1919: Gesetz der Geschichte

Zeitgeschichte In Schriften und Artikeln zwischen November 1918 und Januar 1919 ist Rosa Luxemburg einmal die kühne Prophetin, dann wieder die kühle Beobachterin der Ereignisse
1919: Gesetz der Geschichte
Titelbild der KPD-Zeitschrift „Die rote Fahne“ (1918)

Foto: Photo12/Ullstein

Rosa Luxemburg hat nach dem 9. November 1918, dem Tag ihrer Entlassung aus dem Gefängnis wie auch des Beginns der Novemberrevolution, sofort den Kampf um deren politische Richtung aufgenommen. Auf ihre tagesaktuellen Veröffentlichungen in den wenigen Wochen bis zu ihrer Ermordung durch Freikorpssoldaten am 15. Januar 1919, zumeist in der Roten Fahne, soll hier zurückgeblickt werden. Die Texte offenbaren ihre prophetische Weitsicht wie auch Haltungen, die im Nachhinein als Fehler erscheinen. Doch kann man von „Fehlern“ sprechen, wenn gar nicht vorstellbar ist, dass ein anderer oder eine andere es besser gemacht hätte?

Es ist zwar leicht, sie zu tadeln, wenn sie immer wieder das Gesetz der Geschichte anführt, dem sich die Menschheit unterwerfe. „Der Regierungssozialismus stellt sich der kommenden proletarischen Revolution in den Weg. Die proletarische Revolution wird über seine Leiche hinwegschreiten“, vermerkt sie im Oktober 1918. „Der Anfang ist gemacht. Das weitere ist nicht in der Hand der Zwerge, die den Lauf der Revolution, dem Rad der Weltgeschichte in die Speichen fallen wollen.“ (18. November).Das Proletariat stützt sich auf „den Gang der Geschichte“, „das eherne Triebwerk der Entwicklung“. (24. November) Mögen „gegnerische Kräfte für den Augenblick durch rohe Gewaltmittel Oberhand gewinnen“, schreibt sie noch zwei Tage vor ihrem Tod, „den weiteren Entwicklungsgang, den Siegeszug der Revolution aufzuhalten, sind sie völlig machtlos.“

Ihr selbst erschien dieser Irrwahn als Stärke, weil er die Menschen, die es glaubten, aufstachelte und vorwärtstrieb. Die Erfahrung, dass es sich fatal auswirkte, machte sie postwendend, konnte es aber so schnell nicht begreifen. Denn eben im Maß, wie sie ihre Leser von der geschichtsgesetzlichen Revolutionsgarantie überzeugte, erschien sie diesen Lesern nun ihrerseits, im Grunde nicht anders als die „Regierungssozialisten“, als Hemmnis, sobald ihr Realismus die Oberhand gewann und sie selbst einmal zum Rückzug oder Aufschub riet. Das geschah auf dem Gründungsparteitag der KPD zum Jahreswechsel 1918/19, als sie vorschlug, die neue Partei solle an den Wahlen zur Nationalversammlung teilnehmen, die sie vorher immerzu als konterrevolutionär denunziert hatte. Und das geschah wenig später, als sie sich gegen die Bewaffnung der Berliner Arbeiter aussprach, durch welche deren Januardemonstration zum chancenlosen Aufstand wurde. Man kann nachvollziehen, dass ihr Publikum sie für inkonsequent hielt und ihr beide Male die Gefolgschaft verweigerte.

Da der Glaube ans Geschichtsgesetz ein Merkmal ist, das von bürgerlicher Seite dem Marxismus als solchem zugeschrieben wird, ist es wichtig, zu unterstreichen, dass sich Lenin in seinem revolutionären Agieren ganz anders verhielt, und von da aus die Frage zu verallgemeinern. Was Bertolt Brecht in den Buckower Elegien über ihn schreibt, trifft zu. „So wie Lenin: Morgen abend / Sind wir verloren, wenn nicht ...“ Es war erst Stalin, der aus dem Gesetzesglauben ein Dogma machte. Nach Auffassung Hannah Arendts ging Stalins „Totalitarismus“ davon aus. Wer nämlich den gesetzlichen, also vorgeschriebenen Verlauf der Geschichte nicht nur kannte, sondern auch politisch verwaltete, war Herr über Leben und Tod. Karl Löwith, der Schüler Martin Heideggers, machte Marx selber für das Dogma verantwortlich. Das ist falsch: Es wird eher von jenen Kapitalisten hochgehalten, die uns einen Selbstlauf „der Technik“ einreden, den man studieren und dem man sich, wie heute der Notwendigkeit selbstfahrender Autos, unbedingt beugen müsse.

Bei Marx gibt es nur wenige Bemerkungen, aufgrund derer man ihm den Gesetzesglauben unterstellen könnte, und sie lassen sich immer auch anders interpretieren. Wenn er etwa am Ende von Das Kapital, Buch eins, die Wiederherstellung des individuellen Eigentums auf genossenschaftlicher Produktionsbasis als kommunistische „Negation der Negation“ bezeichnet, so ist das zunächst einmal nur eine Figur der dialektischen Logik, die Marx nicht gleich der ganzen Geschichte unterlegt haben muss, wenn er sie auf ein bestimmtes historisches Entwicklungsmoment anwendet. Außerdem weiß er genau, dass dialektische Logik nur mögliche Entwicklungen bezeichnet, die er nicht mit der Wirklichkeit verwechselt. Denn immer muss die kontingente „historische Tat“ hinzutreten.

Wenn aber Luxemburg aufs Gesetz der Geschichte schwor, dann aus aktueller Verzweiflung. Mehrmals schreibt sie in jenen Wochen, dass es zum Sozialismus nur eine Alternative gebe, die „Barbarei“. War sie nicht eine Prophetin? Wenn der Sozialismus nicht kam, kamen die Gaskammern. So gesehen, durfte die Revolution nicht ausbleiben. Und zugleich sah sie selbst, dass die Voraussetzungen fehlten. Am 9. November waren Arbeiter- und Soldatenräte entstanden, das war für Luxemburg die grundsätzliche revolutionäre Errungenschaft, die gegen den bürgerlichen Versuch, eine Nationalversammlung einzuberufen, zu verteidigen war. Nun waren die Räte aber selbst überwiegend für die Nationalversammlung. Sie hörten nicht auf, Sozialdemokraten zu sein, und stützten die Linie der „Regierungssozialisten“. Was konnte man tun? Luxemburg glaubte weiter an den gesetzmäßigen Verlauf: „Und die Räte haben es nicht verstanden, dem entgegenzutreten. Aber die Schwäche der Räte ist nicht die Schwäche der Revolution. Sie ist mit allen diesen Mittelchen nicht zu fassen und nicht zu vernichten.“ (15. Dezember)

Ihr blieb nur die Analyse, die aber auch zweifelhaft war. Marx und Engels hätten die SPD auf die falsche Spur gesetzt. Die im Kommunistischen Manifest noch vertretene Auffassung, dass die Revolution sofort machbar sei, war nämlich von Engels später widerrufen worden. Wie Luxemburg redlich hinzufügte, hatte Engels auch für Marx gesprochen, der inzwischen verstorben war. Sie seien beide im Irrtum gewesen! Was sie eingebrockt hätten, müsse man jetzt auslöffeln (Rede auf dem Gründungsparteitag der KPD). Ein gutes Jahrzehnt später gelang Antonio Gramsci, als er Mussolinis Häftling war, eine tiefere Analyse. Engels hatte deshalb zur Geduld geraten, weil die bürgerliche Gesellschaft nach 1871 umgebaut und befestigt worden war. Daher war zunächst nur ein „Stellungskrieg“ möglich. Man musste vor dem Aufstand erst einmal die gesellschaftliche „Hegemonie“ erlangen.

Auch Luxemburgs Analyse der Nationalversammlung war problematisch. Sie schrieb nur, es sei illusionär, den Sozialismus durch Wahlen einführen zu wollen, und zwecklos, mit den Vertretern des Kapitals parlamentarisch zu diskutieren. Damit hatte sie recht, übersah aber die eigentliche Bedeutung „allgemeiner“ Wahlen – das sind Rätewahlen nicht, auch wenn sie sich für Luxemburg als „Aktion der großen Millionenmasse des Volkes“ darstellten (14. Dezember) –, dass sie nämlich der Herrschaft Legitimation verschaffen oder entziehen. Die bürgerliche Politikwissenschaft hat das übrigens immer gewusst. Und auch die USPD, die mit rechten SPD-Führern koalierte, wusste es. Die Partei wollte die Nationalversammlung „hinausschieben“, schreibt Luxemburg am 29. November, „und vorher durch diktatorische Maßnahmen der jetzigen Regierung die Sozialisierung in den Grundzügen verwirklichen“. Für Luxemburg ist das eine „gewundene Mittelstellung“ und sogar „eine politische Unehrlichkeit“. Jedenfalls war es nicht realistisch, da die SPD-Führer natürlich nicht mitspielten.

Aber gab es dann überhaupt einen Ausweg? Theoretisch vielleicht, kaum praktisch. Der proletarische Internationalismus, der 1914 versagt hatte, wäre nachzuholen gewesen, nun unter erheblich erschwerten Bedingungen. Alle Räte und Parlamentarier des Proletariats mussten sich gegen den Versailler Vertrag wenden und ihre französischen Brüder aufrufen, es auch zu tun. Deutschlands Besetzung wäre die Folge gewesen. Zu Hitlers Barbarei wäre es nicht gekommen. Doch das ist leider ein müßiges Gedankenspiel.

06:00 16.01.2019
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