Ein Nachfahre der Mystik

CHRISTIAN LEHNERT Gesängen

O daß wir unsere Ururahnen wären«, dichtete einst der junge Gottfried Benn, »Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor. / Leben und Tod, Befruchten und Gebären / Glitte aus unseren stummen Säften vor.« Das war aus der Perspektive des Nietzscheaners gesprochen, der dem Leiden an den Qualen des Bewußtseins, am Denkenmüssen und an den Zwängen der »Verhirnung« seine Auflösungsphantasien entgegensetzte. Seine dionysische Flucht vor der positivistischen Welt der Moderne führte Benn in den Gesängen von 1913 zur Regression ins Animalische, Vorzeitliche. Auch in seinen frühen Essays träumte Benn von den Zuständen der Depersonalisation und einem rauschbereiten Ich: »mythen-monoman, religiös, faszinär«.

Von den pflichtgemäß ernüchterten Schriftstellern unserer Tage werden solche dionysischen Programme meist des Irrationalismus verdächtigt, der vorsätzlichen Flucht vor den Zeichensystemen einer medial beschleunigten Gegenwart. Vielleicht ist es aber gerade dieser hartnäckig retroverse Blick, diese Suche nach visionärer Innenschau, was die suggestiven Vorzeit-Bilder in den Gedichten Christian Lehnerts so faszinierend macht.

Auch Christian Lehnert ist - wie der frühe Benn - ein mythen-monomaner, religiöser, von theologischen und mystischen Motiven umgetriebener Dichter. Mitte der 90er Jahre fand der junge Dichter, inspiriert durch religionswissenschaftliche Studien, in den Landschaften der jüdischen und arabischen Welt seine Orte poetischer Verheißung. Angeregt durch den Besuch heiliger Stätten des Judentums und des Islams, etwa auf der Halbinsel Sinai, entstanden lyrische Zyklen, in denen das poetische Subjekt immer wieder Motive der Schöpfungsfrühe und der Geburt des Menschen imaginiert. Auch das vorliegende Gedicht spricht von einem Rücksturz in die prä-humane Sphäre, von der Auflösung des Ich in den Organismen des Meeres, vom pantheistischen Zerfließen und Oszillieren des Subjekts. In Lehnerts großen Zyklen »bruchzonen«, »befunde« und »Der Augen Aufgang« finden wir immer wieder solche Vorstellungen von der Entrückung des Ich in animalische oder planetarische Ursprünglichkeit, wobei, anders als beim Agnostiker Benn, die Bilder göttlicher Schöpfung zum positiven Bezugspunkt dieser Poesie werden. Auch in den »bruchzonen« sinkt das Ich hinab in jene heilige Sphäre, die für die allermeisten unserer Gegenwartspoeten völlig tabu ist. Die letzten beiden Zeilen des Gedichts rufen den Namen Gottes in Erinnerung: Jahwe, der von Lehnert mit der Tautologie »Ich bin, der ich bin« übersetzt wird: »wie ein vergessener name hinab in / das gedächtnis eines vagen ich bin, der ich bin«. Christian Lehnert rekonstruiert in seinen dunkel dahinströmenden Ursprungsbildern und halluzinatorischen Phantasien Einsichten und Erleuchtungen der Mystik, seine Texte haben die Innigkeit und visionäre Kraft von Gebeten. Es gehe darum, so schreibt Lehnert über ein Gedicht von Angelus Silesius, »die Fragmente frühester Erinnerungen mit den Fraktalen der Wahrnehmung zu verbinden - ein Klanggewölbe für die Stimmen der poetischen Mystik«. Die Thesen über den frommen Liederdichter und Mystiker Angelus Silesius lassen sich auch als Selbstinterpretation lesen. Insofern trifft auch das Diktum des Literaturwissenschaftlers Peter Geist zu, der zu Christian Lehnert bemerkt: Dieser Dichter steht Meister Eckarts »unio mystica« näher als den Meistern unserer Avantgarde.

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