Sichere Heimat

Literatur Christoph Nußbaumeder erzählt in „Die Unverhofften“ eine bayrische Aufstiegsgeschichte mit Abgründen

Natürlich ist es nicht so, dass ein Roman, der in Bayern spielt, automatisch ein Heimatroman ist. Aber es ist doch so, dass praktisch jedes Kunststück, das in diesem Weltteil spielt, ob Drama, Prosa oder Film, in Beziehung zu „Heimat“ gebracht wird, von Kroetz über Bierbichler bis Fassbinder.

Eine kleine Hommage an Fassbinder gibt es auch in Christoph Nußbaumeders Prosadebüt Die Unverhofften. Bekannt wurde Nußbaumeder als Dramatiker, in seinem ersten „Roman“ greift er den Stoff und die Handlung seines Stücks Eisenstein auf und erweitert sie zu einer packenden Saga. Eisenstein, so heißt auch der Ort im Bayerischen Wald, an dem die Geschichte um die Familie Hufnagel ihren Ausgang nimmt. Bis ein Avantgardefilmer namens Rainer in einer Münchner Studentenbude erwähnt wird, sollte das Jahrhundert recht alt geworden sein, und das nun zum Zonenrandgebiet zählende Eisenstein ist schon mehr Erinnerung als wirkende Gegenwart.

Ein falscher Inzestverdacht

Das gilt auch für den Leser auf seinem Weg durchs Buch, und wenn er an einer der Gabelungen innehält, wird er sich an Glashütten und, nachdem eine dieser Glashütten abgebrannt ist, an ein Sägewerk sowie an Wirtshäuser mit Inschriften über dem Eingang erinnern, auch an Kuhhandel, oder an einen Arbeiterführer, den Dillinger, der den Arbeitern des Hufnagel’schen Glashütte sagt: „Ich bin nämlich keiner von euch.“

Das ist ein Kernsatz in einem Heimatbuch. Heimat ist ja nur durch den Fremden und die Fremde. Amerika zum Beispiel, wohin Maria auswandern will. Und als allerfremdeste Fremde dann: der Tod. Heimat ist der Ort, wo man begraben wird, aber das ist eine Binse, die bei Nußbaumeder um den feinen Zusatz erweitert wird, dass nach dem Begräbnis der Leichenschmaus folgt, der hier „Gremess“ heißt, denn man muss schon ein bisschen so schreiben, wie gesprochen wurde. Natürlich kriegt auch der Vinzenz Hufnagel einen Schmaus, auch wenn er nicht beliebt war im Ort, er war etwas zu sehr Nazi, in der SS, und hat sich dann zu Tode gesoffen.

Aber im Tod findet man auch für ihn versöhnende Worte, und das ist ein markantes Merkmal so einer Heimatprosa, dass alles mit einer großen Sympathie für die Leute erzählt wird, nicht nur für die einfachen, die Mägde und Arbeiter, die dann aus dem Blickfeld verschwinden, sondern auch für die Aufsteiger – und die Frauen, die ihren eigenen Weg gehen und unter anderem in den 1970er Jahren in einem Haus in der Toscana landen, denn das muss man schon sagen: Der Zeitgeist klopft laut an die Tür bei Nußbaumeder. Und auch sein Erzähler hat es in sich, der kennt jeden Gedanken seiner Protagonisten, ist ein „allwissender“, wie das in der Erzähltheorie heißt. Man kann das naiv finden, der moderne Roman kennt diese Haltung eigentlich nicht mehr, aber eine Saga, und das ist dieses Buch viel eher als ein Roman, darf, muss mit ungebremster Kraft agieren. An manchen Stellen gelingt das fast zu gut, da stellt Nußbaumeder seine Kunst etwas aus, mit noch einem Kniff und noch einem.

Aber es ist ja auch knifflig. Da ist eine tragische Liebesgeschichte, die über weite Strecken die Handlung antreibt, die Energien mobilisiert und die Schicksale der Familie, wenn nicht lenkt, so doch mitbestimmt. Inzest ist im Spiel. Genauer: die folgenreiche falsche Annahme eines Inzests, der bei Nußbaumeder durch ein sozialkritisches Motiv gedeckt ist. Die mittellose Erna lässt den wohlhabenden Josef glauben, er und nicht eine kommunistische Zufallsbekanntschaft in den Wirren der letzten Kriegstage sei der Vater von Georg, weil sie die Existenz ihres Kindes sichern will.

Und es muss reichlich Information in das Erzählen einfließen, weil nicht nur aus den gesellschaftlichen Bedingungen heraus erzählt werden will, sondern im Grunde genommen „das Jahrhundert“ selbst zu Wort kommen soll, wie es in die Familiengeschichte reinwirkt. Das führt bei so einer Unternehmerfamilie automatisch zu einem Abrü

1971 entkoppelte Nixon den Dollar vom Goldstandard, eine Entscheidung, die weit über die Ölkrise hinaus den Finanzkapitalismus entfesselte: Das Ende des Systems von Bretton Woods hat Joseph Vogl in seinem Buch Das Gespenst des Kapitals virtuos herausgearbeitet. Nußbaumeder ist ein belesener Autor; nehmen wir an, er hat es gelesen. Wir streifen dieses Faktum in einem Gespräch, das Josef Hufnagel mit dem Krone-Wirt führt, bei einem seiner seltenen Besuche daheim. Josef steht für die bayrische Moderne. In der Weimarer Republik national gesinnt, war er dann aber kein Nazi, und mit seiner konzilianten liberal-konservativen Art hätte er Karriere bei den Christlich-Sozialen machen können. Aber um nach ganz oben zu kommen, fehlt ihm die Beherrschung, er stolpert über eine seiner „Weibergeschichten“ und bringt es nicht weiter als zum Staatssekretär.

Es ist Georg, der das bayrische Modell optimiert. Zur Politik hält er zwar Abstand, soweit es ihm nicht schadet, aber er reüssiert als Unternehmer, verkauft das Sägewerk, steigt ins Baugewerbe und da notabene in die neue Fertighaussparte ein, schließlich kennt man ihn als schwerreichen „Immobilienhai“. Auch wenn das die Geschichte eines Emporkömmlings ist, so ist es doch auch die einer ambivalenten Figur, introvertiert und nachdenklich auf der einen Seite, so hatte ihn die Gewerkschaft einst als „sozialsten Mittelstandsunternehmer des Jahres“ bezeichnet, skrupellos auf der anderen. Gegen Ende vegetiert ein Familienmitglied in einer Wohnung, die unwissentlich, weil über Ecken, zu seinem Immobilienreich gehört. Aber in einem packenden Buch, das Die Unverhofften heißt, ist das nicht das letzte Wort.

Info

Die Unverhofften Christoph Nußbaumeder Suhrkamp 2020, 671 S., 25 €

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 24.12.2020

Ausgabe 08/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 0