Jenseitiger Tatort

Tatort Der "Gesang der toten Dinge" zeigte eine großartige Irm Hermann, die den Fall hellsichtig klärte. Retten konnte sie diesen "Tatort" trotzdem nicht

Wir wollen Carlo zurück! Carlo, gespielt von Michael Fitz, der viele Jahre der Assistent von Ivo Batic und Franz Leitmayr war, sich dann nach Thailand absetzte, um dort eine Surfschule aufzumachen, und den beiden zum Abschied nachrief: "Ihr haltet's mich doch für saublöd, weil ich jahrelang für Euch den Deppen gemacht habe." In diesem Satz steckt die Essenz dessen, was ein gutes Tatort-Team ausmacht: ein Milieu, eine Komödie, ein Drama, Charaktertypen, eine gute Geschichte, wie auch immer, alles nur angedeutet, aber es ist halt etwas da, das wirkt.

Nichts davon ist zu spüren im Zusammenspiel der beiden Kommissare mit Gabi Kunz, die den beiden zum ersten Mal zur Seite stand. Gabi, gespielt von Sabine Timoteo, ist Schweizerin, das hörte man schon nach dem ersten Wort, so übertrieben und in der Folge immer nervtötender wurden die Kehlkopflaute hervorgepresst. In Kleidung, Körperspiel und Sprache eine Art Alpen-Ninja, war ihre Rolle vermutlich nach der Devise kreiert worden: Wir brauchen dringend jemanden, der ein jüngeres Publikum anzieht. Um es mit Carlo zu sagen: "Ihr haltet uns wohl für saublöd". Diese Gabi half ein bisschen den Fall aufzuklären. Zur Stimmung konnte sie nichts beitragen – und das ist bei einem Tatort nun doch eine der schlimmsten Unterlassungshandlungen.

Die beiden wussten einfach nichts mit ihr anzufangen. Wie schade, gerade Miroslav Nemec (Ivo Batic) spielt eigentlich mit einer sehr sensitiven Ader. In diesem Tatort blitzte sie im Zusammenspiel mit Irm Hermann auf, die als Fefi eine köstliche Irm-Hermann-Kräuterhexe gab: nicht ganz von dieser Welt und doch ganz da, eine Sehende, Wissende, Bewahrende. Köstlich auch die herrlichen Dialektworte wie "Kriminaler" oder "Kniebiesler", die sie immer wieder einstreute. Samt Hund Muhakel bildete sie das Bindeglied zwischen der Welt der Esoterik und der Welt der Ratio, zwischen dem Irdischen (in extremo: der Heimat, dem englischen Garten) und dem Transzendenten (in extremo: dem Namenlosen), das nur in seiner Schwundstufe als Psychometrie-Zirkel oder Astrologie-Show daherkommt. In diesem esoterischen Milieu war der Fall angesiedelt, wenngleich sich das Motiv des Täters am Schluss als schnöde Gier erwies; keine feindlichen "Astralleiber", eine Erbschaftsgeschichte.

Einen Mord gab es auch nicht, wohl aber einen Freitod und zwei Mordversuche, die eine zwar raffinierte, dann aber auch wieder schnell vergessene Beweisführung erzwangen und nicht nur den Staatsanwalt verwirrt zurückließen. Den Fall hier noch einmal nachzuerzählen, scheint müßig, Hauptsache Fifi wusste als erste, wer der Täter war, sie betätigte sich dann als heimliche Ermittlerin, nicht ohne hintersinnigem Humor. Großen Spaß muss es auch gemacht haben, den Esoterik-Hokuspokus zu persiflieren (vor allem André Eisermann als Remy Priol), ist ja auch nicht so schwer:

Franz Leitmayr: "Halbtags arbeiten sie beim Sender, was machen sie sonst?"

Selina Frisch: "Energiearbeit"

Leitmayr: "Bei den Stadtwerken?"

Frisch: "Nein, ich arbeite mit Kristallen oder Runen."

Das ist schon zum Schmunzeln, aber so blöd ist die Szene in Wirklichkeit dann wohl doch nicht, dass sie ein Café Geheime Rune nennen würde. Überhaupt, die Namen: Gabi Kunz, Fefi Zänglein, und wieso muss der schon sehr forciert schräge Professor Mosberg (Bernd Stegemann mit einem Topfschnitt, der Javier Bardem in No Country for Old Men nicht nachstand) auch noch Hans-Dieter zum Vornamen heißen? Saublöd. Mit Carlo wäre das nicht zu machen gewesen - holt ihn sofort aus seinem Ferienparadies zurück, koste es, was es wolle.

Was Leitmayr und Batic nicht herausgefunden haben: Warum Gabi Kunz plötzlich da ist.
Fürs Leben gelernt: Wer hell sieht, ist nicht unbedingt eine Hellseherin.

20:45 29.03.2009

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