Als die Kunst den Journalismus küssen wollte

Kino „Bad Boy Kummer“ von Miklos Gimes wirft noch einmal die Frage auf: Sind toll gefälschte Star-Interviews nicht besser als öde richtige Interviews?

Er habe einen „klaren Auftrag“ gehabt, sagt Tom Kummer an einer Stelle des Dokumentarfilms von Miklos Gimes: „mach ein Interview, schreib ein Interview“. In diesem Satz steckt der ganze Fall Kummer. Es steckt darin die Frage, was die Redakteure, die seine Star-Interviews in Auftrag gaben, wussten. Sie wird nicht beantwortet, zumal so wichtige Pro­ta­gonisten wie die damaligen Chefredakteure des SZ-Magazins, Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, denen der Fall im Jahr 2000 den Job gekostet hatte, in Bad Boy Kummer fehlen. Es steckt darin aber auch die Frage, wie groß der Unterschied ist zwischen „ein Interview machen“ und „ein Interview ­schreiben“. Denn natürlich spricht niemand wie in einem Spiegel-Gespräch, um Die­drich Diederichsen zu zitieren. Und in einem Gruppeninterview in einem Sitzungssaal eines Luxushotels mag der Star zwar gesagt haben, was später zu lesen sein wird, an der Belanglosigkeit ändert das nichts.

Das alles kann einen für die „Methode Kummer“ einnehmen, zumal sich die Interviews eben wirklich toll lasen: Charles Bronson spricht über seine Liebe zu Orchideen, Mike Tyson über seine Knastlektüren, Sharon Stone übers Altwerden. Sie lasen sich allerdings nur so lange toll, wie man sie für echt hielt. Als erfundene Texte sind sie nur halb so aufregend. Im besten Fall staunt man nun über die literarische Begabung von Kummer und lacht als Film-Zuschauer mit ihm über seine kynischen Streiche.

Einen Schritt zu weit

Bevor Kummer sich dem Journalismus verschrieb, verstand er sich als Künstler, machte in Bern und Berlin Videokunst. Es sei ein Fehler, dass er nicht bei der Kunst geblieben sei, sagt eine Freundin in die Kamera. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Ein Teil des Journalismus war mal offen für Experimente. Markus Peichl, Tempo-Gründer, der nicht zu feige war, im Film zu sprechen, erzählt, wie sie bei Tempo den Subjektivismus des new journalism kultiviert haben, und wird dann sehr scharf: „Was man beschreibt, muss stattgefunden haben“. Tom Kummer – das böse Kind dieser Art von Journalismus, der den einen entscheidenden Schritt zu weit gegangen ist. Dabei kann der allemal für sich reklamieren, was Peichls scharfe Worte exorzieren wollen: dass die Grenzen eben nicht so klar sind, wie in den aufgescheuchten Kommuniqués der Kummer-infizierten Blätter einst behauptet wurde; dass niemand gefälschte dpa-Nachrichten lesen möchte, ändert daran nichts.

Bad Boy Kummer erzählt eine Mediengeschichte aus dem vergangenen Jahrhundert. Grenzen sprengen will im heutigen Kultur- und Magazinjournalismus kaum noch einer, es ist alles sehr brav geworden. Wer es anders möchte, müsste freilich aushalten können, dass Grenzgänger auch in ihrer Psyche grenzgängerisch sind. Von einem Trieb zur Selbstzerstörung spricht Kummer selbst. Ein Berner Jugendfreund nimmt das Wort Hochstapler in den Mund, und am Ende des sonst sehr Kummer-freundlichen Films ertappt ihn Regisseur Miklos Gimes bei einer Schwindelei und kommt ins Grübeln.

Wie auch immer: Kummer, der heute in L. A. als Tennis-Lehrer arbeitet und gelegentlich noch schreibt (zum Beispiel für den Freitag), ist eine Spieler-Natur. Dass die Grenzen zum Hochstapler fließend sind, muss man nicht mit einem gelehrten Hinweis auf Thomas Mann untermauern, und dass Kummer der einzige seiner Art in seiner Branche ist, sollte man auch nicht glauben. Die Schroffheit, mit der sich die Leute, die er mit nach oben brachte, von ihm abgewandt haben, ist dafür ein deut­liches Indiz.

11:10 04.05.2011
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