2011: Mond und Mars

Zeitgeschichte Die letzte US-Raumfähre aus dem Space-Shuttle-Programm kehrt zur Erde zurück. Damit endet eine Phase der Kosmosexpansion, die heute das Orion-Projekt fortführt
2011: Mond und Mars
Die finale Raumfähre kurz vor der Landung am 21. Juli 2011

Foto: UPI Photo/Imago

Sie waren am 8. Juli 2011 im Kennedy Space Center (Florida) gestartet, um am 21. Juli zurückzukehren. An ihrem Zielort im All, der International Space Station ISS, die die Raumfähre am 10. Juli erreichte, hielten sich die vier Astronauten etwas mehr als acht Stunden auf. Dabei wurden Versorgungsgüter und Ersatzteile, ein Mehrzweck-Logistikmodul und eine Plattform für Experimente oder Nutzlasten entladen. Es war dies die bisher letzte bemannte staatliche Raumfahrtmission der Vereinigten Staaten von Amerika.

Begonnen hatte das Space-Shuttle-Programm 30 Jahre zuvor. Der erste von insgesamt 135 Flügen fand am 12. April 1981 statt. Es konnten pro Ausflug ins All bis zu acht Astronauten und 24,5 Tonnen Nutzlast transportiert werden. Diese konnte manchmal auch aus Spionage- oder Signalübertragungssatelliten bestehen, die man platzieren wollte. Oder sie diente der wissenschaftlichen Forschung, so wurde am 24. April 1990 das Hubble-Weltraumteleskop ausgesetzt.

Die Ära der Shuttles ist zunächst nur ein Stück Technikgeschichte und hat als solche weder einen signifikanten Anfang noch ein rechtes Ende. Als Raumschiff ging ihnen Apollo voran, der Raketentyp für bemannte Flüge zum Mond mit letztmaligem Einsatz 1975. Der Shuttle-Nachfolger Orion ist 2014 schon einmal erfolgreich getestet worden, jedoch noch unbemannt. Während der Shuttle als Fähre zum ISS für Flüge in die niedrige Erdumlaufbahn zwischen 200 und 650 Kilometer Bahnhöhe konzipiert war, soll Orion künftig Fracht und Personen auch zum Mond, zum Mars oder – nach einem Vorschlag von Präsident Obama – zu einem Asteroiden transportieren können. Der für 2023 geplante erste bemannte Flug soll zum Mond führen. Das heißt: Apollo, Space Shuttle und Orion stellen sich als Stufen einer einzigen Expansion dar, die seit der Rede zur Lage der Nation des Präsidenten George W. Bush im Jahr 2004 den Namen Constellation-Programm trägt, nicht mehr „Raumerforschungsinitiative“ wie zu Zeiten von George Bush senior (im Amt 1989 – 1993).

1969 bereits, als erstmals ein US-Astronaut den Mond betrat, hatte eine vom damaligen Präsidenten Richard Nixon eingesetzte Planungsgruppe festgehalten, dass zwei Vermittlungsschritte zur Marslandung nötig seien, eine erdnahe Raumstation und die wieder verwendbare Menschen- und Materialtransportfähre dorthin.

Zukunft im All

Was verbindet diese Entwicklung mit dem, was wir im vollen Wortsinn Geschichte nennen? Das ist an technischen Shuttle-Details nicht ablesbar. Dahin legt eher der seltsame Zweifel der Beobachter, ob es überhaupt um Tatsachen geht, eine Spur. Denn manches, was zur Geschichte gehört, möchte man nicht wahrhaben. Seit Jahrzehnten wird über Raumfahrt im Modus der Annahme berichtet, sie sei gerade im Begriff zu verschwinden. So lesen wir auf der Wikipedia-Seite „Orion“, die Fortführung dieses Projekts sei unsicher, weil Barack Obama das Constellation-Programm nicht mehr unterstütze. Auf der Seite „Constellation-Programm“ jedoch heißt es, dass es noch gelte, weil kein anderslautender Gesetzentwurf verabschiedet worden sei. Nie ist es anders gewesen. 1993 zum Beispiel endete ein FAZ-Artikel mit dem schwankenden Satz: „Der bemannte Flug zum Mars wird allerdings vorerst ein Traum bleiben, auch wenn er eines Tages wohl doch noch in Erfüllung gehen wird“, und der Spiegel schreibt im Jahr darauf, der Bau einer internationalen Raumstation werde „mangels Konzept und Finanzierung zunehmend fraglicher“.

Schon 1991 hatte der zuständige Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber (CDU) Spiegel-Reportern erzählt, dass die US-Weltraumbehörde NASA ein Szenario durchspiele, in ferner Zukunft den Mars zu besiedeln: „Wir machen einen Sprung, der langfristig die Wirklichkeit verändert.“ Die Redakteure brachten ihre Vogel-Strauß-Perspektive auf den Punkt, indem sie fragten: „Völlig unrealistisch und vor allem: Warum bloß?“ Dabei wusste ihr Blatt 1966 noch von „Spähtrupps zum Mars“ und der Umsiedlung dorthin zu berichten. Von der Verfrachtung Hunderter pro Minute war die Rede gewesen. In jenem Jahr wurde auch das Gespräch mit Martin Heidegger geführt, in dessen Verlauf Herausgeber Rudolf Augstein den Philosophen fragte, wo denn „geschrieben“ stehe, dass der Mensch „hier seinen Platz hat“, auf der Erde nämlich, und beruhigend hinzufügte, es werde „sicher noch lange nicht so weit sein“, dass er „auf andere Planeten ausgreift“. 1976 wurde dieses Gespräch veröffentlicht, und nach einem weiteren Jahrzehnt wollte man alles schon wieder vergessen haben.

Was wir als Geschichte erleben, und gerade als Zeitgeschichte, macht uns blind für die Longue durée der Raumfahrt, auch wenn sie tagtäglich vor unsern Augen abrollt. Was wir da sehen – ist es mehr als Sciencefiction? Wer möchte denn auch wissen, was der Ökologe und Sozialdemokrat Hermann Scheer 1993 in den Satz fasste: „Für Technologien zur Flucht von der Erde wurde bisher wesentlich mehr öffentliches Geld ausgegeben als für Technologien zu ihrer Sanierung.“

Zwischen Raumfahrt und Christi Himmelfahrt

Erhellende Sätze haben sich nun gerade um den Shuttle gerankt, der sich, weil er wiederverwendbar sein sollte, als eine Art Kreuzung von Raumrakete und Flugzeug darstellt. Ein solches Gefährt war einst auch in Deutschland geplant gewesen. Als sein Pionier Eugen Sänger 1963 darüber schrieb, nahm er kein Blatt vor den Mund. Aus Sängers Buch Raumfahrt heute – morgen – übermorgen erfahren wir, dass Menschen, um „geistig und seelisch atmen zu können“, „ihren Lebensraum über die Enge ihres irdischen Gefängnisses hinaus ausweiten müssen“.

Immer wieder stoßen wir bei Raumfahrtpionieren und -funktionären auf erdfeindliche Sprüche, so auch bei Konstantin Ziolkowski, dem russischen Vordenker der Raumfahrt, oder Jesco von Puttkamer, dem einstigen NASA-Manager. Russischen Avantgardekünstlern vor dem Ersten Weltkrieg blieb es vorbehalten, Gründe zu nennen, die der Schweizer Kulturhistoriker Felix Philipp Ingold festhält: Der Vergleich zwischen Raumfahrt und Christi Himmelfahrt sei gang und gäbe gewesen. Haben wir es bis heute mit einem unbewussten Religionsrückstand zu tun?

In der Nazi-Zeit Mitarbeiter des Forschungsinstituts der deutschen Luftwaffe und so auch des V 1-Programms, hatte Eugen Sängers Studie Über einen Raketenantrieb für Fernbomber schon 1944 die Technik des später als „Sänger-Projekt“ bezeichneten Raumfährenprogramms entworfen. 1946 wurde er Berater des Ministeriums für Bewaffnung in Paris, 1951 Präsident der Internationalen Astronautischen Förderation. Im genannten Buch vertrat Sänger 1963 immer noch die Lehre von der Überlegenheit der weißen „Menschenrasse“, die darin zum Ausdruck komme, dass ihre beiden Flügel – der amerikanische und der russische – sich auf Raumfahrt konzentrierten. Ob freier Westen, Sowjetkommunismus oder NS, Spezialisten wie Sänger sind so wertvoll, dass sie überall andocken dürfen. Noch 1992 forderte der Astronaut und ESA-Berater Ernst Messerschmid, Deutschland könne und müsse durch das Sänger-Projekt in der Frage des Raumtransports konkurrenzfähig bleiben, „auch für den Zeitraum nach 2010 bis 2020“. Und der Bundesforschungsbericht 1993 stimmte zu.

Dennoch musste das Projekt bald danach aufgegeben werden. Die Sprengung der Gitter des Erdgefängnisses blieb dem Shuttle vorbehalten.

Auch zwei Shuttle-Katastrophen konnten den Prozess nicht stoppen. 1986 explodierte der Challenger 73 Sekunden nach dem Start in 15 Kilometern Höhe; sieben Astronauten kamen ums Leben. Das führte zwar zum zweijährigen Shuttle-Moratorium, doch gleich nach dem Unglück hatte Präsident Ronald Reagan bekräftigt: „Es ist die Aufgabe der Menschheit, den Weltraum zu erobern, um Not, Knappheit und Hunger zu besiegen.“ Auch 2003 beim Columbia-Unglück starben sieben Astronauten. Wenn uns die Erde zu eng ist, braucht es wohl solche Märtyrer.

06:00 03.08.2016
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Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

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