Michael Angele
04.05.2011 | 11:10 5

Als die Kunst den Journalismus küssen wollte

Kino „Bad Boy Kummer“ von Miklos Gimes wirft noch einmal die Frage auf: Sind toll gefälschte Star-Interviews nicht besser als öde richtige Interviews?

Er habe einen „klaren Auftrag“ gehabt, sagt Tom Kummer an einer Stelle des Dokumentarfilms von Miklos Gimes: „mach ein Interview, schreib ein Interview“. In diesem Satz steckt der ganze Fall Kummer. Es steckt darin die Frage, was die Redakteure, die seine Star-Interviews in Auftrag gaben, wussten. Sie wird nicht beantwortet, zumal so wichtige Pro­ta­gonisten wie die damaligen Chefredakteure des SZ-Magazins, Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, denen der Fall im Jahr 2000 den Job gekostet hatte, in Bad Boy Kummer fehlen. Es steckt darin aber auch die Frage, wie groß der Unterschied ist zwischen „ein Interview machen“ und „ein Interview ­schreiben“. Denn natürlich spricht niemand wie in einem Spiegel-Gespräch, um Die­drich Diederichsen zu zitieren. Und in einem Gruppeninterview in einem Sitzungssaal eines Luxushotels mag der Star zwar gesagt haben, was später zu lesen sein wird, an der Belanglosigkeit ändert das nichts.

Das alles kann einen für die „Methode Kummer“ einnehmen, zumal sich die Interviews eben wirklich toll lasen: Charles Bronson spricht über seine Liebe zu Orchideen, Mike Tyson über seine Knastlektüren, Sharon Stone übers Altwerden. Sie lasen sich allerdings nur so lange toll, wie man sie für echt hielt. Als erfundene Texte sind sie nur halb so aufregend. Im besten Fall staunt man nun über die literarische Begabung von Kummer und lacht als Film-Zuschauer mit ihm über seine kynischen Streiche.

Einen Schritt zu weit

Bevor Kummer sich dem Journalismus verschrieb, verstand er sich als Künstler, machte in Bern und Berlin Videokunst. Es sei ein Fehler, dass er nicht bei der Kunst geblieben sei, sagt eine Freundin in die Kamera. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Ein Teil des Journalismus war mal offen für Experimente. Markus Peichl, Tempo-Gründer, der nicht zu feige war, im Film zu sprechen, erzählt, wie sie bei Tempo den Subjektivismus des new journalism kultiviert haben, und wird dann sehr scharf: „Was man beschreibt, muss stattgefunden haben“. Tom Kummer – das böse Kind dieser Art von Journalismus, der den einen entscheidenden Schritt zu weit gegangen ist. Dabei kann der allemal für sich reklamieren, was Peichls scharfe Worte exorzieren wollen: dass die Grenzen eben nicht so klar sind, wie in den aufgescheuchten Kommuniqués der Kummer-infizierten Blätter einst behauptet wurde; dass niemand gefälschte dpa-Nachrichten lesen möchte, ändert daran nichts.

Bad Boy Kummer erzählt eine Mediengeschichte aus dem vergangenen Jahrhundert. Grenzen sprengen will im heutigen Kultur- und Magazinjournalismus kaum noch einer, es ist alles sehr brav geworden. Wer es anders möchte, müsste freilich aushalten können, dass Grenzgänger auch in ihrer Psyche grenzgängerisch sind. Von einem Trieb zur Selbstzerstörung spricht Kummer selbst. Ein Berner Jugendfreund nimmt das Wort Hochstapler in den Mund, und am Ende des sonst sehr Kummer-freundlichen Films ertappt ihn Regisseur Miklos Gimes bei einer Schwindelei und kommt ins Grübeln.

Wie auch immer: Kummer, der heute in L. A. als Tennis-Lehrer arbeitet und gelegentlich noch schreibt (zum Beispiel für den Freitag), ist eine Spieler-Natur. Dass die Grenzen zum Hochstapler fließend sind, muss man nicht mit einem gelehrten Hinweis auf Thomas Mann untermauern, und dass Kummer der einzige seiner Art in seiner Branche ist, sollte man auch nicht glauben. Die Schroffheit, mit der sich die Leute, die er mit nach oben brachte, von ihm abgewandt haben, ist dafür ein deut­liches Indiz.

Kommentare (5)

EnidanH 04.05.2011 | 13:57

Ich hab nun 3 Interviews mit Kummer zu dem Thema gesehen, wo auch seine Sympathisanten sprechen (so alleine ist er dann doch nicht). Darin sagte er unverblümt er sei ein Genie und der bereue nichts. - Ehrlich, ich mag solche Typen nicht, solche an der Grenze zum Wahn, die sich in der Kunst tummeln, einen auf Künstler machen (Talent hin oder her), und am Ende doch nur die Eitelkeit streicheln. Eine Überschrift "als die Lüge den Journalismus küssen wollte" würde bei mir eher landen.

Da finde ich die Journalisten auch doppelzüngig und unglaubwürdig, einerseits der Wahrheit auf der Spur und diese dem Leser aufbereitet, andererseits soll sich eine erfundene tolle Story besser lesen als eine öde. Was denn nun?

Wie gesagt, ich mag solche Typen nicht, und unglaubwürdigen Journalismus erst recht nicht.

goedzak 04.05.2011 | 22:46

Die Frage ist, ob es glaubwürdigen Journalismus in diesem Metier (Interviews mit/Artikel über Medien-Stars) überhaupt geben kann, unter den derzeitigen Umständen jedenfalls. Solange der Star-Mensch eine Wunschvorstellung ist (bei den 'Fans') bzw. eine warenästethische Inszenierung von Marketinginstanzen kann es ohnehin keine 'ehrlichen' Artikel über ihn geben, auch das dem Hype meist folgende 'Runterschreiben' ist ja etwas kalkuliertes.
Natürlich gibt es Beispiele von Realismus im Pop-Journalismus, aber die sind selten, kommen in Nischen (wie vielleicht dem derFreitag :)) zum Vorschein und werden nicht goutiert.

EnidanH 05.05.2011 | 09:33

Jein. Da sprechen Sie mehrere Dinge an. Ich versuche auf alle einzugehen.

Was den Freitag uns seine Nischenexistenz betrifft, da haben Sie recht. Das kann ein großer Vorteil sein.
Was das mit dem Goutieren angeht, das sehe ich anders: die Texte von Hr. Augsburg lese ich gerne und kommentiere sie hin und wieder. Allerdings wird das vom Autor nicht goutiert. Ich erwarte als User ja nicht Füßeküssen, aber irgendwann wird mir das zu blöd, und ich lese die weniger. Ohne groß psychologisieren zu wollen denke ich oft, den Journalisten ist nicht klar, dass Leser auch gepäppelt werden wollen.

Anders bei Fr. Reygers, die alles, was nicht alle 5 Minuten "Männer sind Scheiße" ruft von vorneherein als weichgespült abtut. Das lese ich schon gar nicht mehr, weil Glaubwürdigkeit = 0. Und ich frage mich, warum das nicht ehrlicherweise unter der Rubrik "Musik aus Betonfeministinnensicht" steht. Oder warum das überhauot steht.

Glaubwürdigkeit ist für mich Recherche, mögliche Objektivität (beim FREITAG schwer, weil "irgendwie" immer gegen das System, egal was es tut), Verantwortung und auch Stil. Da muss ich ehrlich sagen gab es hier schon Artikel die nichts von dem hatten, weshalb ich die Zeitung vorerst nicht mehr kaufe. Also Nische ja, aber auch mit Anspruch.

Nun zu Kummer, der ist ja ein Extrem. Natürlich will man gute Texte abliefern, auch fürs Ego, wenn aber ein Star oder wer-auch-immer nun mal langweilig ist ist er langweilig, was tun? Ich sehe da schon eine Bredouille für den Schreiber. Aber bei Kummer war das ja anders, der ist einfach grenzwertig. Sein Lügengebäude fiel ja auf (sagte man im Interview), weil er Tyson als intellektuellen Bücherwurm beschrieb. Mit solchen Typen braucht man keine Feinde, die ziehen den Journalismus auch so runter.
Wenn ich also sowas wie leicht sympathisierende Töne (weil Kummer auch Schweizer ist?) in Angelses Text lese, nun ja, da ist sie wieder, die fehlende Glaubwürdigkeit.

Nun noch kurz was zum Journalisten, es mag mit dem Beruf an sich zu tun haben, aber mir fehlt oftmals Sensibilität für den Leser, und speziell beim Freitag bemängele ich auch, dass man sich auch noch öffentlich zu Lieblings-Usern bekennt. Unklug, und was mich richtig nervt ist die Eitelkeit; liebe Journlisten, es gibt viel was ihr wißt, aber nicht alles und auch nicht besser. Nische hin oder her. Und dann wäre da noch, dass der Journalist ab und zu im Elfenbeinturm zu hausen scheint.
Also, warum soll ich als Homo normalus eine Zeitung kaufen, die mir suggeriert oder laut, dass ich blöd bin und nicht zähle (mal plakativ gesagt)? Genau. Warum sollte ich.

Columbus 05.05.2011 | 19:30

Lieber Herr Angele, liebe Mitdiskutanten,

Wie wäre es denn mit der These, dass sich die Kunst und Kunstfertigkeit eines journalistischen Produktes erst im Nachgang erweist und eben nicht angestrebt werden kann. Journalismus liefert also, zumindest bezogen auf Sprache, automatisch, zufällig und ungesteuert, irgendwann auch einmal Kunst. Das ließe auch so manchem Journalisten die Hoffnung, sein Tun erschöpfe sich nicht in der alten Bedeutung des Begriffs, immer nur für den Tag, die Woche und den Jahresrückblick zu schuften. Insofern geht es bei der Abwendung von Schäden an der Wahrhaftigkeit weniger um die Psyche des losgeschickten Schummlers, als um die Philologie und Liebhaberei der Auftraggeber und deren mentales Gerüst.

Die journalistischen Prinzipien, einmal abgesehen von manchen, dann auch (artistisch, oder platt durch Überschriften) kenntlich zu machenden Spielformen, da haben Sie, Herr Angele, schon den Finger in die Wunde gelegt, sind nicht aufgebbar, sonst ist es eben kein Journalismus mehr, sondern Belletristik.

Wahrheit und Wahrhaftigkeit in der Presse, die Verpflichtung dazu, wird ja immer ´mal wieder an den Leitfiguren der Medien abgearbeitet. Früher an den Print- und Kulturikonen, z.B. an Egon Erwin Kisch, "Schreib´ das auf!", ein Reporter ohne wirkliches Reportergewissen, heute z.B. an Wash. Post und NYT-Autoren die fakten, die trotzdem sehr wahrhaftig schrieben, Bilder schufen, die lange Glaubwürdigkeit erhielten.

Ich bin ja kein Journalist, habe mich aber bei zwei Fake-Blogs (Doe der Verbrecher- G. Edgar Hoovers letzter Mobsterfang und SETI-Die Außeriridschen sind auf Santorin längst gelandet, nicht getraut, die Auflösung weg zu lassen. - Das ist vielleicht auch die Chance für einen gefallenen Engel der Zunft, der in Zukunft schöne Interviews auf Bestellung produziert, die als Kunst eventuell gelten können, weil sie nie real geführt wurden.

Jünst soll es auch wieder einmal einen falschen Arzt (EnidanH, Ich muss leider sagen, dass hier, wie bei den vielen Fressepolierern, die Männer immer an Zahl weit überwiegen und daher an einer seltsamen Andro-Krankheit leiden müssen deren Ursachen noch wenig exakt beleuchtet sind.) am Krankenbett gegeben haben, von dem berichtet wird, seine Patienten und seine Mitarbeiter hätten nur Gutes von ihm empfangen.

Ob das weite Herz für die professionelle Schummelei dem dF gut zu Gesicht stünde, wenn man dann annimmt, die verantwortlichen Redakteure (m/w) hätten allgemein ein Faible für ästhetische Fakes, nicht nur eine Neigung bei, von ihnen als Ausnahmekönner beschäftigten und bezahlten Schummlern, wage ich zu bezweifeln.

Grüße
Christoph Leusch