Michael Angele
01.08.2012 | 15:30 28

Man muss Heribert Prantl verteidigen

Skandälchen Der renommierte Journalist hat angeblich gegen die Regeln des Qualitätsjournalismus verstoßen. Das kann nur behaupten, wer nicht genau gelesen hat!

Man muss Heribert Prantl  verteidigen

„Eine Einladung bei Bei Voßkuhles beginnt in der Küche: Der eine Gast putzt die Pilze, der andere die Bohnen, der dritte wäscht den Salat“

Foto: Adie Reed / flickr

Neulich kam zu später Stunde im TV der Dokumentarfilm Die Anwälte. Otto Schily erklärt darin, warum er Terroristen verteidigt hat. Schily fand zwar, dass die RAF einen Irrweg eingeschlagen habe, aber er war eben auch ein glühender Verfechter demokratischer Errungenschaften, die er durch den provozierten Staat in Gefahr sah. Man muss erlebt haben, wie er sich im Gerichtssaal für das Recht auf Verteidigung eingesetzt hat! Ach, wie gerne wäre man so ein Anwalt, bewundert für seinen Scharfsinn, seinen Gerechtigkeitssinn, seinen Eigensinn. Einer, der die Nähe zur Macht nur sucht, um sie kleinzumachen. So einer darf dann auch eitel sein. Ja, es ist einer der seltenen Fälle, wo blendendes Aussehen und erkennbare Freude an der eigenen Wortgewalt, wo also die Eitelkeit in Person eine solche erst vollkommen macht.

Aber man ist ja nur Journalist. Als Journalist darfst du nicht eitel sein. Auch als guter nicht, noch nicht einmal als sehr guter und noch nicht einmal ein bisschen. Nein, nein, sogar als überragender Journalist musst du gewundene Erklärungen abgeben, wenn du mal aus schönster Eitelkeit in die Bredouille kommst. Wenn du zum Beispiel scheinbar so getan hast, als wärst du bei einem Abendessen eines Richters selbst dabei gewesen, dabei hast du das alles ja nur von Freunden, „prominenten Freunden“, wie du schon sagen darfst (per SMS). Musst behaupten, du habest dir „nichts dabei gedacht“, obschon, wie gleich gezeigt wird, genau das Gegenteil der Fall ist.

Man sollte schon genau lesen

Okay, okay, genug. Nun regen sich also alle auf, weil Heribert Prantl in einem Porträt über Andreas Voßkuhle, den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, ein Abendessen anscheinend so geschildert hat, als sei er dabeigewesen. „Bei Voßkuhles setzt man sich nicht an die gedeckte Tafel. Eine Einladung bei dem kinderlosen Juristenpaar beginnt in der Küche: Der eine Gast putzt die Pilze, der andere die Bohnen, der dritte wäscht den Salat“, lasen die geneigten Leser der Süddeutschen Zeitung vor rund zwei Wochen und hätten diese „Schlüsselstelle“ (Prantl) wie ungezählte Schlüsselstellen davor genossen und dann auch gleich wieder vergessen, wäre nicht über etwas glitschige Wege ans Tageslicht gekommen, dass der Autor bei diesem Essen gar nicht dabei gewesen ist. Nun steht die Passage im Netz und man braucht nur past und copy und ein paar empörte Anmerkungen zu machen. Aber man sollte schon genau lesen. Steht da irgendwo „Ich war dabei“? Nein, sondern: „Man muss erleben, wie er ein großes Essen vorbereitet.“

Man muss erleben. Man! Hallo? Schon mal was von Heidegger gehört? Bei diesem vermutlich bedeutendsten Philosophen aller Zeiten ist das Man ja gerade das Gegenteil des Ich! „Abständigkeit, Durchschnittlichkeit, Einebnung“ zeichnen es aus. Und es kommt noch dicker: „Das Man ist überall dabei, doch so, dass es sich auch schon immer davongeschlichen hat, wo das Dasein auf Entscheidung drängt.“ Mit so einem Man will man doch nichts zu tun haben! Da, wo es hingeht, will nun wirklich keiner hingehen. Und nichts anderes wollte Heribert Prantl in seiner, wie er selbst sagt, „gleichnishaften Zusammenfassung“ ja auch gesagt haben. „Man muss erlebt haben“ meint eigentlich: Bei den Voßkuhles zu Hause? Beim Essen? Ich? Niemals!

Im „Wetteifern um exklusive Zugänge zu den Mächtigen“ wurde eine „Scheinnähe“ suggeriert, urteilt die taz. Das Gegenteil ist der Fall. Im Übrigen steht das ganze Drama schon bei Heidegger, Sein und Zeit, S. 127: „Die Öffentlichkeit verdunkelt alles und gibt das so Verdeckte als das Bekannte und jedem Zugängliche aus.“ Kein Wunder, dass sich dann auch noch die SZ selbst entschuldigt hat, statt ihren Autor zu verteidigen. Ist schon eine verkehrte Welt.

Kommentare (28)

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Ehemaliger Nutzer 01.08.2012 | 17:34

Die Frage ist: Wie kommt Voßkuhle zu einem Gericht(surteil) aus diesen unfassbaren Zutaten?

Wem erlaubt er,die Messer zu wetzen? Der FAZ?

Ich fand das Küchenbild vom Prantl ganz sauber, vorsichtig und schlüssig entworfen. (Eine Metapher?)

Weshalb und durch wen sich die Chefredaktion der Süddeutschen in dieser Geschichte die Eier abschneiden ließ, kann ich nicht beurteilen. Ihre Entschuldigung erinnert mich mehr an das Protokoll irgendeiner Sitzung einer Parteiuntergliederung, in der Selbstkritik gefordert und geübt wurde. Bin gespannt, ob und wann Prantl aus der ParteiRedaktionsleitung ausgeschlossen wird und als künftig Verfemter sein danach bedauernswertes Dasein fristen muss.

ed2murrow 01.08.2012 | 17:47

Lieber Michael Angele,

nun gehöre ich auch zu denen, die diesen Bohai um Prantl, latürnich nur auf Bloggerniveau, bedient haben. Und weil das so ist, mich des Bildes von Kollegen Kabisch bedient, wozu Mann (also großes M und doppel-n) in der Küche tatsächlich in der Lage ist. Das sollten Sie ggfs. auch nachvollziehen. Denn Prantl hat die Küche als szenischen Kontrapunkt zum Geheimnis der Beratung beim BVerfG gesetzt, also einer Zusammenkunft, bei der niemand dabei sein darf (!), der nicht dazu gehört. Die Alternativen wären also: Entweder das Kontra ist dem Autor in den Händen explodiert oder die seinen sind die umstandgesmäßen: Beteuerungen, an sich alles richtig gemacht zu haben, nur dass ...Lesarten eben.

Aber mir soll es recht sein, wenn per Prise Heidegger ein ohnehin verdorbene Menuewahl verschlimmbessert wird.

Beste Grüße, e2m

anne mohnen 01.08.2012 | 17:53

Lieber Michael Angele,

Wenn ich das so vor meinem geistigen Auge sehe, die Küche der Voßenkuhle, hoffe ich, dass Prantl bald eine tolle Einladung bekommt. So ein ausgiebiger authentischer Bericht über ein gepflegtes Essen, womöglich Tisch der Reichen und Mächtigen, mit Tafelsilber und all dem Schnickschnack. Immerhin schreibt sich so `‘n Journalist ja in der Regel aus dem Kohlenkeller heraus ans Licht der Öffentlichkeit. Und welcher geneigte SZ-Leser möchte an diesem Aufstieg keinen Anteil nehmen, ganz authentisch, ganz exklusiv?

Der ganze Bullshit um Prantl incl. der albernen Entschldigung der SZ erinnert doch an eine homöopathische Potenzierung diese Kellerloch-Eisenbahn-Seehofer-Geschichte, die dem Spiegel Journalisten den Nannen-Preis kostete. War da nicht was? Ja, liebe Taz und FR, möchte man rufen: Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen!

Na, ja Heidegger und Gastfreundschaft, Herr Angele? Das ist leider keine Operette, eher Hässliche Oper. Heidegger stieg regelmäßig, wenn er von Marburg zu Ehefrau Elfriede fuhr , bei Jaspers ab. Die haben ihn wunderbar bewirtet. Genutzt hat denen das wenig, auch die viele freundschaftlichen Gespräche mit Heidegger, alles für ’n Kompost. Als die Jaspers angefochten wurden von den Nazis, sie war Jüdin, schließlich ins Exil gingen, hat der gute Martin keinen Finger für seine Freunde gekrümmt. Das haben die dem echt übel genommen. Mann, das ist allerdings kein Thema für ein gepflegtes Tischgespräch! Da spricht man nicht über Geld und Politik!

PS. Klar, Heidegger ist ein großer Philosoph: Bier ist Bier und Schnaps ist Schnaps! Da haben Sie nun auch wieder Recht ;-)))))))))))))))))))

Magda 01.08.2012 | 17:54

Lieber Herr Angele,

die ganze Prantl-Geschichte fand ich absolut albern. Allerdings ist Ihre Verteidigungsstrategie auch voll in einem Trend, der mir zunehmend auf den Keks geht.

"Schon mal was von Heidegger gehört?" Ich nicht. Der meldet sich nicht bei mir. Hat er bei Ihnen angerufen? Kann er kochen? War der auch bei Voßkuhle.

Ich will damit belästern, dass alle, aber auch alle andauernd ihr Bildungsgut auf dem Buckel rumtragen wie einen Tornister. Anderswo habe ich geschrieben, dass mir das immer so vorkommt, als trüge man die Jacke mit dem Futter nach außen. Bildung hat man, aber man fragt nicht, ob Heidegger bei anderen Leuten angerufen hat.

Dabei wäre es so einfach gewesen: ein bisschen redaktionelle Überlegung - eine kleine Einfügung- und das ganze Prantl-Desaster wäre überhaupt nicht passiert. Oder - was heutzutage ja auch so schwer zu haben ist - ein bisschen Kollegialität und guter Wille. Man weiß einfach, dass es Prantl gar nicht nötig hat, einen auf authentisch zu machen. Aber, man muss Seins dazu tun, unbedingt.

Wie auch immer: Das größte Ei hat sich ja vor langer Zeit mal der Fritz J. Raddatz gelegt. Mit seiner verunglückten Joethe-Story:

Hier nachzulesen. Das war ein Halali, Du liebe Güte. Dass Raddatz das überlebt hat. Der hatte Nerven.

Übrigens: Wenn man bei Raddatz zu Gast gewesen wäre, hätte man immer erst die kostbaren Vasen bewundern müssen. So war das.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Magda

Achtermann 01.08.2012 | 18:18

Heidegger schreibt weiter: "Weil das Man jedoch alles Urteilen und Entscheiden vorgibt, nimmt es dem jeweiligen Dasein die Verantwortlichkeit ab." Prantl und die SZ (Sein und Zeit?) begeben sich mit ihrer Entschuldigung in das Man, lassen sich von ihm einebnen. Heidegger: "Das Man entlastet so das jeweilige Dasein in seiner Alltäglichkeit." Hätten Prantl und die Redaktionsleitung sich nicht entschuldigt und von einem "Fehler" gesprochen, sondern das scheinbare Mitsein als Distanzierung von Voßkuhles etwas eigenartigen Gastgeberriten verdeutlicht, wären sie nicht Teil der alles verdunkelnden Öffentlichkeit geworden.

Daniel Domeinski 01.08.2012 | 21:04

Heideggers "Man" entspricht Nietzsches "letzten Menschen". In der politischen Theorie gibt es die "common men", die den common sense verkörpern. Die "common men" betätigen sich im nachbarschaftlichen Engagement und denken nicht über größere Zusammenhänge nach. Sie bilden die Basis der Gesellschaft. Das Heidegger Zitat, „Die Öffentlichkeit verdunkelt alles und gibt das so Verdeckte als das Bekannte und jedem Zugängliche aus“, ist sehr interessant. Darüber lohnt es sich auch jenseits dieser banalen Geschichte um Prantl nachzudenken. "Vermutlich bedeutendsten Philosophen aller Zeiten" ist aber etwas zu hoch gehangen. Heidegger war einer der wichtigsten Philosophen des 20.Jh., da würde ich mitgehen.

Joachim Petrick 01.08.2012 | 21:32

@Michael Angele

"Im „Wetteifern um exklusive Zugänge zu den Mächtigen“ wurde eine „Scheinnähe“ suggeriert, urteilt die taz. Das Gegenteil ist der Fall. Im Übrigen steht das ganze Drama schon bei Heidegger, Sein und Zeit, S. 127: „Die Öffentlichkeit verdunkelt alles und gibt das so Verdeckte als das Bekannte und jedem Zugängliche aus.“ Kein Wunder, dass sich dann auch noch die SZ selbst entschuldigt hat, statt ihren Autor zu verteidigen. Ist schon eine verkehrte Welt."

Das ist schon die reale Welt mit der Heribert Prantl da "sich selber dementierend, als "momentan" abwesend, im Nachgang entschuldigend", verfährt, weil Heribert Prantl, anders denn der medienmächtige Hans Ulrich Jörges vom anderen Stern aus aktuellem Anlass in seinem Zwischenruf der Vorwoche (Stern 30- 46- 12) unter dem züngenfertig, gen Bundesverfassungsgerichtspräsidenten Andreas Vosskuhle, zündelnden Aufmacher "Der Allzumächtige", wie abgesprochen, den aggressiv- gebremsten Schaum seiner hochgerülpsten Wut über den Bundesverfassungsgerichtspräsidenten Andreas Vosskuhle

"artig adrett Hand vor den Mund beim Essen"

unversehens klammheimlich, unter eifernder Assistenz der SZ Chefredaktion, wieder herunterschluckt, als wäre nichts gewesen."

Man ist ja eben auch nicht nur Journalist, wie dieser Hans- Ulrich Jörges mit dem großem "U" vom anderen Stern, sondern auch Voll- Jurist!" .

Heidegger:

"Weil das Man jedoch alles Urteilen und Entscheiden vorgibt, nimmt es dem jeweiligen Dasein die Verantwortlichkeit ab."

Heidegger hat dabei dialektisch den Gegenpol unterschlagen und der genau passt nach Art des "summa cum laude" Voll- Juristen Akteurs Heribert Prantl im alltagsgrauen Anzugs eines hellen Journalisten Wahns hier wie die Faust aufs Vosskuhle Auge.

Der Gegenpol geht so:

"Da es hier um den angeblich "Allzumächtigen" Bundesverfassungsgerichtspräsidenten Andreas Vosskuhle in einem ganz bestimmten Klagefall der Opposition und 24 000 Bürger/innen vor dem Bundesverfassungsgericht in Sachen Permanenter ESM- Rettungsfond in Deutschland geht, gibt das "Man" bei Heribert Prantl nicht mehr das Entscheiden und Urteilen, sondern die ganze Lage vor, so wie sich Hintz & Kunz das so bei den "Mörders" zuhause schlechthin vorstellen.

Bei den "Mörders", "oder eher wie einmal Erich Honecker zu Günter Gaus in erstaunlich öffentlich lockerer Runde im Jahre 1981 sich zu fragen traute

"Ja?,wer kann das denn gewesen sein?,

wen meinen Sie da, werter Herr Gaus?

Es gibt "Hallenser, Haleser oder Halunken" ? "

Da ist "Man" halt so bei Tisch oder sonstwo und schon gar nicht eingeladen, weil das da einmal so erhaben omnipotent, das andere Mal so topsecret geheim zugeht.

Selbst wenn man da geladen wäre, würde man hernach das "Geladensein"

als "Nonpaper" ungefragt auf Vorrat dementieren!, oder etwa nicht?

Herzlichen Gruß an die unversehrte Gemahlin daheim.

Joachim Petrick 02.08.2012 | 00:13

@Michael Angele

Tja!, das ist schon eine hochgradig ausgemachte Profession aus der Gruft des Höllenkabinetts "moderner" Journalistenei, synchron von der SZ, der taz, der FR, dem Stern, BILD, Die Welt, Die Zeit, Der Spiegel, dem Freitag, unter Einbindung des eilfertig ironisierenden Pressesprechers des Bundesverfassungspräsidenten Andreas Vosskuhle, mitten im Sommerloch, an dem eigentlich angesagten Thema "Fiskalpakt- , ESM- Rettungsfond Klage beim Bundesverfassungsgericht "Warten auf Godot"

vorbei, den Ball der Emotionen in der Hefe des Volkes gerade so flach, knapp über Null, zu halten und trotzdem einen unbändig unterhaltsamen Bindungscharme Richtung eigener Leserschaft, Abonnentenschar zu entfalten.

Alle Achtung!

Der Beispiele gibt es allein im Juli 2012 viele,

u. a. Jakob Augsteins aufwendig insistierend ermahnende Befragerei der taz in Sachen "Umgang mit einem gewissen Herrn Peter Altmeier", der pardout als Bundesumwelt- und Energieminister in der Hauptangelegenheit der Energiewende seine konkreten Aussagen hinter dem Berg bei den Sieben Zwergen halten will und, dank embeded Medien, auch bisher halten kann?

Bisher habe ich es nur geahnt, jetzt bin ich mir gewiss, wie diese Art von Journalismus über die Wettbewerbs- Bande ganz gleicher wie ganz unterschiedlicher Medien im bunten Blätterwald, im Äther auf einen Begriff zu kriegen ist

"Funktionsjournalismus"

siehe:

https://www.freitag.de/autoren/joachim-petrick/funktionsjournalismus

Joachim Petrick31.07.2012 | 18:07

Funktionsjournalismus

Jornalismus

Schweinejournalismus war gestern, der Schweinejournalismus der Benchmarke BILD an sich ist tot, es lebe der alles flexibilisierende Funktionsjournalismus.

anne mohnen 02.08.2012 | 21:53

Das „man“ im Mann ist die Uneigentlichkeit. Drum passt dieser Heidegger ja auch gut zum Thema!

In China darf derzeit kein Philosoph laut räuspern; Kant nur in den Mund zu nehmen ist gefährlich. Tja, und tanzen wir nicht alle diesen großen Tanz auf dem Vulkan? Es ist beschämend, dass so ein Thema überhaupt Erwähnung findet. Deshalb ist es wirklich wichtig, dem „Man“ auch in den Medien konsequent auf den Versen zu bleiben.

LG AM

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Ehemaliger Nutzer 03.08.2012 | 00:25

Sie mögen ja Prantl verteidigen - aber mit Heidegger!?

Ein Horrorphilosoph. Wobei sein Nazitum noch nicht einmal etwas über seinen Intellekt sagt. Aber den hatte er leider auch nicht wirklich.

Bei genauerem Hinsehen ist Heidegger vor allem ein Phrasendrescher und Begriffejongleur. Teilweise sehr nah am intellektuellen Hochstaplertum. Er schreibt nicht nur tautologisch, sondern denkt oft auch so und türmt statt relevanter Sätze verschwurbeltes Zeugs auf, das er dann zu vermeintlich umfassenden Systemen auswalzt. Seine Ontologie ist nicht mehr als ein Beziehungsstruktur arbiträr gesetzter Begriffe, mit denen er reichlich hemdsärmelig herumknaubt. Das ist fast ohne Wert. Seine Art zu schreiben verbirgt, dass er wenig substanzielles zu sagen hat. "Sein und Zeit" ist mit ganz weitem Abstand das schlechteste "philosophische" Werk, das ich kenne - ist im Grunde eine intellektuelle Beleidigung. Wer einen intelligenten Existenzphilosophen aus der Generation Heideggers sucht, der mehr kann als interessant klingende Bauklötzchen anordnen, liest besser Karl Jaspers.

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Ehemaliger Nutzer 03.08.2012 | 07:31

Hallo Herr Angele

vielen Dank für diesen Artikel: Nicht nur, dass Sie Herrn Prantl in meinem Sinn verteidigten. Ich schätze diesen Journalisten außerordentlich. Selbst ein möglicher Fauxpas seinerseits würde meine Achtung und meinen Respekt vor seinen Leistungen nicht schmälern. Es ist ja gerade das Menschlich – all zu Menschliche, das nicht Perfekte, was einen zur Koryphäe auf einem Gebiet erst werden lässt.

Ich freue mich auch, dass Sie das „MAN“ von Heidegger aufgegriffen haben. Denn wer Perfektionismus im allgemeinen Dasein als bereits vorhanden und bei sich selbst annimmt und voraussetzt, der modifiziert sein ich und somit auch das allgemeine man nicht mehr anhand gemachter Fehler. Was man glaubt bereits zu besitzen, das strebt man auch nicht mehr an. ( hab´ich bei Platon im Zusammenhang mit Sokrates gelesen)

Das man kommt quasi gar nicht auf die Idee sich zu fragen, ob es selbst vielleicht an einer allgemeinen Lese- und Bildungsschwäche leidet und es somit eine Aussage/Artikel möglicherweise fehlgedeutet haben könnte.

Fehldeutungen mögen bei einem Bericht über ein Abendessen bei Herrn Voßkuhle, welches ein ich nur aus einer Quelle kennt, keine gravierenden Konsequenzen für das allgemeine Dasein haben.

(arbeiten Journalisten nicht ohnehin häufig anhand von verifizierten zuverlässigen Quellen-Aussagen?)

Doch abstrahiert man vom konkreten Einzelfall (hier eine mögliche Lese- und Bildungsschwäche) auf das Allgemeine, so kann ein mögliches, hier nicht erkanntes, Defizit sich allgemein auswirken, wenn es um die Deutung und Einordnung der Weltgeschehnisse geht.

Ich fürchte, es wird immer schwieriger und vor allem gefährlicher in die Höhle zurückzukehren;- für diejenigen, die die Höhle verlassen und ins Licht gesehen haben.

Zitiere: „Auch das bedenke noch, sprach ich. Wenn ein solcher nun wieder hinunter stiege und sich auf denselben Schemel setzte: würden ihm die Augen nicht ganz voll Dunkelheit sein, da er so plötzlich von der Sonne herkommt? – Ganz gewiß. – Und wenn er wieder in der Begutachtung jener Schatten wetteifern sollte mit denen, die immer dort gefangen gewesen, während es ihm noch vor den Augen flimmert, ehe er sie wieder dazu einrichtet, und das möchte keine kleine Zeit seines Aufenthalts dauern, würde man ihn nicht auslachen und von ihm sagen, er sei mit verdorbenen Augen von oben zurückgekommen und es lohne nicht, daß man auch nur versuche hinaufzukommen; sondern man müsse jeden, der sie lösen und hinauf bringen wollte, wenn man seiner nur habhaft werden und ihn umbringen könnte, auch wirklich umbringen? – So sprächen sie ganz gewiß, sagte er....“

;-)

Georg von Grote 03.08.2012 | 12:46

Gerne gelesen.

Der Bohei, der um Prantls vergnüglichen Artikel gemacht wurde, zeigt eigentlich deutlich in welcher Identifikationskrise der Journalismus momentan steckt. Es wird langsam Zeit, dass man sich dessen bewußt wird und sich diesem Problem auch offen stellt. Bei den Verlegern, den Redaktionen und auch bei denen, die den Nachwuchs ausbilden.

Sonst sehe ich schwarz für die Zukunft.

Zu Otto Schily möchte ich dann doch etwas noch anmerken auch wenn es nur zum Teil zum Inhalt des Artikels gehört.

Ja, wir haben ihn damals als Vorbild erkoren. Es war gerade Schily, nicht Croissant und die anderen, der mich veranlasste, Jura zu studieren um Anwalt zu werden. Es war Schily, der mir sehr schnell klarmachte, dass jeder, egal was er verbrochen oder was ihm vorgeworfen wird ein Recht auf die bestmöglichste Verteidigung hat und es war Schily, der mir auch klar machte, dass man sich bei diesem Job nicht mit seinem Mandanten und des Tat identifizieren darf.

So weit, so gut. Nur dann, im Laufe seiner politischen Karriere war es bald vorbei mit der Euphorie und der Bewunderung für das einstige Idol in der schwarzen Anwaltsrobe, denn Schily entwickelte sich mehr und mehr zum macht- und geldgeilen Karrieristen und Opportunisten und endete letztlich als einer, den wir damals, wie auch heute verabscheuten und verabscheuen: Als ultrakonservativer Law & Order Mann am denkbar rechtesten Rande. Eine Entwicklung, die ich immer noch nicht ganz nachvollziehen kann.

Prantl wird diese Verwandlung nie drohen. Dazu ist dieser Mann zu integer.

chrislow 03.08.2012 | 12:50

Ist Prantl also nun Journalist oder mehr ein Poet?

Und diese Frage muß man sich selbst stellen, wenn man Artikel liest. Aber auch, wenn man sie schreibt. Bedeutet, dass er im Zweifel darauf achten hätte müssen, dass der jeweilige Output (journalistisch oder poetisch) dann auch an die richtige Stelle in den Medien platziert wird.

Und das Feuilleton möge hier wohl der richtige Ort gewesen sein. Das sich dann immer noch Leser haben in die Irre führen lassen, ist dann eben auch mal dumm gelaufen (für die Leser).

Ansonsten bin ich für astreinen Journalismus, der ohne Aufhübschung der beschriebenen Situationen auskommt.

Pickelhaube 03.08.2012 | 14:03

Zur Ordnung bitte!

Wie man jedenfalls seit der causa Wulff weiß, sind es nie die wirklich gravierenden Vorwürfe und Fehler, über die (vermeintlich) "Große" stolpern. Das "Skandälchen" ist Mittel zum Zweck. Und Prantl wird an diesem "Skandälchen" noch zu knabbern haben.

Heideggers "man" hin und her - natürlich hat Prantl suggeriert, er sei "dabei" gewesen. Und das ist dann schon ziemlich problematisch. Er hat ja eine "Person Voßkuhle" beschrieben. Charakterzüge, Eigenschaften, Fähigkeiten.

Und hier hat Prantl so getan, als würde er Herrn Voßkuhle ganz genau kennen. Und hat von ihm ein sehr positives Bild gezeichnet. Es war sogar - eine für Prantl nicht untypische - Huldigung.

Genau das ist es, was mich stört. Es ist ein Unding, Richtern in der Presse zu huldigen, bevor das Urteil gesprochen ist. Ein Unding, und ein Ausdruck tiefer innerer OBRIGKEITSGLÄUIGKEIT (auch dies ist für Prantl nicht untypisch, nur sucht er sich die Obrigkeit ganz genau aus, der er dann bedingungslos verfällt).

Es gab schon mal ein furchbar peinliches "Richterportrait" des Herrn Prantl. Auch eine Huldigung. Und auch ein Schuss, der nach hinten losging. Der Richter hieß Maximilian Hofmeister. Er verhandelte beim Landgericht Augsburg die Sache "Holger Pfahls". Und nach seinem ersten, sehr milden Urteil hat dieser "gehuldigte" Richter vor seinem Angeklagten einen astreinen Bückling hingelegt.

Prantl ist nicht nur eitel. Er ist offenbar auch nicht besonders lernfähig.

Georg von Grote 03.08.2012 | 19:08

Also, wenn man aus Prantls Küchenpassage bei Voßkuhle den Schluß zieht, er sei selbst dabei gewesen, dann zeigt das eigentlich nur, wie manche Texte lesen und verstehen, oder aber wie sie sie selbst verstehen wollen.

Als ich zum ersten Mal den Artikel las, dachte ich nicht an eine persönliche Anwesenheit Prantls in dieser Küche, sondern habe es nur als Bildnis dafür empfunden, wie Prantl die Arbeitsverteilung in Voßkuhles Senat versteht.

Natürlich kann man den Text auch anders interpretieren, so wie man das bei fast jedem Text machen kann.

Nur sehe ich da bei der Auslegung, die man Prantl unterstellt schon eine unlautere Absicht derjenigen, die es so sehen wollen, wie auch immer diese Absicht motiviert sein mag.

Was mich dabei sehr nachdenklich stimmt, ist die Tatsache, dass sich die SZ nicht vor ihren Mitarbeiter stellt, sondern ihm auch noch offen in den Rücken fällt.

Wobei man dabei nicht übersehen darf, dass auch bei der SZ, wie in vielen anderen Redaktionen auch ein interner Konkurrenzkampf existiert. Der darf aber nicht dazu führen, dass ein lauterer Journalist, der hohe Qualitätsansprüche an sich und andere stellt, mundtot gemacht wird. Wenn das Schule macht, dann können wir uns vom sogenannten Qualitätsjournalismus verabschieden.

Georg von Grote 06.08.2012 | 16:02

Naja, Magda, zum teil schon einleuchtend, vor allem, was den Absatz mit dem "vergessenen" Wort betrifft. Da hat Prantle geschlampt. Vielleicht auch bewußt geschlampt.

Das Ganze allerdings wieder auf eine sexistische Ebene zu hieven und darüber zu raisonieren, wer den nun den "Längeren" habe, ist nun wieder zu dick aufgetragen und hätte nicht sein müssen.

Das ist mir dann doch wieder ein wenig zu billig.

Das sage ich nicht, weil ich ein Mann bin, sondern das ist einfach ein längst überholter Stil aus vergangenen Kampflesben-Zeiten.

drhwenk 18.08.2012 | 19:02

Ich finde auch, Prantl hat sich "elegant" formulierend aus der Affäre der Beteligung am Essen schon breoim Schreiben gezogen. Heideggers Deutunfg des "man"" in Sein und Zeit ist philsophisch "legendär". Als klrinen Service für Qualirtätsjouranlisten sage ich ihnen, dass damals das Tema. Massengesellschaft auf der Tagresordnung stand (Ortega y Gasset, Huxley, Orwell) und die heutige Theorie des "Normalismus", aushgehend von Foucault etc. und von Jürgen LInk et alter entwickelt/verteten, philosophisch- germanistisch (Link ist Germanist) erheblich besser, wir der Name schon sagt, sagt mit der Noarmlverteilung als qualsitatve Sozsialforshcugn verbunden. Als Journalisten und auch sonst läsen sie miit Gewinn seine Zeitschrift. "Kulturrevultion" (Klartextverlag). Noch viel besser als die Süddeutsche.

Man heisst nun schlicht nicht unbedingt "ich prsönlich", mit oder ohne Heidegger.

Wen man trotzdenm "ich persoönlich" liest, ist da eine unzulässuige Interpreationgermanisitisch gesehen. In der Mathematik ist dieses Problem erheblich schärfer, vor alllem bei den Formulierengren der EWIG GÜLTIGEN THEOREME, DEFINTIONEN etc, an den Leben hämgren können, daher ist mein Sin dafür recht ausgeprägt.

Gerade für Juristen solte das auch unmittelbar einsichtig sein. Da hängt foch auch oft viel daran, wer was GEMEINT und TATSÄCHLICH GESAGT hat.

Ein guter Journalsit sagt schon meisten, was er sagen will.

Ich finde die TAZ trotzdem besser als die süddeutsche, was soll's.

EnidanH 01.09.2012 | 19:49

Herr Prantl schreibt zwar für die SZ, wurde da befördert, aber so ein echtes Intellekt-Schwergewicht ist er nicht. Klar, er benutzt gerne die Wörter, von denen er meint die SZ-Leser möchten sie hören, aber das war es dann auch schon.

Wäre sein Schreiben schärfer und härter, dann hätte ihn M. Angele vielleicht nicht verteidigt, andererseits wäre ihm niemand wegen des "man" auf die Pelle gerückt. Darin steckt nämlich die Krise des Journalismus, jeder will der klügste und wichtigste sein, dass dazu ein entsprechendes Ego gehört ist klar.

Nun, wo wir beim Thema sind, die klügsten und mutigsten Texte liefern meist die Frauen ab, wie M. Lau oder I. Radisch.