aus Werfels Roman.

00:13 06.03.2017
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