Die zweideutigen Reaktionäre

Begriff Konservative messen das Neue am Alten, stecken aber selbst im Spannungsfeld zwischen Tradition und Revolution
Die zweideutigen  Reaktionäre
Maximilien de Robespierre beim Nationalkonvent während der französischen Revolution

Foto: Imago/Leemages

Der Konservatismus, als Begriff um 1800 entstanden, war in seinem Ursprung das Denken der Gegner der Französischen Revolution. Wenn so ein Begriff einmal da ist, ist die Versuchung immer groß, die bezeichnete Sache beliebig weit in die Geschichte zurückzudatieren; man sagt dann etwa, Konservative träten für Bewahrung einer gottgegebenen Ordnung ein und das hätten schon in der Frühen Neuzeit die Stände getan, als sie gegen den aufsteigenden Absolutismus kämpften. Den Gegnern der Französischen Revolution ging es aber nicht nur um Bewahrung, vielmehr zwang und inspirierte sie die Umwälzung dazu, auch selbst einen neuen Diskurs zu schaffen. Carl Schmitt hat den Mechanismus später beschrieben: Die frühen französischen Konservativen wie de Bonald und de Maistre redeten weiterhin von Gott, ihre Intervention bezog sich aber auf die neuen Begriffe wie Menschheit und Geschichte, Gesellschaft und Nation. Es ging ihnen immer noch um Gott, vor allem aber darum, das Traditionelle überhaupt, wofür die Kirche nur mehr das herausragende Beispiel war, über das Neue zu stellen.

Neuartig war dieser Konservatismus auch deshalb, weil sein Gegner eine Zweideutigkeit in ihn hineintrug, die ihm selbst oft gar nicht bewusst wurde. Der Charakter der Revolution bestand nämlich nicht nur darin, dass sie Neues schuf, sondern sie tat es auf ihrem Höhepunkt, der Zeit Robespierres, in selbst wieder neuartiger Weise. Hegel sprach von der „Furie des Verschwindens“. Die Revolution war, anders gesagt, kein bloßer radikaler Bruch, der die Bausteine einer vorfindlichen Ordnung nur umwarf und neu aufstellte, sondern neigte zu ihrer Vernichtung und künstlichen Ersetzung. Gerade hierin war sie in der Folge einflussreich und ist es bis heute geblieben. So ist es frappierend zu sehen, dass so verschiedene Gestalten wie Antonio Gramsci, der Mitbegründer der italienischen kommunistischen Partei, und Pierre Boulez, der Pionier der neuen „seriellen“ Musik, mit fast gleichen Worten behaupten, es sei nicht Aufgabe der Revolutionäre, vor dem Bewahrenswerten Halt zu machen, sondern dieses werde dem Zerstörungswerk von selbst trotzen und seinen Wert dadurch unter Beweis stellen. Um einer solchen Haltung zu widersprechen, muss man nicht konservativ sein. Hannah Arendt zum Beispiel, die auf den Sputnikstart mit Sorge über Bestrebungen reagierte, „ ‚dem Gefängnis der Erde‘ und damit den Bedingungen zu entrinnen, unter denen die Menschen das Leben empfangen haben“, war gewiss keine Konservative, befürwortete sie doch politisch die Räterepublik. Aber umgekehrt machte die Begegnung mit der gleichsam transnatürlichen Seite der Revolution nicht wenige Konservative zu originellen Denkern.

Auf dem Gebiet der Ästhetik ist Hans Sedlmayr ein bezeichnendes Beispiel. Sein 1948 erschienenes Buch Verlust der Mitte enthält einen Generalangriff auf die moderne Kunst, die er mit der abstrakt-geometrisch orientierten Architektur der Französischen Revolution beginnen lässt. Man hat gesagt, das Buch habe wie kaum ein anderes ein Interesse für die moderne Kunst geweckt. Gegen den Vorwurf, es rechtfertige die Vorstellung von „entarteter Kunst“ – zumal sein Autor NSDAP-Mitglied gewesen war –, wurde es noch 2008 von Alexander Gauland verteidigt. Das war fünf Jahre vor der Gründung der AfD, deren Vorsitzender Gauland heute ist. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp sah jedoch im diagnostizierten Zerfall der „Mitte“ einen Vorgriff auf die Theorie der „ausdifferenzierten“ Gesellschaft von Niklas Luhmann.

Doch wie Sedlmayr, anders als Luhmann, das Neue am Alten misst, so halten es alle Konservativen. Schon in unmittelbarer Reaktion auf 1789 und ’92 hatte Edmund Burke geschrieben, die gegenwärtige Generation könne die vergangenen Generationen nicht überstimmen, weil sie ihnen gegenüber in der Minderheit sei. Er vertrat allerdings einen angelsächsischen Konservatismus, der anders als der kontinentaleuropäische nicht den Staat übers Individuum setzt, sondern die individuelle Verantwortung betont, als deren Stütze besonders das Privateigentum gilt. In Westdeutschland kam es nach 1945, auch infolge der alliierten Reeducation, zu einer Kombination beider Prinzipien. Die CDU als hegemoniale Partei der neuen Bundesrepublik war einerseits konservative Sozialstaatspartei auf Bismarcks Spuren, andererseits grenzte sie sich vom Sozialismus mit dem Subsidiaritätsprinzip ab, der „Hilfe zur Selbsthilfe“, womit sie das marktkonforme Individuum hervorrufen und stärken wollte.

Ganz am Anfang hatte sie eine christliche Partei sein wollen, wovon noch heute ihr Name zeugt. Der christliche Impuls hatte 1947 zum „Ahlener Programm“ geführt, mit dem nicht nur der Marxismus, sondern auch der Kapitalismus überwunden werden sollte. Davon blieb dann allerdings in „Ludwig Erhards sozialer Marktwirtschaft“ nichts übrig. In ganz Westeuropa waren sich christlich nennende Parteien entstanden, in denen immer eine mehr christliche Strömung mit einer bloß konservativen stritt, und meistens hatte die konservative Strömung die Oberhand. In Westdeutschland war das ganz eindeutig der Fall, obwohl einzelne Figuren die christliche Gesinnung bis heute hochhalten. Ein Beispiel ist Norbert Blüm, der noch jüngst die Flüchtlingspolitik Angela Merkels in einer Sprache verteidigte, deren Radikalität von kaum einer „linken“ Stellungnahme erreicht wird.

Doch durchs Christentum selber, ja durch die Bibel zieht sich der Spalt zwischen bloßem Konservatismus und von ihm unabhängiger religiöser Gesinnung. Denn während mit der Bibel immer wieder der Fortbestand traditioneller Sitten und Herrschaftsformen gerechtfertigt wurde, ist sie selbst ein Dokument permanenter religiöser Revolutionen – vom Menschenopfer zum Tieropfer (Abraham), vom Tieropfer zum pur geistigen Gottesgehorsam (die Propheten), von der messianischen Verheißung zum „Neuen Testament“ (Christus). Wiederum stehen in ihr traditionelle Vorstellungen von „Gottes Herrschaft“ neben dem Bild eines Wechselverhältnisses, dem zufolge die Menschen Gott widersprechen und Gott den Menschen widerspricht, ohne dass es je zu einer Entscheidung kommt. Die Folge ist, dass heutige Christen revolutionär denken und handeln können wie die Verfechter der Befreiungstheologie, aber auch konservativ wie der Schriftsteller Martin Mosebach, der den amtierenden Papst scharf angreift, weil er so tue, als korrigiere er „eine Fehlentwicklung von Jahrtausenden“.

06:00 14.05.2019
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