Wenn ich vente, kann es etwas random werden

Hegelplatz 1 Michael Angele hört der Jugend zu und lernt etwas über eine Welt, die nicht seine ist
Wenn ich vente, kann es etwas random werden
Das Shuttle des Chefredakteurs: die Straßenbahn-Linie 12 in Berlin

Foto: Rüdiger Wölk/Imago Images

Kennen Sie den Ausdruck „venten“? Ich kannte ihn nicht, aber unsere Filmredakteurin kennt ihn. „Venten“ meint offenbar so viel wie „geistig durchlüften“; was in einem ist, mal rauslassen. Zum Beispiel: Ich finde die Pferdeschwanzmode bei Fussballerinnen sehr sexy, interessiere mich aber auch wirklich für die Spiele selbst. Ist das okay? „Venten“, sagt die Redakteurin weiter, ist so ähnlich wie „ranten“. Ein Wort, das seit Rezo enorm an Bedeutung gewonnen habe. Ich solle mir doch bitteschön das Video zu Ende anschauen, denn dort verwende der bekannte Influencer den Ausdruck. „Ich rante“ scheint mit „es bricht aus mir heraus“ nur schlecht übersetzt. Es kommt von „Rant“, aber ein Rant ist mehr als nur ein Ausbruch, ist fast schon eine literarische Form. Dazu gibt es kein Äquivalent im Deutschen.

Man darf die Jugend zu so viel Sprachgefühl beglückwünschen. Häufig hört man sie neuerdings auch von „random“ sprechen. Zum Beispiel: „Ich habe nur eine Zwei in Mathe, voll random“. Random heißt also wohl nicht einfach Zufall, sondern Zufall kombiniert mit Ungerechtigkeit. Eine Welt ohne hinreichende Begründungen. Das macht wütend. Gut so! Aber ich tappe doch etwas im Dunkeln, da ich den Ausdruck in seiner konkreten Verwendung noch nie gehört habe. Die Redakteurin hört diese Worte in der Frankfurter S-Bahn. Die S-Bahn ist ihr Draht zur neuen Welt.

Meine Welt ist die Straßenbahn-Linie 12 in Berlin. Sie führt vom Prenzlauer Berg durch Mitte bis vor den Hegelplatz. Kann schon sein, dass ich auf meinen Fahrten den Ausdruck „random“ schon gehört habe. Aber nicht von deutschen Jugendlichen, sondern von Expats. Expat Moms, die ihre Kinder in eine Internationale Schule bringen, bilden ein Gutteil der Fahrgäste. In mir bilden sich viele Fragen um diese Gruppe. Wovon leben sie? Ist ihnen klar, dass in Berlin eine Wohnkatastrophe stattfindet und sie da irgendwie mit drinhängen? Und was tun sie eigentlich, wenn die Kinder in der Internationalen Schule abgegeben wurden? Ich bin der Sache nachgegangen. Hier mein Bericht: Wenn sie ihre Kinder abgegeben haben, steigen die Expat Moms Friedrichstraße in die S-Bahn und fahren nach Lichtenrade, wo sie sich in ein Omi-Kaffee setzen und mit den Ömchens vor Ort Gott und die Welt besprechen. Sie fragen, wie es um die Umbennenung des Großen Saals des Gemeinschaftshauses steht, der nach dem früheren Tempelhofer Bürgermeister Wolfgang Krüger benannt werden soll. Wie war dieser Krüger denn so? Fragen sie. Und die Ömchens antworten: Tischler und Zimmermann war er doch gewesen! Starb letztes Jahr, hat’s am Herzen gehabt. Oh, und I feel so sorry, sagen die Moms, dann schauen sie auf ihre Apple-Uhr: Zeit, die Kinder abzuolen!

06:00 11.08.2019
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