„Die DDR war Ballast“

Interview Hans Modrow spricht über Michail Gorbatschows Rolle bei der deutschen Wiedervereinigung und dem Zerfall der Sowjetunion
„Die DDR war Ballast“
Blick in die Asservatenkammer des Deutschen Historischen Museums

Foto: Norbert Enker/laif

Hans Modrow hat eine andere Lesart des Putschversuchs im August vor dreißig Jahren als andere. Der Linke-Politiker und letzte Ministerpräsident der DDR sieht die Rolle von Michail Gorbatschow weit kritischer als viele. Die Ereignisse in Moskau, die später zu Gorbatschows Rücktritt und dem Ende der Sowjetunion führten, interpretiert er als Ergebnis einer gescheiterten Politik.

der Freitag: Herr Modrow, wie beurteilen Sie die deutsch-russischen Beziehungen? Die Beziehungen des gesamten Westens zu Russland sind extrem schlecht, aber Deutschland hält immerhin an Nord Stream 2 fest und hat der ukrainischen NATO-Mitgliedschaft widersprochen.

Hans Modrow: Deutschlands Verhalten ist extrem unbefriedigend. Bundesaußenminister Heiko Maas bringt die Möglichkeiten, die er hätte, nicht ins Spiel. Und niemand will mehr über den Zweiten Weltkrieg sprechen. Die letzte Schlacht wurde von der Roten Armee um Berlin geführt, das ist wie weg. In diesem Krieg hatte Hitlerdeutschland die Sowjetunion überfallen, und Nachfolgestaat der Sowjetunion ist nun mal Russland. Vom russischen Präsidenten Wladimir Putin wird heute gesagt, er sei ein Mörder. Das ist das Letzte, man kann es nur damit vergleichen, dass Michail Gorbatschow, als er Generalsekretär der KPdSU geworden war, von Bundeskanzler Helmut Kohl als neuer Josef Goebbels geschmäht wurde. Gegen Russland hat Europa keine Balance und keinen Frieden!

Gorbatschow hatte sich eine europäische Ordnung nach dem Kalten Krieg ganz anders vorgestellt. Aber nach Ihrer Auffassung trägt er selbst die Hauptschuld an den Verwerfungen, zu denen es gekommen ist. Ihr Urteil ist gewichtig, denn Sie hatten enge Kontakte in die Sowjetunion hinein, insbesondere auch zu Walentin Falin, der damals im ZK der KPdSU für die internationalen Beziehungen zuständig war. Was hat Gorbatschow falsch gemacht?

Noch am 7. Dezember 1989 hat Gorbatschow auf dem Plenum des ZK der KPdSU erklärt, die DDR sei der wichtigste Verbündete der Sowjetunion. Bevor ich am 30. Januar als Ministerpräsident der DDR nach Moskau flog, hatte dort am 26. Januar ein Vorbereitungsgespräch stattgefunden. Während Falin als Deutschlandexperte seiner Partei mein Konzept der drei Stufen der deutschen Vereinigung unterstützte, erteilte Gorbatschow bereits Marschall Sergei Achromejew – der in den achtziger Jahren maßgeblich an den nuklearen Abrüstungsgesprächen mit den USA beteiligt und vielleicht aus diesem Grunde ein Gegner einer NATO-Mitgliedschaft Deutschlands war – den Auftrag, den Abzug der sowjetischen Truppen aus der DDR vorzubereiten. Wir gingen noch von der militärischen Neutralität des vereinigten Deutschlands aus, aber als Helmut Kohl von seinem Moskau-Besuch am 10. Februar zurückkehrte, sagte er, er bringe den Schlüssel zur Vereinigung Deutschlands mit, und meinte: eines NATO-Deutschland. Unmittelbar vorher war US-Außenminister Baker in Moskau gewesen, schon da hat Gorbatschow, was die deutsche NATO-Mitgliedschaft anging, keine klare Haltung. Alles, war er zwischen Fe­bruar und Juli, seinem Treffen mit Kohl im Kaukasus, dazu sagt, ist ungenau und unsauber, und im Kaukasus dann gab er alles preis. – Im August 1991 hat sich Achromejew erschossen. Ich glaube den Gerüchten nicht, die seine Gorbatschow entlarvenden Abschiedsbriefe für Fälschungen halten.

Was Achromejew entlarvt hat, dazu später. Lassen Sie uns der Reihenfolge der Geschehnisse nachgehen. Ihr Besuch in Moskau Ende Januar 1990 hat Gorbatschow gezeigt, dass man gegen die deutsche Vereinigung nichts mehr tun konnte. Denn die SED-PDS war zuletzt die einzige relevante Kraft gewesen, die an der deutschen Zweistaatlichkeit noch festgehalten hatte. Nun entwarfen auch Sie, als Mitglied dieser Partei, einen Weg in die Vereinigung.

Wir reden hier über zwei verschiedene Dinge: zum einen über die perspektivische Überwindung der deutschen Zweistaatlichkeit, zum anderen über die Mitgliedschaft eines vereinten Deutschland in einem Militärbündnis. Richtig ist, dass der von mir vorgeschlagene Dreistufenplan – Vertragsgemeinschaft, Konföderation, gemeinsamer Staat – von Gorbatschow gebilligt wurde. Mit dieser dem Mehrheitswillen des DDR-Staatsvolkes entsprechenden Stimmung versuchten wir der Entwicklung eine kalkulierbare Perspektive zu geben. Unzutreffend hingen ist, dass mir Gorbatschow gesagt habe, dass das künftige Deutschland der NATO angehören würde –

Das hat auch niemand behauptet. Gorbatschow war Ende Januar 1990 weit entfernt, die deutsche NATO-Angehörigkeit zu billigen.

... da spielte er falsch. Wie er eben auch nicht zu mir oder gegenüber Gregor Gysi, im Dezember 1989 zum Vorsitzenden der SED gewählt (seit Februar 1990 PDS), ehrlich war. Ich war am 30. Januar bei Gorbatschow, Gysi drei Tage später, und er versicherte uns beiden nacheinander seine und die Unterstützung der Sowjetunion. Intern aber diskutierten sie bereits, dass es keinen Sinn mache, überhaupt mit uns zu sprechen. Man wolle sich besser auf Kohl konzentrieren.

Es hatte sich aber auch etwas verändert. Es war klar geworden, dass die SPD bei den bevorstehenden Wahlen weit mehr Zustimmung finden würde als die SED-PDS. Im Dezember 1989 hatte die SED-PDS in Umfragen noch 30 Prozent Zustimmung, im Januar 1990 waren es nur noch zehn Prozent.

Ich glaube nicht, dass die schwindende Zustimmung zur Partei oder zum Ministerpräsidenten – ich hatte im Dezember sogar an die achtzig Prozent – Einfluss auf die Haltung Moskaus zur deutschen Frage hatte. Der Kreml hatte wiederholt öffentlich erklärt, dass die deutsche Wiedervereinigung nicht auf der Tagesordnung stünde. Allerdings war auf der Beratung des Warschauer Vertrages am 4. Dezember 1989 und auf dem Gipfel des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) am 8./9. Januar 1990 in Sofia deutlich geworden, dass Moskau – entgegen seinen Bekundungen – wohl doch nicht zu seinen Bündnisverpflichtungen stehen würde. Auf jenem Dezember-Treffen in Moskau hatte Gorbatschow noch eine Erklärung eingebracht, die von allen Verbündeten unterstützt wurde: nämlich „die Politik der DDR und ihre konstruktiven Anstrengungen zur Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten“ zu unterstützen.

Beim Treffen der RGW-Staaten im Januar 1990 wurde die führende Rolle der Sowjetunion aufgegeben. Jeder Staat habe das Recht, wirtschaftlich eigenständig zu agieren. Vorher beim Treffen des Warschauer Vertrags im Dezember 1989 hatte die sowjetische Regierung erklärt, der Einmarsch der Truppen der Warschauer Pakt-Staaten in die CSSR im August 1968 sei eine unberechtigte Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines befreundeten Landes gewesen.

In Sofia hatten sich alle – und das halte ich für nicht minder wichtig – zwar für eine grundlegende Reform des RGW, aber auch für dessen Fortexistenz ausgesprochen. Allein der Vorschlag Moskaus, den Transfer-Rubel abzuschaffen und den Handel zwischen den RGW-Staaten künftig auf Dollar-Basis zu betreiben, erledigte das Bündnis. Und damit auch die von uns angedachte Perspektive der DDR und unser Verhältnis zur BRD.

In diesem Kontext sehe ich auch, was Nikolai Portugalow am 21. November 1989 mit Kohls Intimus Horst Teltschik in Bonn besprochen hatte: Moskaus positive Haltung zur deutschen Vereinigung. Diese Botschaft habe, wie wir wissen, Teltschik „elektrisiert“ und Kohl zu seinem Zehn-Punkte-Plan zur Neuregelung der deutsch-deutschen Beziehungen animiert. Portugalows anonymer Auftraggeber war aber nicht Gorbatschow, sondern Falin. Bezeichnend, dass Portugalow in Falins 1997 in Deutschland erschienenen Erinnerungen Konflikte im Kreml. Zur Vorgeschichte der Deutschen Einheit und Auflösung der Sowjetunion namentlich nicht ein einziges Mal vorkommt. Nach meiner Wahrnehmung war Falin eine sehr eigenwillige, souveräne Persönlichkeit, die sich mit niemandem gemein machte, schon gar nicht mit Gorbatschow. Er sah sich als eine Art Tolstoi: Politiker und Schriftsteller, ein Intellektueller, der gern im Hintergrund Fäden zog.

Trotzdem lagen Falin und Gorbatschow zu diesem Zeitpunkt noch auf einer Linie. Falin und Portugalow wollten sicherstellen, dass die deutsche Vereinigung nicht über eine Konföderation der beiden Staaten hinausging, und Gorbatschow wollte das auch. Aber kommen wir auf Anfang 1990 zurück. In Deutschland beschleunigte sich die Entwicklung. Sie selbst haben die Situation so kritisch, so chaotisch eingeschätzt, dass Sie für eine Vorverlegung der Wahlen in der DDR gesorgt haben. Und der Sieg der CDU bei diesen Wahlen hat gezeigt, dass die Bürger der DDR eine schnelle Vereinigung wünschten.

Meine Regierung hatte das demokratischste Wahlgesetz geschaffen, ohne Fünfprozenthürde, aber die Wahl am 18. März war die undemokratischste, die es je in Deutschland gab. Auch Egon Bahr (SPD) sah das so. Die CDU hat – von Westberlin aus, wo man die „Allianz für Deutschland“ aus der Taufe hob – massiv in der DDR Wahlkampf betrieben und damit die Prognose, die SPD werde gewinnen, konterkariert. Ich bin überzeugt: Ohne diese wuchtige Einflussnahme durch die BRD wären die Wahlen anders ausgegangen. Gegen die massive Propaganda des Kapitalismus war kein sozialistisches Kraut gewachsen. Erst als die blühenden Landschaften nicht erblühten, setzte Ernüchterung im Osten ein. Aber da war bereits der Rubikon überschritten und Umkehr nicht mehr möglich.

Zur Person

Foto: Mathias Marx/Imago Images

Hans Modrow, 93, war vom 13. November 1989 bis zum 12. April 1990 Vorsitzender des Ministerrats der DDR. Er hat in dieser Funktion die ersten freien Wahlen zur Volkskammer der DDR am 18. März 1990 vorbereitet. Heute ist er Vorsitzender des Ältestenrats der Linkspartei.

Meinen Sie, dass Gorbatschow eine Wahl hatte, das Tempo der deutschen Vereinigung zu verzögern?

Ich habe damals zu Juli Kwizinski gesagt ...

... dem Botschafter in Bonn, der zum Schluss als 1. Stellvertreter des sowjetischen Außenministers die Expertenrunden bei den 2+4-Verhandlungen „über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“ auf sowjetischer Seite faktisch leitete ...

... Juli, habe ich gesagt, ihr verhandelt falsch. „Wir haben keine Kraft mehr“, antwortet er. „Aber wer Hunderttausende Soldaten in Deutschland stationiert hat, muss anders verhandeln als ihr es macht“, entgegnete ich.

Mitte 1990 war doch schon klar, dass die Länder zwischen der DDR und der Sowjetunion – Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn - den sowjetischen Truppenabzug forderten. Was hätte dann Gorbatschow ausrichten können mit isolierten Truppen in der DDR, und gegen den Willen der Bevölkerung?

Viel. Die Tatsache an sich war doch ein politisches Faktum, das der Westen nicht ignorieren konnte. Da hätte er verhandeln und Zugeständnisse machen müssen, die man auch vertraglich hätte fixieren können. Die sowjetischen Militärs, und nicht nur sie, empfanden den freiwilligen Rückzug aus Deutschland als Kapitulation, sie fühlten sich, wie sie sagten, um die „Früchte des Sieges“ gebracht, der mit Millionen toten Soldaten teuer erkauft worden war. Im Übrigen machte das den Unterschied aus: Die sowjetischen Truppen waren Besatzungsmacht in der DDR (wie auch die Westalliierten in der Bundesrepublik), das war völkerrechtlich legitimiert. In Polen, Ungarn und der CSSR waren sowjetische Truppen aufgrund eines gemeinsamen Bündnisses. Der Warschauer Vertrag war die Antwort auf die Gründung der NATO und dem Beitritt der BRD zum Militärpakt des Westens gewesen. Die offizielle Auflösung des Warschauer Vertrages erfolgte erst ein knappes Dreivierteljahr nach der deutschen Vereinigung.

Ich meine, Gorbatschow hat gesehen, dass er ohnmächtig war, und hat dann entschieden, sich die Dinge nicht nach und nach aus der Hand nehmen zu lassen, sondern selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Er hoffte dadurch auch gute Beziehungen zum vereinigten Deutschland herstellen zu können. Das war doch ein plausibler Politikansatz.

Sicher, wenn denn das Ende des Kalten Krieges nicht nur postuliert, sondern tatsächlich vollzogen worden wäre. Der Wolf hatte aber nur Kreide gefressen und war eben nicht zum Lamm geworden. Gorbatschow hatte doch nie das Heft des Handelns in der Hand, er wurde getrieben vom Niedergang im eigenen Land, den er mit der Perestroika noch beschleunigt hatte. Es herrschte reale Not. Am 8. Januar 1990 bat Botschafter Kwizinski im Bundeskanzleramt um Lebensmittel. Schon zwei Wochen später lieferte Bonn über hunderttausend Tonnen Rind- und Schweinefleisch, 20.000 Tonnen Butter, 15.000 Tonnen Milchpulver und 5000 Tonnen Käse, subventioniert von der Bundesregierung mit 220 Millionen D-Mark. Dazu gab es „Bimbes“, wie es der Pfälzer Helmut Kohl nannte – einen Kredit über fünf Milliarden. Das geschah doch nicht aus Altruismus oder christlicher Nächstenliebe. Gorbatschow hat sich, grob gesagt, kaufen lassen. Er hoffte dadurch zu überleben und die Sowjetunion zu retten. Dieses Ziel glaubte er auch dadurch zu erreichen, dass er Ballast abwarf. Etwa die DDR. Das halte ich ihm nicht einmal vor. Nationale Interessen haben stets Vorrang. Was ihm vorgeworfen werden muss, sind seine Doppelzüngigkeit und die Heuchelei, mit der er uns behandelte.

Ich habe bei Falin nie ein Eingeständnis der Tatsache gelesen, dass die Sowjetunion den Kalten Krieg verloren hatte. So eine Tatsache hat ja Folgen. Dann kann man nicht einfach sagen, die Sowjetunion hat hunderttausend Soldaten in der DDR stationiert ...

Ein Russe wie Falin wird eine Niederlage nie öffentlich eingestehen. Natürlich hat die Sowjetunion (und mit ihr die Verbündeten) den Kalten Krieg verloren. Die Strategie der Amerikaner war erfolgreich: Sie hat ihren politischen Gegner zu Tode gerüstet. Ihre wirksamste Waffe war ihre ökonomische Potenz (inzwischen wird sie selbst durch die ökonomische Macht der Chinesen herausgefordert). Falin und ich waren uns einig: Wir sind in einem historischen Prozess und in dem geht es darum, dass auf jeden Fall eine Stabilität der Sowjetunion herauskommt. Was immer in Bewegung kommt, die Sowjetunion darf nicht alles preisgeben. Aber eben das ist geschehen. Ende Januar 1991 habe ich wieder mit Falin auf dessen Bitte in Moskau gesprochen. Da ging es schon um die bevorstehende Ratifizierung der 2 plus 4-Verträge im Obersten Sowjet. Wir verständigten uns darauf, dass der Oberste Sowjet dazu eine Erklärung abgeben soll: Er erwarte von der Bundesregierung, dass gegenüber den Bürgern der DDR die Menschenrechte eingehalten werden würden und niemand wegen seiner politischen Überzeugung und früherer Funktionen verfolgt werde. Mit dieser Formel sollte verhindert werden, dass beispielsweise Politiker oder Militärs wegen der Situation an der Grenze vor Gericht gestellt würden. Denn die sowjetische Seite wusste sehr genau, dass das Grenzregime nicht in Berlin, sondern von der Führungsmacht des Warschauer Vertrages, also von Moskau, festgelegt worden war. Als Besatzungsmacht hatte sie die Souveränitätsrechte in der DDR. Die Staatsgrenze West der DDR war zugleich die Westgrenze des Bündnisses, die Frontlinie zur NATO. Was dort zwischen 1961 und 1989 geschah, erfolgte nach Maßgabe Moskaus. Gorbatschow hat sich für diese Dinge nicht wirklich interessiert. Später sprach ich Außenminister Genscher in Bonn auf die Einhaltung der Erklärung des Obersten Sowjet im Kontext der Ratifizierung des 2+4-Vertrages an. Ich war ja Bundestagsabgeordneter und Mitglied des Auswärtigen Ausschusses. Genscher lächelte nur. „Herr Modrow, das ehrt Sie, aber dieser Appell ist kein Bestandteil des Völkerrechts.“ Mit anderen Worten: Die Russen können erklären, was sie wollen, uns interessiert das nicht.

Da muss ich Ihnen Recht geben: Gorbatschow hatte die Möglichkeit, SED-Funktionäre vor der Verfolgung zu schützen, und hat sie ausgeschlagen. Helmut Kohl hat es ihm sogar von sich aus angeboten, aber Gorbatschow meinte, das würden die Deutschen schon unter sich regeln.

Das hat mir auch Wolfgang Schäuble erzählt. Wir waren auf ein entsprechendes Ersuchen der sowjetischen Seite vorbereitet und hätten zugestimmt, sagte er, aber das Ersuchen kam nicht. Und alles andere war für Bonn ohne Belang. Das saß man aus.

Ich glaube trotzdem, in den großen Fragen, deutsche Vereinigung und NATO-Mitgliedschaft, haben bis zum Kaukasus-Gipfel im Juli 1990 Gorbatschow und Falin faktisch immer dieselbe Politik betrieben, der Unterschied war nur, dass Gorbatschow sich als Staatsmann anders verhalten musste. So forderten beide noch kurz vor den Verhandlungen im Kaukasus, dass die deutsche Vereinigung in einem Friedensvertrag geregelt werden sollte statt in einem 2+4-Vertrag. Oder nehmen wir die Maueröffnung im November 1989. Falin war entsetzt über die chaotische Weise, in der sie geschah, und war auch über Gorbatschow entsetzt, weil der gleich an die Öffentlichkeit trat und die Maueröffnung begrüßte. Aber intern war Gorbatschow genauso wütend, weil er wie Falin auf eine schrittweise Entwicklung der deutschen Frage, durch die man sie unter Kontrolle halten konnte, gesetzt hatte. Beiden war in derselben Hinsicht ein Strich durch die Rechnung gemacht. Aber wenn Gorbatschow nun öffentlich gejammert hätte, wo er ja doch nichts mehr ändern konnte, hätte er sich eine Blöße gegeben. Ich meine, diesen politischen Rollenunterschied zwischen Gorbatschow und ihm hat Falin nicht begreifen wollen.

In der Tat, Gorbatschow hat überhaupt nicht gejubelt über die – zugegeben chaotische – Grenzöffnung am 9. November. Im Gegenteil: Er sah zunächst die Rechte der Alliierten in der Vier-Mächte-Stadt Berlin verletzt. Ohne ihre Zustimmung hätte dies nicht erfolgen dürfen, und niemand hatte sie vorher gefragt. Erst Stunden später, als er begriff, dass der Geist aus der Flasche war und nicht wieder eingesperrt werden konnte, signalisierte er Zustimmung. Das heißt, er sprang auf den ohne ihn abgefahrenen Zug auf.

Was man ihm nicht vorwerfen kann. Gorbatschow hat versucht, die Sowjetunion umzubauen, die nach jahrzehntelangem Kalten Krieg ziemlich gelitten hatte, und dafür die außenpolitischen Bedingungen zu schaffen. Immerhin hat er es zuletzt noch geschafft, einen neuen Unionsvertrag für die Sowjetunion auszuhandeln, die nun „Union Souveräner Staaten“ heißen sollte ...

Das hat er nicht geschafft!

Weil ein Militärputsch im August 1991 es verhindert hat. Einen Tag später wäre der Vertrag unterzeichnet worden, der Putsch gegen Gorbatschow kam dem zuvor.

Ich war vom 5. bis 21. August 1991 auf Einladung des ZK der KPdSU in der Sowjetunion und habe weder einen Militärputsch noch einen Ausnahmezustand erlebt. Es herrschte politisches Chaos, ja. Historiker sprechen sogar von einer „Moskauer Operette“... Ich unterstelle Gorbatschow, dass er bei seinem Amtsantritt 1985 vorhatte, die Sowjetunion zu reformieren. Das war seit Jahrzehnten bitter nötig. Er hat es nicht vermocht. Der Niedergang war möglicherweise nicht mehr aufzuhalten, weil es bereits zu spät war. Seine Maßnahmen bewirkten jedoch das Gegenteil von dem, was er vielleicht wollte. In diesem Kontext sehe ich die Idee von der Union Souveräner Staaten keineswegs als konstruktiven Fortschritt, sondern als Reflex auf die fortschreitende Erosion der Sowjetunion. Als am 3. August 1991 Präsident Gorbatschow in seine Datscha zum Urlaub auf der Krim aufbrach, lag der Unions-Vertrag zur Unterschrift am 20. August vor. Vorher, am 12. August, war jedoch ein Entwurf des Parteiprogramms veröffentlicht worden, er sollte diskutiert und auf einem Parteitag im Herbst beschlossen werden. Da wäre auch die Frage der Union behandelt worden. Die KPdSU sollte weitergeführt werden, ihre führende Rolle sollte bleiben –

Das war das Gegenteil von Gorbatschow Politik, und der Parteitag im Juli 1990 hatte es ad acta gelegt!

... aber gegen die neue Union war das nicht gerichtet. Sie wäre die staatliche Seite der Erneuerung gewesen. Am 4. August führte ich in Moskau politische Gespräche, ehe ich zur Krim weiterreiste. Ich sprach mit Gennadi Janajew, der den abwesenden Gorbatschow als Präsident vertrat, mit Politbüromitglied Wladimir Krjutschkow, dem KGB-Chef, und anderen Funktionären. Sie alle erklärten ihre Besorgnis über die wachsende Instabilität des Landes, aber nicht einer äußerte sich kritisch zu den vorliegenden Dokumentenentwürfen. Am 19. August begann ein „Staatskomitee für den Ausnahmezustand“ ziemlich dilettantisch zu agieren ...

... wie sich die Putschisten nannten, darunter Janajew und Krjutschkow.

Russlands Präsident Jelzin schickte seinen Stellvertreter Alexander Ruzkoi, einst Kommandeur einer Division der Sowjetunion im Norden der DDR, nach Foros, um Gorbatschow nach Moskau zu holen. Und das „Staatskomitee“ hatte mit gleichem Auftrag Alexander Lukjanow, Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjet, und Vize-Verteidigungsminister Valentin Warennikow in Marsch gesetzt. Gorbatschow flog aber mit der Maschine Jelzins, der ihn doch öffentlich brüskiert und eigentlich bereits entmachtet hatte.

Dieser „Augustputsch“ forcierte den Zerfall, statt ihn aufzuhalten oder gar zu verhindern. Am 29. August erklärte Gorbatschow die Auflösung der Partei, und am 8. Dezember verkündeten Jelzin und seine Amtskollegen Leonid Krawtschuk (Ukraine) und Stanislau Schuschkewitsch (Belarus) die Auflösung der Sowjetunion und deren Umwandlung in die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). Das war nicht das, was Gorbatschow gewollt hatte. Er demissionierte und erklärte den Tod der UdSSR.

Verstehe ich Sie richtig, dass Sie den Versuch der Putschisten, die Entwicklung im letzten Moment noch zu stoppen, für konsequent halten?

Nein, da verstehen Sie mich falsch. Die Würfel waren längst gefallen. Ich habe damals auch mit Falin gesprochen. Er sei kein Putschist, versicherte er, aber die Politik, die Gorbatschow betreibe, halte auch er für falsch. Einen Prozess gegen die sogenannten Putschisten hat es übrigens nie gegeben, Gorbatschow wollte das nicht und Jelzin auch nicht. In so einem Prozess wäre ganz gewiss deutlich geworden, wie Gorbatschow im Zuge der 2+4-Verhandlungen mit den militärischen Fragen umgegangen ist. Daran war kein Russe interessiert, dass die Nation öffentlich bloßgestellt werden würde. Falin erzählte mir von Diskussionen unter den Militärs, die nicht wünschten, dass zur Sprache käme, wie sie nun nachträglich den Zweiten Weltkrieg verloren und ihre Waffenbrüder verraten hatten.

Sie sprachen eingangs von Achromejew, der sich im August 1991 das Leben genommen hatte, und sagten, in seinen Abschiedsbriefen sei Gorbatschow entlarvt worden. Worin bestand die Entlarvung?

„Alles, wofür ich mich eingesetzt habe, ist nun verloren“, hatte er geschrieben: „Ich habe mein Leben im Vaterländischen Krieg für die Befreiung eingesetzt und der Sowjetunion stets treu gedient.“ Am Tag zuvor hatte der Marschall an der Sitzung des Verteidigungs- und Sicherheitsausschusses des Obersten Sowjet teilgenommen. Es war keine individuelle Verzweiflungstat, sondern der Schlussstrich unter Gorbatschows verfehlter Politik.

Ich meine, die Sowjetunion hat 1968 verloren, als sie den Prager Frühling erstickte. Der Prager Frühling war die letzte Chance des sozialistischen Lagers, und sie wurde vertan. Die Entwicklung der Jahre, über die wir sprachen, begann ja damit, dass Gorbatschow die „Freiheit der Wahl“ des gesellschaftspolitischen Weges durch die Mitgliedsstaaten des Warschauer Pakts proklamierte. Das war weiter nichts als die Rücknahme der Breschnew-Doktrin, also des von der Sowjetunion beanspruchten Rechts, in die Angelegenheiten eines Mitgliedsstaats einzugreifen, wenn der aus der Pakteinheit ausscherte. Aber Gorbatschow kam zu spät – sein Spruch „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ trifft auf die Sowjetunion selber zu.

Ob Prag 1968 die letzte Chance war, den Sozialismus zu retten, stelle ich mal dahin. Im Übrigen sollten wir präzisieren: Wir reden vom sowjetischen Modell des Sozialismus, wie er sich unter Stalin entwickelt hatte und von all seinen Nachfolgern als verbindlich erklärt worden war. Jedes Abweichen wurde sanktioniert. Vergessen Sie nicht: Auch die DDR war sich der Grenzen dieses Modells bewusst und versuchte 1963 mit dem Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung das Land zu reformieren, d. h. nicht nur die Wirtschaft, sondern die gesamte Gesellschaft umzugestalten in Richtung eines demokratischen Sozialismus. Das war doch eine Kampfansage: Während man in Moskau bereits tönte, den Kommunismus aufzubauen, sagte Ulbricht, dass man zunächst erst einmal den Sozialismus aufbauen müsse, das würde eine lange Zeit in Anspruch nehmen. Dieses realistische Reformprojekt wurde – beginnend mit dem 11. Plenum 1965 – auf Druck Moskaus vor allem in der Wirtschaft gebremst und von der Gruppe um Honecker durch den Sturz Ulbrichts beendet. Die Tschechoslowakei stand vor dem gleichen Problem, überzog aber bei den Reformen -

Ich kann da kein „Überziehen“ erkennen. Worin soll es bestanden haben?

Für die Breschnew-Führung richteten sich die Reformbestrebungen gegen das sowjetische Gesellschaftsmodell und damit gegen ihre Führungsrolle. Das war eine Machtfrage für Moskau. In Berlin konnte man das Reformkonzept mit Hilfe der Honecker-Gruppe kanalisieren und beenden. In Prag hingegen gelang das nicht, die Partei und deren Führung waren gespalten. Die Meinungsführerschaft besaßen jene Kräfte, bei denen Moskau fürchtete, sie könnten mit dem Land aus dem sozialistischen Lager ausbrechen und dieses eine kapitalistische Entwicklung nehmen. So wurde auf Veranlassung Moskaus militärisch interveniert. Ulbricht verhinderte, dass die Nationale Volksarmee der DDR daran teilnahm.

Das wäre auch seltsam gewesen, denn so lange war der Einmarsch von Hitlers Truppen noch nicht her.

Aus eben diesem Grunde verweigerte die DDR den Einsatz. Nie wieder sollten deutsche Militärstiefel über fremdes Land marschieren. Das hat die Nationale Volksarmee bis zu ihrem Ende durchgehalten. Mir ist keine zweite deutsche Armee bekannt, der man solches nachsagen könnte.

1968 war eine weltweite antiimperialistische Revolution im Gange und der Prager Frühling stand im Begriff, sie noch zu befeuern. Es war nicht unbedingt zu befürchten, dass die CSSR unter solchen Umständen zum Opfer des Kapitals werden würde. Aber 1989 gab es keinen solchen weltpolitischen Hintergrund.

Ich denke, Nikita Chruschtschow, wenn er noch Generalsekretär der KPdSU gewesen wäre, hätte 1968 vermutlich anders reagiert. Aber das ist Spekulation.

Herr Modrow, Sie haben 1989/90 eine wichtige politische Rolle gespielt. Sie hätten nach Egon Krenz Generalsekretär der SED und Ministerpräsident der DDR zugleich sein können.

Die Geschichte lief ein wenig anders. Egon Krenz ist zwei Mal ohne Gegenkandidat zum Generalsekretär gewählt worden: am 18. Oktober in der Nachfolge von Honecker, der – im Unterschied zu seinem Vorgänger Ulbricht - nicht gestürzt worden ist, und am 8. November, als ein neues Politbüro gewählt wurde, nachdem auch Ministerpräsident Willi Stoph zurückgetreten und dieser Posten neu zu besetzen war. Für Egon Krenz war ich eine Notlösung, denn die angefragten Siegfried Lorenz, Wolfgang Junker und Alexander Schalck-Golodkowski hatten abgelehnt. Am 3. Dezember traten das Politbüro und das Zentralkomitee zurück, am 7. Dezember 1989 legte Egon Krenz auch das Amt des Staatsratsvorsitzenden nieder. Der Außerordentliche Parteitag der SED wählte am 8. Dezember Gregor Gysi zum Parteivorsitzenden. In dieser Phase ging es darum, welches Gremium das Land überhaupt halten kann und verhindert, dass es ein Chaos gibt. Das war einzig und allein die Regierung. Als Ministerpräsident musste ich deren Autorität auch gegenüber dem Zentralen Runden Tisch, der sich gebildet hatte, verteidigen. Als der mich ultimativ aufforderte, ich solle auf seiner Sitzung am 8. Januar 1990 unverzüglich erscheinen, bin ich nicht hingegangen. Ich wusste, wenn du das tust, ist es mit der Autorität der Regierung vorbei. Wann du dort hingehst, entscheidest du selbst. Ich habe mich also mit Vertretern der Kirchen beraten und erschien dann am 15. Januar zum ersten Mal am Runden Tisch.

Wie beurteilen Sie Putin?

Dass unter Putin Russland wieder zu einer großen Macht und zum Teilnehmer am Weltgeschehen wurde, war genau das, was die NATO nicht wollte. Dafür hatte sie Jelzin gehabt, den käuflichen Jelzin. Das ist meine Ansage zu Putin! Ich bin ja jetzt Vorsitzender des Ältestenrats der Partei Die Linke und habe vor dem 22. Juni, dem 80. Jahrestag des Überfalls der Faschisten auf die Sowjetunion, eine Initiative in Gang gebracht. In der Initiative ging es darum, dass nicht über Putin zu reden ist, sondern über die Deutschen. Welche Rolle spielt das wieder größer gewordene Deutschland, und welchen Weg geht es? Es ist immer noch das Land, das den Überfall auf die Sowjetunion zu verantworten hat. Ich möchte auch an einen Satz erinnern, den Jelzins Außenminister Jewgeni Primakow zu mir sagte: Wenn Russland nicht wieder einen wichtigen Platz einnimmt, den es international hatte, ist Europa in keiner Balance.

Herr Modrow, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Vielleicht noch ein Gedanke: Es heißt, der Zeitzeuge sei der Feind des Historikers. Da ist etwas dran, subjektive Erinnerungen und die Fakten- und Aktenlage sind mitunter nicht deckungsgleich. Allerdings sind die Dokumente das eine, das andere deren Interpretation durch Historiker. Die ist bisweilen auch sehr subjektiv und bedient erstaunlich oft die politischen Erwartungen und Wertungen derer, die die Macht haben. Nehmen Sie den Mauerbau oder die Verklärung des Vereinigungsprozesses oder die 150 Jahre deutscher Geschichte von Versailles bis heute, die als ein einziger Siegeszug der Demokratie erscheinen. Darum meine ich, dass, wenn Geschichte ehrlich und frei von ideologischen Vorgaben behandelt wird, auch dringend die „Aufarbeitung“ in dreißig Jahren nach der Vereinigung aufgearbeitet werden muss. Das ist eine Herausforderung, der sich Historiker und Zeitzeugen – wie hier im Gespräch geschehen – gemeinsam stellen sollten.

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06:00 20.08.2021

Ausgabe 38/2021

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