Der Alex schreibt wieder Geschichte

Ausstellung Bei einer Ausstellung über die Revolution von 1989 kommen die Menschen miteinander ins Gespräch. Doch über verpasste Gelegenheiten und West-Arroganz schweigt die Schau

Ein paar Stellwände mit Bildern und Texten, ein paar Stahlkonstruktionen, die Demonstrationsplakate darstellen: Es braucht nicht viel, um den unwirtlichen Alexanderplatz in einen Ort lebendiger Erinnerungen zu verwandeln. Stell dir vor, du kommst nach Ostberlin... und dann stehst du auf dem zugigen Platz, und schaust dich nach jemandem um, der dir Feuer geben kann. Nach einer Weile kommt die Stasi in Jeansjacke und mit Vokuhila. Ausweis zeigen! Du zeigst deinen Pass und die Stasi gibt dir sogar Feuer.

Es hätte in diesem Moment auch anders kommen können, wäre ich nicht ein privilegierte Westler gewesen, sondern zum Beispiel ein Bürgerrechtler, der seinen Friedrichsfelder Feuermelder verteilen wollte, obwohl der nur zum „innerkirchlichen Gebrauch“ bestimmt war; zu den eigenen Bürgern war die Stasi bekanntlich weniger freundlich. „Stasi raus. Stasi raus!“, hallt es über den Platz, es ist ja nur ein Tondokument aus den Novembertagen 1989, und doch bekommt man eine Gänsehaut, an diesem sonnigen ersten Ausstellungstag im Mai 2009. Und dann ertönt da eben Udo Lindenberg: Stell dir vor, du kommst nach Ostberlin.

Die Ausstellung als Erinnerungsgenerator

Die Ausstellung Friedliche Revolution 1989/1990 ist ein gewaltiger Erinnerungsgenerator. „Sie erzählen einem ihr Leben“, antwortet einer der Moderatoren der Ausstellung auf die Frage, worüber er mit den Menschen so spreche. Ein anderer sagt, dass er bisher vor allem mit Jugendlichen, Touristen und Welterklärern, die es auf solchen Plätzen immer gibt, ins Gespräch gekommen sei. Es ist eine respektable, aber nicht erdrückenden Menge, die auf die Wände schaut, fotografiert und, vor allem, miteinander spricht: „Schau, der Ibrahim Böhme. Dass der bei der Stasi war!“

Jugendlichen kann man damit nicht kommen. Erschreckend, wie wenig sie wissen, meint der Moderator. Nicht zuletzt an Schulklassen richtet sich die Ausstellung, gelungen deswegen der Mix aus bekannten Zeugnissen und Trouvaillen wie besagten Friedrichsfelder Feuermelder und anderen Samisdat-Blättern aus der Vorwende-Zeit. Schritt für Schritt geht es vom „Trommeln für China“ und „Nie genug von Wahlbetrug“ über die „Proteste in Plauen“, die „Tage der Entscheidung in Leipzig“ und den „Mauerfall“ selbst, bis zur „Vollendung der Einheit“. Eine Betitelung, die nicht jedem gefallen dürfte. Von verpassten Gelegenheiten ist naturgemäß wenig zu erfahren in einer Ausstellung, die den Akzent auf die Friedliche Revolution legt. Auch nicht von den Kränkungen der neuen Bundesbürger durch die alten. Eine Ahnung von kommenden Konflikten gibt eine Aufnahme aus dem Juni 1990: In Leipzig fordert man „Platz für Kinderträume statt für Pornoräume“.

Und dann ist da noch ein Schwarzweiß-Foto von der ersten gemeinsame Sitzung von West-Senat und Ost-Magistrat im Roten Rathaus. Am Ende des Tischs mit der DDR-Decke sitzen Walter Momper und Tino Schwierzina, die beiden Bürgermeister. Sie drehen ihre Köpfe und schauen zu uns. Wie ähnlich sie sich doch sind! Das gleiche entschlossene Kinn, das gleiche weiche Lächeln – eine physiognomische Assimilation gegen den Lauf der Geschichte: Momper, so wie er da ausschaut (und ohne seinen roten Schal), könnte sehr gut der aus Ostberlin sein; stell dir vor.

Friedliche Revolution. Open-Air-Ausstellung der Robert-Havemann-Gesellschaft auf dem Berliner Alexanderplatz. Bis 14. November

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