Mein Vater, der Polizist

Sicherheitsdebatte Wie Beamtensohn Martin Schulz Recht und Ordnung garantiert und was Don Winslow kontert
Michael Angele | Ausgabe 27/2017 1
Mein Vater, der Polizist
Wer wird denn hier ein Problem sehen? Cem Özdemir oder Sahra Wagenknecht jedenfalls nicht
Foto: Udo Kröner/Imago

Während jeder politisch interessierte Zeitgenosse die Würselener Heiligenlegende im Schlaf rekapitulieren kann – vereitelte Fußballkarriere bei Rhenania, tiefer Fall in den Alkohol, Läuterung als Buchhändler – ist wenig bekannt, dass Martin Schulz’ Vater ein Polizeibeamter im mittleren Dienst war. Um die sozialpolitischen Vorstellungen des Kanzlerkandidaten der SPD auf ein biografisches Fundament zu stellen, schien dieser Albert Schulz bisher nicht nur lässlich, sondern sogar etwas hinderlich. Ich jedenfalls wurde erst auf ihn aufmerksam, als Martin Schulz in einer Fernsehsendung vorgeworfen wurde, so zu tun, als sei er praktisch in der Gosse groß geworden, während er in Wahrheit dem Mittelstand entsprungen ist. Schulz präzisierte, dass sich dieses Von-unten-komm-ich-her nur auf seinen tiefen Fall vor der „zweiten Chance“ beziehe. Aber ja, sein Vater sei ein Polizeibeamter gewesen, um dann rasch das Thema zu wechseln.

Dass allerdings auch aus diesem biografischen Umstand politisches Kapital für den Wahlkampf geschlagen werden kann, wird beim Lesen seines Buchs Was mir wichtig ist klar. Schulz musste im Wahlkampf ja nun die Erfahrung machen, dass sich vor seinen strahlenden Slogan „Mehr Gerechtigkeit wagen“ eine schwere dunkle Wolke schiebt, auf der das Wort „Sicherheitsdebatte“ klebt. Und käme es kurz vor den Bundestagswahlen zu einem Terroranschlag auf deutschem Boden, müsste man den Bildspender wechseln, und von einer totalen Sonnenfinsternis sprechen. Deshalb erklärt Schulz im neunten Kapitel seiner Mitteilungen in eigener Sache, wie wichtig ihm die Sicherheit ist. Den Begriff „innere Sicherheit“ vermeidet er dabei, als würde alleine das Aussprechen die rechten Geister herbeizitieren. Lieber spricht er von „Sicherheit und Zusammenhalt“.

Ein grünes Ammenmärchen

Das ist clever, denn unter „Zusammenhalt“ lässt sich sowohl eine Bürgerwehr als auch die internationale Solidarität denken. Dass viele Menschen verunsichert sind, weil ihnen der globale islamistische Terrorismus Angst macht, weiß natürlich auch Schulz, auch wenn er lieber unverfänglich von Extremisten spricht, denen er hierzulande mit einem Mix aus präventiven Maßnahmen und Null-Toleranz den Nährboden entziehen will. Und er will natürlich, dass „die Polizei in diesem Land wieder gestärkt wird“. 15.000 zusätzliche Stellen für die Polizei in Bund und Ländern, so steht es im Parteiprogramm der SPD. Damit bläst sie ins gleiche Horn wie die Linke und die Grünen. Wie die AfD sowieso. Von Sahra Wagenknecht, die nicht länger zusehen kann, wie die „Polizei kaputtgespart wird“, bis zu Cem Özdemir, der sagt, es sei „ein Ammenmärchen“, dass die „Grünen ein Problem mit der Polizei hätten“.

Dass die Grünen das Wort „Bulle“ schon auf den Index gestellt haben, ist ein anderes Ammenmärchen, aber dass das linke und alternative Spektrum mit der Umarmung der Polizei dem Diskurs der Rechten das Wasser abgraben will, ist nur zu offenkundig. Die einzige Partei, von der man sicher sagen kann, dass sie chancenlos bliebe, wäre die, die bei der Polizei abbauen wollte. Aber das wagt nicht einmal die angeblich so staatsskeptische FDP. Auch sie will mehr Personal und, natürlich, „eine bessere technische Ausstattung“.

Umgekehrt ist nicht schon glaubhaft, wer sagt, dass er kein Problem mit der Polizei habe, eher im Gegenteil. Das spüren Grüne und Linke. Aber was wäre die taktische Alternative? Eine noch bessere technische Ausstattung für die Geheimdienste zu fordern? Auch das scheint keine Forderung, die auf breite Zustimmung hoffen kann. Deshalb kann man im öffentlichen Diskurs über Sicherheit eine Dichotomie beobachten: gute Polizei hier – böse Geheimdienste da. Die Psychoanalyse kennt den Vorgang der Spaltungsabwehr; er resultiert aus einer infantilen Unfähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten. Da solche Spaltungen nie ganz aufgehen, kommt es zu Kompromissbildungen. Hier liegen sie in einer parteiübergreifenden politischen Forderung nach dem verbesserten „Datenaustausch“ der Polizei über kleine und große Ländergrenzen hinweg.

Hier twittert die Landspolizei

Kurze Rückblende ins Jahr 1982. Ein Schriftsteller beobachtet vor der gegenüberliegenden Wache Polizisten, von denen er sich beobachtet fühlt. Ein solches Szenario, wie es Rainald Goetz 1982 in Kronos entwickelt hat, wirkt im digitalen Zeitalter anachronistisch. Die Polizeiwache ist kein Symbol mehr für die Überwachungsgesellschaft. Das heißt aber gerade nicht, dass der Polizist keine Figur von hohem Gefühlswert mehr wäre. Nur eben anders. Wo digitale Überwachung zum Schutz von Bürgern keine politische Option sein kann, kommt Albert Schulz ins Spiel.

Sein Sohn schreibt: „Er fuhr mit dem Fahrrad durch die Straße und sorgte für Ordnung.“ So war es in Eschweiler und so war es gut, allein „die Strukturen in unserer Gesellschaft haben sich verändert … Die Polizei kann heute gar nicht mehr so nah am einzelnen Menschen sein. Wenn man den alten Spruch von der Polizei als ‚Freund und Helfer‘ verwenden möchte, dann könnte man sagen, dass sie zu den Zeiten meines Vaters eher der persönliche Freund war und heute eher der effiziente Helfer ist. (…) Was mir aber enorm wichtig ist: Diese Entwicklung darf nichts am Respekt ändern, den wir der Polizei entgegenbringen.“

Sätze wie ins Schlafkissen gestickt, gegen Respekt kann nun wirklich keiner etwas haben. Wie „Zusammenhalt“ ist auch dieses Wort nicht nur von wolkiger Bedeutung, es wird sogar in antagonistischen Kontexten positiv besetzt. Respekt schlägt eine patriarchale Brücke von der öffentlichen Ordnung in ihr vermeintliches Gegenteil, den „Dschungel“ der Kriminalität. Scheinbar unendlich weit von Hehlrath, das heute allerdings auch kein Dorf mehr ist, in einer dunklen Ecke von Upper Manhattan, sagt der Gangster zum wild gewordenen Cop: „Haben Sie bitte Respekt!“ Zitiert nach dem neuen Bestseller von Don Winslow, Corruption, aktuell Rang drei der Spiegel-Bestenliste. Sicher, die deutsche Polizei hat viel für einen Imagewandel getan, aber wir leben nun einmal in einer Mediengesellschaft. Deshalb lässt sich ungestraft behaupten, dass Winslow mit HBO-Serien wie The Wire das Bild des Polizisten stärker verändert hat als die Einführung von Kontaktbereichsbeamten und bürgernahen Kommunikationsformen: „Moin! Hier twittert die Landespolizei Schleswig-Holstein“. In Milieus, in denen früher das Law-and-Order-Denken bekämpft worden wäre, freut man sich heute am Video eines anderen Polizistensohns, das ironisch die große Versöhnung von Gangster und Ordnungshüter rappt: Ich hab Polizei von Jan Böhmermann. Dazu passt, dass nun auch der „Gangsterrapper“ Bushido erkennt, was die Stunde geschlagen hat, und im Interview mit der Zeit fast stolz erwähnt, er rufe die Polizei an, wenn das Partyvolk in seiner Nachbarschaft nicht Ruhe geben will.

Held und Verräter

Wichtig ist das Wort „Polizeiarbeit“, das ich erst durch die Serie The Wire kennengelernt habe, wo es endemisch verwendet wurde („good police work“). Weit davon entfernt, ein Problem nachhaltig zu lösen, bedeutet gute Polizeiarbeit, einen Hintermann im Drogengeschäft festzunehmen oder einen Jugendlichen am Abdriften in die Kriminalität zu hindern. Es bedeutet, aus den gegebenen Umständen das Beste zu machen. Oder eben auch nicht. Der Cop, von dem der Gangster in Corruption Respekt verlangt, ist weit vom rechten Weg abgekommen. Malone hat nicht nur Geld für Deals zwischen Verbrechen und Justiz genommen, er hat nicht nur selbst kiloweise Heroin erbeutet und verkauft, er hat auch noch seine Kumpels an eine Untersuchungskommission verraten, die selbst korrupt ist. Eine Ratte! Trotzdem bleibt er auch ein Held, der seine „Fehler“ bereut und sühnend zum Rächer wird. Dabei weiß Malone, dass er nur dann ein anderer sein könnte, wenn sich die Umstände wirklich veränderten. Rassismus, Gewalt, Drogenelend, schlechte Bezahlung (ja auch das!) sind die Folgen einer falschen Politik, das hat der New-York-Times-Leser Malone erkannt. Man wagt es ja kaum noch auszusprechen: Er ist der Polizist, der durch bittere Erfahrung an der Schwelle zum Gesellschaftskritiker steht. Dafür zollen wir ihm als Leser „Respekt“. Aber so hat es Martin Schulz, glaube ich, nicht gemeint.

Info

Corruption. Thriller Don Winslow, Chris Hirte (Übers.), Droemer 2017, 544 S., 22,99 €

Was mir wichtig ist Martin Schulz Rowohlt Berlin 2017, 192 S., 16 €

06:00 02.08.2017
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