Man muss Heribert Prantl verteidigen

Skandälchen Der renommierte Journalist hat angeblich gegen die Regeln des Qualitätsjournalismus verstoßen. Das kann nur behaupten, wer nicht genau gelesen hat!

Neulich kam zu später Stunde im TV der Dokumentarfilm Die Anwälte. Otto Schily erklärt darin, warum er Terroristen verteidigt hat. Schily fand zwar, dass die RAF einen Irrweg eingeschlagen habe, aber er war eben auch ein glühender Verfechter demokratischer Errungenschaften, die er durch den provozierten Staat in Gefahr sah. Man muss erlebt haben, wie er sich im Gerichtssaal für das Recht auf Verteidigung eingesetzt hat! Ach, wie gerne wäre man so ein Anwalt, bewundert für seinen Scharfsinn, seinen Gerechtigkeitssinn, seinen Eigensinn. Einer, der die Nähe zur Macht nur sucht, um sie kleinzumachen. So einer darf dann auch eitel sein. Ja, es ist einer der seltenen Fälle, wo blendendes Aussehen und erkennbare Freude an der eigenen Wortgewalt, wo also die Eitelkeit in Person eine solche erst vollkommen macht.

Aber man ist ja nur Journalist. Als Journalist darfst du nicht eitel sein. Auch als guter nicht, noch nicht einmal als sehr guter und noch nicht einmal ein bisschen. Nein, nein, sogar als überragender Journalist musst du gewundene Erklärungen abgeben, wenn du mal aus schönster Eitelkeit in die Bredouille kommst. Wenn du zum Beispiel scheinbar so getan hast, als wärst du bei einem Abendessen eines Richters selbst dabei gewesen, dabei hast du das alles ja nur von Freunden, „prominenten Freunden“, wie du schon sagen darfst (per SMS). Musst behaupten, du habest dir „nichts dabei gedacht“, obschon, wie gleich gezeigt wird, genau das Gegenteil der Fall ist.

Man sollte schon genau lesen

Okay, okay, genug. Nun regen sich also alle auf, weil Heribert Prantl in einem Porträt über Andreas Voßkuhle, den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, ein Abendessen anscheinend so geschildert hat, als sei er dabeigewesen. „Bei Voßkuhles setzt man sich nicht an die gedeckte Tafel. Eine Einladung bei dem kinderlosen Juristenpaar beginnt in der Küche: Der eine Gast putzt die Pilze, der andere die Bohnen, der dritte wäscht den Salat“, lasen die geneigten Leser der Süddeutschen Zeitung vor rund zwei Wochen und hätten diese „Schlüsselstelle“ (Prantl) wie ungezählte Schlüsselstellen davor genossen und dann auch gleich wieder vergessen, wäre nicht über etwas glitschige Wege ans Tageslicht gekommen, dass der Autor bei diesem Essen gar nicht dabei gewesen ist. Nun steht die Passage im Netz und man braucht nur past und copy und ein paar empörte Anmerkungen zu machen. Aber man sollte schon genau lesen. Steht da irgendwo „Ich war dabei“? Nein, sondern: „Man muss erleben, wie er ein großes Essen vorbereitet.“

Man muss erleben. Man! Hallo? Schon mal was von Heidegger gehört? Bei diesem vermutlich bedeutendsten Philosophen aller Zeiten ist das Man ja gerade das Gegenteil des Ich! „Abständigkeit, Durchschnittlichkeit, Einebnung“ zeichnen es aus. Und es kommt noch dicker: „Das Man ist überall dabei, doch so, dass es sich auch schon immer davongeschlichen hat, wo das Dasein auf Entscheidung drängt.“ Mit so einem Man will man doch nichts zu tun haben! Da, wo es hingeht, will nun wirklich keiner hingehen. Und nichts anderes wollte Heribert Prantl in seiner, wie er selbst sagt, „gleichnishaften Zusammenfassung“ ja auch gesagt haben. „Man muss erlebt haben“ meint eigentlich: Bei den Voßkuhles zu Hause? Beim Essen? Ich? Niemals!

Im „Wetteifern um exklusive Zugänge zu den Mächtigen“ wurde eine „Scheinnähe“ suggeriert, urteilt die taz. Das Gegenteil ist der Fall. Im Übrigen steht das ganze Drama schon bei Heidegger, Sein und Zeit, S. 127: „Die Öffentlichkeit verdunkelt alles und gibt das so Verdeckte als das Bekannte und jedem Zugängliche aus.“ Kein Wunder, dass sich dann auch noch die SZ selbst entschuldigt hat, statt ihren Autor zu verteidigen. Ist schon eine verkehrte Welt.

15:30 01.08.2012
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