Ihm nach!

Aufklärung In Buch und Schau wird an den Reiseschriftsteller, Ethnologen und Naturforscher Georg Forster erinnert

Als Rainer Robra, sachsen-anhaltinischer Minister für Kultur, Anfang Mai im Festsaal des Schlosses Wörlitz ein Grußwort zum Auftakt des Forster-Jahres sprach, griff er beherzt in den aktuellen deutschen Kulturkampf ein: Georg Forster – das wäre doch mal ein guter Beitrag für „Seehofers Heimatministerium“! Einen „Kosmopoliten“ gebe es wieder zu entdecken, einen der für die „Gleichheit aller Menschen“ gewesen sei.

Robra ist Mitglied der CDU, manchmal sind die Dinge nicht so eindeutig, wie sie scheinen. Das gilt auch für eine der faszinierendsten Gestalten der historischen deutschen Aufklärung, Georg Forster. Denn dieser Forster, der 1779 vom Fürst Franz und Fürstin Louise nach Wörlitz eingeladen wurde, um über seine Südseereisen Auskunft zu geben, war ein Radikaler.

Nur wenig Jahre später wird er die „Mainzer Republik“ prägen, nach ihrem Scheitern nach Paris flüchten, wo er mit nur 40 Jahren stirbt. Sein Schicksal mutet ähnlich demjenigen Georg Büchners ein paar Jahrzehnte später an: Nicht nur sind beide früh verstorben, nicht nur verstanden sich beide als gescheiterte Revolutionäre, sie betrieben auch intensive naturkundliche Studien. Aber während sich Büchner auf die einheimische Barbe und deren Nervensystem beschränken musste, konnte Forster aus dem Vollen einer dreijährigen Weltumseglung schöpfen, die er 17-jährigig zusammen mit seinem Vater Johann Reinhold Forster auf der legendären „Resolution“ des Engländers James Cook angetreten war. Zu dieser Reise waren die beiden als Nachfahren schottischer Exilanten bei Danzig irgendwie prädestiniert, wenngleich es dann so war, dass der Sohn zum eigentlichen „Helden“ avancierte und der cholerische Vater aus seiner Rolle des experimentell gentleman weitgehend ausschied.

Von seiner Reise brachte Forster etliche Artefakte mit, die den Fürsten Franz so begeisterten, dass er einen Pavillon anlegen ließ, in dem die Sammlung 150 Jahre gezeigt wurde. Nächstes Jahr wird man sie im Schloss Wörlitz wieder bestaunen können, und auch die Plattform des Pavillons, die an ein Marae, einen zeremoniellen Kultplatz Polynesiens, erinnert, wurde freigelegt. Soviel zu einer durchaus lohnenden Kurzreise an die Elbe für interessierte Leser. Jetzt schon kann man im Schloss in drei Räumen einen Eindruck von Gestalt und Werk Forsters gewinnen; unter anderem gibt es eine Kopie des bekannten Porträts von Rigau zu betrachten, das Vater und Sohn bei ihren naturkundlichen Studien in Neuseeland zeigen soll, von Rigau allerdings 1780 in London gemalt wurde.

Durch die Südsee

Die Sensibilität für solche Stilisierungen, oder, mediale Vermittlungen schärft uns Frank Vorpahl in einem neuen Buch mit dem Titel Der Welterkunder. Auf der Suche nach Georg Forster. Vorpahl, im Hauptberuf aspekte-Redakteur, ist ein Forster-Aficionado, der in seinem Buch nicht zuletzt auch die Genese einer anhaltenden und, wie es scheint, İmmer noch wachsenden Begeisterung erzählt.

Im Zentrum steht natürlich Forsters Buch Reise um die Welt, die eine Reise durch die Südsee ist. Vorpahl reist die Reisen nach, erkundet die Routen, sucht nach Spuren, erzählt teils fast beiläufig von der heutigen, neokolonial geprägten Kultur von Tahiti über Neuseeland bis zur Osterinsel, und schreibt somit gleichsam an der Reise um die Welt weiter – nicht ohne andere „Mitschreiber“, vulgo Biografen, wie den Journalisten Klaus Harpprecht ins Geschehen einzubeziehen, und in Reisen, hier nach Paris, aufzusuchen, wohin Forster seiner Zeit übrigens mit einem Zwischenhalt im jurassischen Grenzort Travers geflüchtet war. In Travers traf er seine Frau Therese wieder, eine Begegnung, die dann auch als Treffen in Travers in die Filmgeschichte einging; Michael Gwiseks Film war der offizielle Beitrag der DDR im Mai 1989 zu den Filmfestspielen in Cannes, und steht am Ende einer regen Beschäftigung mit Forster in der DDR, wenngleich diese in Wörlitz unter schlechten konservatorischen Bedingungen gestanden hatte.

Nicht in der Sammlung Wörlitz befinden sich die fantastischen Zeichnungen Georg Forsters, die dieser von Fischen, Vögeln und Pflanzen gemacht hatte, darunter Arten wie den Graukopalbatros oder die Baringtonie, die er selbst entdeckt hatte. Das Gros der Zeichnungen liegt im Londoner Natural History Museum, mehrere Unikate befinden aber auch in einer Bibliothek in Sidney, was dem Autor abermals eine Reise und eine Geschichte Wert sind.

Aber natürlich ist es nicht nur der Naturkundler, der den Kosmopoliten Forster ausmacht. Forster schien den Einheimischen tatsächlich mit einer Neugierde und einem Respekt zu begegnen, die erst vor den eigenen Standesgrenzen und einer kulturellen Kluft Halt machte. Der Kannibalismus markiert die Grenze einer nicht tiefen Befremdung, die noch Vorpahl befällt, als er auf der Insel Tanna hören muss, dass das Ende der zeremoniellen Menschfresserei gerade mal eine Generation her sein soll. Das Buch endet mit einem Übersehenen und leicht zu Überlesenden: Maheine, dem „jungen Mitreisenden aus Bora-Bora“, wie es in der Reise um die Welt heißt – und den Vorpahl nun stark macht. Die kleine Hommage kann man auch als eine Schuldbegleichung lesen: Es bleibt ja der Verdacht, dass auch der offenherzigste Kosmopolitismus am Untergang einer Welt mitgewirkt hat, die keine Erforschung im Zeichen noch so tief empfundener humanistischer menschlicher und ästhetischer Werte nötig hatte.

Info

Der Welterkunder: Auf der Suche nach Georg Forster Frank Vorpahl Galiani 2018, 544 S., 32,00 €

06:00 01.07.2018
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