Lob der taktischen Vernunft

Fußballkultur In einem Berliner Theater plauderte der ehemalige Hertha-Trainer Lucien Favre aus dem Nähkästchen. Hat er seine Zuhörer schlauer gemacht?

In der Literaturwissenschaft gibt es, grob gesagt, zwei Lesarten eines Textes. Die eine, die hermeneutische Richtung, vermutet hinter dem Text ein Geheimnis, die andere, die diskursanalytische, hält sich an die Aussagen, die da stehen. Beide Lesarten kann man auch auf ein Gespräch anwenden, das der Journalist und Fußballexperte Christoph Biermann mit Lucien Favre am Sonntag geführt hat.

Anlass war die Premiere eines hochinteressanten Buches: Die Fußball-Matrix, Untertitel: "Auf der Suche nach dem perfekten Spiel“. Biermann beschreibt und erzählt darin, wie die Vereine diese Suche mit immer aufwändigeren wissenschaftlichen Methoden betreiben – Fußball im Zeichen der Statistik und Digitalisierung. Im ersten Teil der Veranstaltung befragte er Favre, der auch in seinem Buch einen Auftritt hat, nach diesen Entwicklungen im Profifußball.

Nun kann man wie Bloger Marxelinho der Meinung sein, dass Favre, der Fuchs, in so einem Gespräch bestimmt nicht „Klartext“ spricht. Aber man kann seine Aussagen auch durchaus als Klartext nehmen. Ich habe versucht, sie in Form von 'guten Ratschlägen' an einen potentiellen Trainer (also auch an jeden Zuschauer) darzustellen.

Allgemeine Ratschläge:

- Fußballer müssen abschalten zu können, sie sollten von den Vereinen verpflichtet werden, ein Hobby zu betreiben.
Gleiches gilt für den (Vereins-)Trainer: Er muss einen "Cut" machen können. Dafür ist z.B. die Nationalmannschaftspause da (diese Einsicht hat Favre aus der Lektüre eines Buches von Alex Ferguson gewonnen).

- Für einen Fußballer sind die Jahre zwischen 12 und 18 entscheidend. In der Adoleszenz werden die wichtigsten Fähigkeiten erlernt.

- Weltklassespieler trainieren jeden Tage für sich ein Viertelstunde lang mit dem Ball. Nur in der Technik kann es im individuellen Fall und im welthistorischen Massstab noch Verbesserungen geben.

- Viel schneller werden die Spieler dagegen nie laufen können, hier ist bald eine natürliche Grenze erreicht. Schneller spielen, heißt deshalb schneller sehen. Der Fußballer muss Situationen antizipieren können.

- Das Spiel verdichtet sich heute im Mittelfeld. Dort sind die Räume extrem eng geworden. Es hat keinen Sinn, das zu leugnen.

- Abwehr: Die Raumdeckung nicht übertreiben, sonst übersieht der Spieler den Mann, der gerade an ihm vorbeizieht (hierin liegt der Grund der Krise des italienischen Fußballs).

Konkrete Ratschläge:

- Als Trainer darfst du nicht zu viel vom Gegner sprechen. Das verwirrt die Spieler.

- Du sollst auch nicht zu viele Videos zeigen. Einmal in der Woche kannst du deine Spieler mit den Fehlern des vergangenen Spiels konfrontieren. Die Verbesserungswünsche gebe man in Form von Vorschlägen (und nicht Befehlen) ab.

- Automatismen einüben, ein Fetisch. Du übst die ganze Woche Automatismen – und dann ist es im Spiel doch eine Ausnahme, die entscheidet. Also masshalten.

- Statistiken: Manche Trainer bekommen heute breits in der Halbzeit gigantische Datensätze zum Spiel und den Spielern ausgehändigt. Erfolgreiche Pässe vorwärts, erfolgreiche Pässe quer, Ballbesitz letztes Drittel... Statistiken können helfen, aber vieles erkennt der Trainer auch so. Also davon nicht zu viel.

Geld:

- Gehe wenn möglich zu einem Top-Verein. Für Top-Vereine ist es viel leichter, die besten Spieler zu halten.

So weit die Ratschläge, die Lucien Favre zu geben hat. Sie ergeben in der Summe das Bild eines Fußballehrers, der von der Schweizer Tugend des Mittelwegs und des Masshaltens geradezu besessen ist. Ob ihm der Erfolg bald sicher ist, wird sich zeigen, einen neuen Verein hat er noch nicht gefunden.

Christoph Biermann, Die Fußball-Matrix. 
Auf der Suche nach dem perfekten Spiel, 256 Seiten, 
16.95 Euro

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Geschrieben von

Michael Angele

Ressortleiter „Debatte“

Michael Angele, geb. 1964 in der Schweiz, ist promovierter Literaturwissenschaftler. Via FAZ stolperte er mit einem Bein in den Journalismus, mit dem anderen hing er lange noch als akademischer Mitarbeiter in der Uni. Angele war unter anderem Chefredakteur der netzeitung.de und beim Freitag, für den er seit 2010 arbeitet, auch schon vieles: Kulturchef, stellvertretender Chefredakteur, Chefredakteur. Seit Anfang 2020 verantwortet er das neue Debattenressort. Seine Leidenschaft gilt dem Streit, dem Fußball und der Natur, sowohl der menschlichen als auch der natürlichen.

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