Michael Angele
11.01.2012 | 12:10 14

Wie man eine Debatte los wird

Kulturkommentar „Der Name Wulff muss nun völlig vergessen werden": Kant und seine Vergessenskunst können uns helfen, die wichtigen und richtigen Dinge zu tun

Es gibt vermutlich nur wenige Menschen, die immer genau das tun, was ihren Überzeugungen entspricht, und die dabei auch noch einen zufriedenen Eindruck machen. Für die meisten gilt leider, dass sie öfter mal anderes tun, und dabei noch unglücklich sind. Die Wulff-Debatte liefert einen eindringlichen Beweis für diese Weisheit aus dem Nähkästchen. Ich jedenfalls kenne niemanden mehr, der dieser Debatte nicht überdrüssig ist. Mehr noch: Ich kannte schon vor zwei Tagen kaum noch einen, der ihrer nicht überdrüssig war. Und dennoch hat man in der ARD Plasbergs hart aber fair bis zu Ende geschaut, obschon dort nichts Neues über den Bundespräsidenten und seine Wahrheiten gesagt wurde.

Warum fällt es einem so schwer, sich um die Sache erstmal nicht weiter zu kümmern? Sozialpsychologen würden von Konformitätsdruck sprechen. Das ist bestimmt nicht falsch, es ist nun einmal nicht leicht, gegen den Strom zu schwimmen, zumal im Medienzeitalter, in dem man Angst haben muss, dann nicht mehr mitreden zu können. Aber vielleicht lässt sich das Problem noch etwas anders, nämlich medientechnisch, fassen. Wir können uns dabei an Überlegungen des großen Romanisten Harald Weinrich klammern, die dieser vor einiger Zeit in seinem Aufsatz Warum will Kant seinen Diener Lampe vergessen? entwickelt hat (Schriften der Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster, Heft 74).

Worum geht es? Im hohen Alter hatte der Philosoph Immanuel Kant seinen treuen Diener Lampe entlassen. Nach Kants Tod fand man die handschriftliche Notiz: „Der Name Lampe muss nun völlig vergessen werden.“ Die Ungereimtheit fiel schnell ins Auge: Das Aufschreiben dient doch gerade dazu, etwas besonders gut im Gedächnis zu bewahren! Dass Kant das Gedächtnis bemühte, um etwas zu vergessen, schien eine üble contradictio in adiecto zu sein, ein Widerspruch in sich selbst, der einem Professor der Logik im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte nicht zuzutrauen ist. Zumal Kant ein hervorragendes Gedächnis hatte.

Wegschreiben

Vielleicht war Kant aber doch nicht senil, meint Weinrich. Denn vielleicht übte er neben seiner Gedächntiskunst, der ars memoriae, auch eine ars oblivionis aus, eine Vergessenskunst. Dass für einen Selbstdenker wie Kant das Vergessen tausender Kommentare zu philosophischen Problemen existenziell ist, erscheint ja klar. Wer viel vergisst, kann auch kein „Nachbeter“ und „blinder Nachäffer“ werden, sagte Kant. Was bedeutet nun also ein solcher Erinnerungszettel im Dienste des Vergessens? Nichts weniger als die positive Wendung einer pessimistischen These aus Platons Phaidros, wonach „die Kunst zu schreiben... das Gedächtnis zugrunde gerichtet hat“; gemeint ist das mündlich gebildete, „natürliche“ Gedächtnis.

Um den Zusammenhang klar zu machen, müssen wir in die Sowjetunion des Jahres 1968 springen. Dort versucht der Arzt Alexander Romanovitsch Lurija einem armen Teufel zu helfen, der daran litt, buchstäblich nichts vergessen konnte. Man kann nicht leben, wenn man an alles denken muss, man kann nicht einmal schlafen. Lurija empfahl seinem Patienten alles, was er vergessen wollte, auf einen Zettel zu schreiben. Wer etwas aufschreibt, rückt es auch von sich weg, so seine Erkenntnis, die sich im großen Stil auf unsere Lage übertragen lässt.

Wir wollen diese Wulff-Debatte nicht mehr? Dann müssen wir sie uns eben wegschreiben. Und genau das geschieht ja in den Kommentaren und Blogs zur Debatte, diesen Merkzetteln des 21. Jahrhunderts, auch auf Freitag.de, die alle dem einen, heimlichen Zwecke dienen: zu vergessen, was man nicht länger aushält.

Kommentare (14)

lonely_crowd 11.01.2012 | 14:46

Wunderbar, welch' herrliche feuilletonistische Locke haben Sie da auf einer nicht vorhandenen Glatze gedreht. Merke: Dem Kulturredakteur ist kein Anlass zu nichtig, um nicht in den Korb seiner Lesefrucht-Ernte von Jahrzehnten zu greifen und die Kulturgeschichte im Schweinsgalopp (und wenigen Zeilen) zu durcheilen. Und Platon ist auch dabei, eh klar.

Ich weiss gar nicht, was ich schrecklicher am neuen Freitag finde: den unermüdlich und ziemlich banal dahermoralisierenden Verleger mit dem erhobenen Gratis-Zeigefinger (jetzt auch in Geschmacksrichtung SPON erhältlich!), das Wikipedia-Halbwissen der jungen Zeilenhonorar-Sklaven oder dieses gediegene, endlose und so ermüdende Geschwätz.

Michael Angele 11.01.2012 | 15:27

Oh ja, jetzt wo sie es sagen! Tatsächlich sieht er für mich ja aus wie der Dichter Armin Senser, und ich könnte nun bei der Google-Bildersuche nach dem Film schauen, aber das würden sie ja wieder unter "Wikipedia-Halbwissen" verbuchen.

Ich muss also mit ihrer Sternchen-Bewertung leben. Was mir übrigens auffällt: bei fast allen meiner Artikel kommt kurz nach der Veröffentlichung so ein Frustbolzen aus der Tiefes des Netzes angeschossen und haut mir erst einmal kräftig eine rein. Danach geht es dann etwas besser (wenn auch stetig auf und ab)
Cheers

lonely_crowd 11.01.2012 | 18:24

Nunja, dann könnt ihr euch ja gegenseitig trösten. Ohne en detail in das Gesamtwerk beider Herren einzusteigen: Könnte es nicht einfach sein, dass euer beider Artikel einfach oft so gurkig sind, dass sie spontanen, zornigen Widerspruch hervorrufen. Von "Frustbolzen" wie mir? (Ich äußere mich allerdings sehr, SEHR selten hier.) Immerhin, auch dies ist ein "Merkzettel des 21. Jahrhunderts" (M. Angele), lach.

lisi stein 11.01.2012 | 20:45

@ Michael Angele

Kant, das geht für einen Katholiken wie Wulff es "ist" gar nicht (steht auf dem Index). Versuchen wir es doch mit Montaigne "Von der Freundschaft", dtv, 2. Aufl. 2006, München. S. 104.

"Ich sage denn, daß ein jeglicher von uns Schwächlingen zu entschuldigen ist, wenn er für sein erachtet, was in diesen Grenzen begriffen ist. Aber über dieses Maß hinaus ist auch nichts als Verwirrung. Dies ist der weiteste Bereich, auf den wir unsere Ansprüche ausdehnen können. Je weiter wir unsere Bedürfnisse und unsere Rechte erstrecken, desto mehr setzen wir uns den Schlägen und des Ungemachs aus. Der Spielraum unserer Wünsche muß auf ein enges Feld der allernächsten und erreichbarsten Annehmlichkeiten beschränkt sein: und fürderhin muss ihr Lauf gezügelt werden, daß sie nicht geradewegs querfeldein fremden Zielen zueilen, sondern in einem Kreise, der nach einem kurzen Bogen zu uns zurückkehrt und sich schließt.

... sie könnten ihm das dann mal erklären.