Ölschinken mit Schinken

Hochkomik Das Nachdenken über Albernheit ist gar nicht albern. Ein neues Buch aus dem Textem-Verlag macht’s vor

Vor ein paar Monaten machte auf YouTube ein Video die Runde, das den damaligen Bundesrat Hans Rudolf Merz beim Vorlesen der Einfuhrbestimmungen für Gewürzfleisch zeigte. Dem Politiker erschien das Beamtendeutsch dieser Bestimmungen plötzlich unendlich komisch, nur mühsam konnte er seinen Auftritt fortsetzen, immer wieder setzten ihm kurze Lachanfälle zu, bis er schließlich bei dem Ausdruck „zum Beispiel Bündnerfleisch“ in ein durchschüttelndes, ansteckendes Gelächter ausbrach, das den Plenarsaal ebenso mitriss wie später Hunderttausende User vor ihren Bildschirmen.

Die Theorie zu diesem Auftritt wird nun gleichsam nachgeliefert in einem hübschen Büchlein über die Albernheit, verfasst von Michael Glasmeier und Lisa Steib. Zu einem Paradebeispiel für die Theorie der Albernheit wird der Auftritt des Schweizer Politikers dadurch, dass sich der eigentliche Lachanfall nicht an einer der umständlichen, im engeren Sinne komischen Behördenformulierungen entzündete, sondern an dem an und für sich unverdächtigen Ausdruck „zum Beispiel Bündnerfleisch“.

Die Pointenlosigkeit ist eben ein wesentliches Kennzeichen für das Alberne, das im „Feld des Komischen“ eine Sonderstellung einnimmt, wie die beiden Autoren schreiben. Singulär ist es auch darin, dass die „Albernheit weder glaubhaft vorgetäuscht, noch authentisch nachgeahmt werden kann.“ Nur wer albern ist, so könnte man sagen, ist natürlich.


Dieser Befund widerspricht nun allerdings ein wenig dem ganzen Rest des Buches, das sich mit der Herstellung von Albernheit, vor allem in der bildenden Kunst, beschäftigt. Es ist dann sogar von Methoden die Rede, die besonders gut ein Thomas Kapielksi zu beherrschen scheint; man denke nur an sein extrem albernes Bild Der Ölschinken von 1982, das einen in Öl gemalten Schinken zeigt. Natürlich will eine solche Kunst die Bedeutungshuberei der Kunst und im Diskurs (sic!) über sie unterlaufen, darin liegt ihre anarchische Kraft, wobei die Rede von der anarchischen, subversiven Kraft solcher Kunst leider auch nichts mehr viel Anarchisches und Subversives hat.

Im späten Fortgang der Lektüre des Büchleins scheint dann auch durch, dass sich das Kunstalberne, wie man es vielleicht analog zum Kunstschönen nennen darf, nicht im Museum, auch nicht im Buch (trotz eines Laurence Sterne oder eines Robert Gernhardt), sondern im Filmtheater am besten entfalten kann, und wären die beiden Autoren nicht zufällig Kunstwissenschaftler, hätten sie wohl schneller die Kurve gekriegt und nicht eine etwas alberne Erklärung nachgereicht („Wir haben uns dieses grandiose Albernheitsmedium bis zum Schluss aufbewahrt, weil wir politisch korrekt zuerst den Minderheiten Vortritt gelassen haben“). Im Film steht das Alberne in einem produktiven Verhältnis zum Komischen. Aber nicht alle albernen Filme sind auch komisch und nicht alle komischen Filme sind auch albern, zu einer idealen Mischung ist es in den Werken von Monty Pythons Flying Circus gekommen, man denke an das grandiose „Ministry of Silly Walks“, und zumindest in der Hochphase seines Schaffens, bei Helge Schneider.

Wer singt heute noch Katzeklo?

Dieser Künstler ist ja auch ein besonders krasser Beleg für die ansteckende Wirkung des Albernen. Wer hat damals nicht sein Katzeklo-Lied nachgesungen und sich in weiteren Nachahmungen seines albernen Sprechstils gesuhlt? Aber wie kommt es eigentlich, dass man Helge Schneider heute nicht mehr hören kann? Kann man, mit anderen Worten, gute Albernheit von schlechter unterscheiden? Gibt es also ein Geschmacksurteil des Albernen?

Dieses Kapitel in der Ästhetik des Albernen ist noch zu schreiben. Ausgehen könnte man von einer leider nur allzu wahren Beobachtung der beiden Autoren: „Die meisten Albernheiten, die heute in Deutschland verlegt werden, scheinen entweder durch Comedy versaut oder merkwürdig melancholisiert.“ Wer könnte dem widersprechen? Und wer wollte leugnen, dass man mit dem Albernen, dieser an sich grund- und ziellosen, beiläufigen, sich endlos reproduzierenden, „wagemutigsten Ausprägung der Komik“, per definitionem „nicht fertig“ wird. Der Band ist erschienen im Textem-Verlag, enthält 183 Fußnoten und bildet den Auftakt der Reihe „Kleiner Stimmungsatlas in Einzelbänden“.

A AlbernheitMichael Glasmeier, Lisa Steib Textem 2011, 120 S., 12

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14:00 22.02.2011

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