Bernhard in Weimar

Bühne In Weimar ist einer der schönsten Texte von Thomas Bernhard auf die Bühne gebracht worden. Was bringt "Wittgensteins Neffe" von Regisseurin Claudia Meyer?

Liebe Claudia Meyer,

nachträglich vielen Dank für den sehr charmanten Hinweis auf Ihre Inszenierung im E-Werk des Deutschen Nationaltheater. Gerne bin ich nach Weimar gefahren, um das Stück zu sehen. Nun ist Wittgensteins Neffe eigentlich ja kein Stück, sondern Prosa. Bernhard-Prosa über eine Freundschaft. Über ihren Abgrund (letzten Endes die „so genannte Geisteskrankheit“ von Paul Wittgenstein) und über ihr Glück: „Wir saßen bei einer Schale Kaffee und bezichtigten die ganze Welt und bezichtigten sie in Grund und Boden“. Aber wem schreibe ich das? Sie kennen den Text bestimmt längst auswendig. Gespannt war ich nun, ob er auf der Bühne nicht nur kaum an Intensität verlöre, sondern sogar gewinnen würde.

Ersteres scheint mir gelungen, letzteres nicht. Es fällt mir schwer so zu urteilen, Frau Meyer, nicht nur, weil ich von Ihrem Haus so gastfreundlich behandelt wurde, sondern auch weil ich die Vergegenwärtigung von Thomas Bernhard in der so genannten Provinz (verzeihen Sie den Bernhardesken Ausdruck, es geht halt nie nicht ganz ohne), quasi für einen kulturpolitischen Auftrag halte. Zwei grundsätzliche Entscheidungen überzeugten mich ja auch an Ihrer Inszenierung: Die eine Erzählerstimme des Textes auf mehrere Stimmen zu verteilen, auf die zweier Schauspieler und zweier Musiker, und der forcierte Einsatz von Musik, von Gesang und Klavierstücken; die Freundschaft der beiden war ja vor allem die zweier Musiknarren: „Einen Mozart bitte. Einen Strauss bitte. Einen Beethoven bitte“.

Die Kaffeehausaufsuchkrankheit

Aber warum in aller Welt dominiert dieses klischierte Irrenhausweiß das Bühnenbild, und warum ragten aus den Stühlen Mikrofone, in die gesprochen und geschrieen werden musste? Überhaupt, warum fing Christian Klischat so oft an zu schreien, wo doch Bernhards Text schon genug „schreit“? Den muss man doch zurückgenommen sprechen, so wie es Nico Delpy, der andere der beiden Hauptdarsteller, zum Glück getan hat. Und warum wird die herrliche Passage, in der es um die „Kaffeehausaufsuchkrankheit“ geht, mit nacktem Oberkörper gespielt? Versteh‘s nicht. Oder die notorischen Videos, die hier auf die Deckel der beiden Flügel projiziert wurden?

Sind sie Pflicht in avancierten Inszenierungen? Hätte man nicht, wenn schon Video, einen „Film zum Buch“ laufen lassen sollen, Schlaufen bildend, einen Sog erzeugend, also mit den Wiener Kaffeehäusern, mit Bernhards Hof in Nathal, den Paul oft aufgesucht hat, und natürlich mit der legendären Autofahrt der beiden durch halb Österreich auf der Suche nach einer NZZ. Genau bedacht: nur mit dieser Autofahrt.

Von Bernhards Sprach- und Erzählkunst können seine Bewunderer ja nie genug bekommen, und seien wir ehrlich, Frau Meyer, das Stück ist doch in erster Linie für diese Bewunderer gemacht (wenn auch nicht nur für sie gedacht). Vielleicht hätte man also den Text noch reiner ins Zentrum stellen sollen. „Zweihundert Freunde werden bei meinem Begräbnis sein und du musst eine Rede an meinem Grab halten“ – so hatte Paul dem Freund prophezeit. Auch Ihr Stück greift das Motto der Erzählung auf.

Bekanntlich sind dann kaum Menschen zum Begräbnis gekommen, auch Thomas Bernhard nicht, der den Unglücklichen gegen Ende gemieden hatte. Erzählt wird eben auch von Versagen und Schuld in einer Freundschaft, die nur dadurch ein wenig zu tilgen war, dass der Freund die gewünschte Rede posthum hält – Wittengensteins Neffe ist doch diese Grabrede. Wie denken Sie?

Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen,

Ihr Michael Angele

Die nächste Aufführung von Wittgensteins Neffe ist am 16. Mai im Maschinensaal des E-Werks Weimar um 20.00 Uhr zu sehen

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11:45 12.04.2010

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