Er existiert, der freie Wille

Philosophie Die Idee von der Determiniertheit des Menschen wird in der künstlichen Intelligenz zum Kult. Ein Einspruch
Er existiert, der freie Wille

Illustration: der Freitag

In immer neuen Wellen erreicht uns die Nachricht, einen „freien Willen“ gebe es nicht. Alles, was wir Menschen tun, sei bis ins kleinste Detail vorab determiniert. Die Argumente wiederholen sich, treten aber jedes Mal als Neuigkeit auf, man kann das schon eine Sturmflut nennen. Dass sie ganz haltlos sind, soll hier gezeigt werden.

Das Erste, was auffällt, ist die immanente Unlogik des Determinismus. Wenn alles determiniert ist, sind dann nicht auch die Deterministen selbst zu ihrer Vorstellung, alles sei determiniert, gezwungen? Aber es gibt noch andere Vorstellungen, zum Beispiel die, dass Annahmen, die einigen oder allen Wissenschaftlern für wahr gelten, sich später als falsch erweisen können. Die Deterministen können diese Vorstellung selbst wieder nur für zwanghaft halten. Das entbindet sie aber nicht davon, ihr auch zustimmen zu müssen, wenn sie – aus freiem Willen oder nicht – als Wissenschaftler gelten wollen. Daraus folgt bereits, erstens: Der Determinismus muss einräumen, dass sich die Frage stellt, ob er nicht unwahr sein könnte. Und zweitens: Er kann zur Beantwortung der Frage gar nichts beitragen. Auch die Gegenthese, es gebe so etwas wie freien Willen, müssten Deterministen ja sowohl für determiniert halten als auch für etwas, über dessen Wahrheit oder Falschheit sie nicht entscheiden können.

Die Stütze, die die Deterministen in der allgemeinen Wissenschaftstheorie und -philosophie zu haben glauben, ist die „Kausalität“. Nichts ist ohne Grund. Das stimmt. Aber ist Kausalität Determinismus? Woher wollen sie das wissen – oder wodurch zu diesem angeblichen Wissen gezwungen sein? Da sie sich besonders in der angelsächsischen Welt hervortun, verweisen sie gern auf den schottischen Philosophen David Hume, der 1776 verstarb. Sein Kernsatz ist aber: „Da die Vernunft niemals die Vorstellung der Wirksamkeit ins Dasein rufen kann, so muss diese Vorstellung aus der Erfahrung stammen.“ Der „Wirksamkeit“, das heißt der Kausalität. Da stellt sich die Frage, wie wir Wirksamkeit erfahren. Nur so wie beim Billardspiel, dass eine Kugel die andere stößt und deren Richtung determiniert? Nein, wir erfahren sie fast immer ganz anders: im sozialen Austausch, übrigens sogar der Wissenschaftler untereinander, wenn Anrede und Erwiderung aufeinandertreffen. Unterliegt eine Erwiderung nicht der „Wirksamkeit“ der Anrede, auf die sie reagiert?

Kausalität ist Austausch

Nehmen wir den bezeichnenden Fall, dass Anrede und Erwiderung sich als Frage und Antwort äußern, so verlangt die Frage zwar keine bestimmte Antwort, schließt aber die meisten Erwiderungen aus. Frage ich jemanden nach der Uhrzeit, kann der zwar frei wählen, ob er mir hilft oder mich anlügt, darf aber nicht „25 Uhr“ antworten. Das ist Kausalität, wenn anders Kausalität etwas ist, wovon wir aus Erfahrung wissen. Es gibt die „Wirksamkeit“ der Billardkugel, aber auch die Auswirkung der Frage auf die Antwort, die „frei“ nur in den Grenzen eines „Raums“ ist, den die Frage setzt.

Selbst wenn ich einer Frage widerspreche, ist das der Fall. Denn dann überschreite ich zwar diese Grenzen, aber indem ich explizit oder implizit gegen sie argumentieren muss und auch so noch ihrer „Wirksamkeit“ unterliege. Frage ich an der Kasse, wann die Nachtvorstellung beginnt, und mir wird geantwortet: „Sie fällt heute aus“, dann widerspricht das zwar meiner Unterstellung, die mir fraglos erschienen war: Die Vorstellung würde stattfinden, ich wüsste nur nicht wann. Der Mensch an der Kasse konnte aber nur derart widersprechen, dass er meine Unterstellung zum Thema machte und sich auch so noch an meine Frage band.

Es gibt noch mehr kausal gesetzte Grenzen der Freiheit. Herrschende etwa, die Druck ausüben. Aber das ändert nichts.

Wenn wir von Hume reden, müssen wir auch Immanuel Kant (1724 – 1804) zu Wort kommen lassen. Er behauptete gegen Hume, die Kausalität liege aller Erfahrung voraus. Auch diese Behauptung wirkt sich auf unsere Debatte nicht aus, denn auch wenn wir erfahrungsunabhängig zum kausalen Denken gezwungen sein sollten, weil das unsere Natur wäre, ist immer noch zu klären: Mit welchem Argument will man bestreiten, dass es (mindestens) diese zwei Arten von Kausalität gibt, die der Billardkugeln und die des sozialen Austauschs?

Hiergegen wird nun aber, als scheinbar stärkste Waffe, das Argument der Neurologen ausgespielt: Ich mag mir einbilden, es sei meine freie Entscheidung gewesen, einen Passanten, der nach einer Straße fragte, in die falsche Richtung geschickt zu haben, aber das sei Illusion. Beweis: Experimente zeigten immer wieder, dass die Entscheidung, die mir als mein freier Wille bewusst wird, in Wahrheit schon vorher im Gehirn gefallen ist. Aber dieses „Argument“ zeigt doch eher, dass solche Forscher nicht zwei und zwei zusammenzählen können, sobald sie ihr Spezialgebiet verlassen. Denn erstens, auch wenn die Entscheidung im Gehirn früher fiele, fiele sie nicht immer noch in MEINEM Gehirn? Ob ich die Entscheidung nun meinem Bewusstsein oder meinem Gehirn zuschreibe, was ändert das, wenn es um die Frage ihrer Freiheit geht (die wie gesagt Grenzen hat und insofern kausal bedingt ist)?

Zweitens aber, es stimmt gar nicht. Ich schreibe zum Beispiel diesen Satz und stelle gar nicht in Abrede, dass er in meinem Gehirn entstand, noch bevor er mir bewusst wurde. Aber dann wurde er ja bewusst, ich sah ihn vor mir auf dem Bildschirm, und was sah ich – dass ich „und stelle nicht nicht in Abrede“ geschrieben habe, wo ich doch „und stelle gar nicht“ schreiben wollte. Wohlgemerkt, ICH wollte das schreiben – und setze es auch durch, indem ich den Fehler korrigiere. Was ist nun dieses ICH? Der fehlerhafte Gehirnimpuls oder das Bewusstsein, das den Fehler bemerkt, dem Gehirn rückmeldet und die Korrektur veranlasst? Offenbar doch beides im Zusammenwirken. Das Bewusstsein scheint sogar den Primat zu haben, denn es entsteht der Eindruck, als seien die Ganglien leicht überfordert von der Schnelligkeit des bewussten Denkens. Der Fehler der Wortwiederholung ist nur ein Beispiel, aber so verbreitet, dass seine Anzeige schon automatisiert ist in den digitalen Korrekturprogrammen.

Der Mensch, kein Algorithmus

Kommt nicht alles, was in meinem Gehirn aktiv werden kann, vom sozialen Austausch – von der Mutter, den Kameraden, der Schule, den Büchern und so weiter, und immer auch meiner Reaktion darauf? Gewiss hat alles, was ich bewusst entscheide, zunächst dem Gehirn vorgelegen. Aber alles, was vom Gehirn aus sendet, hat vorher das Bewusstsein durchquert.

Und nun erhebt sich die Frage, warum neurologische Experimente so angelegt sind, dass das alles nicht in den Blick kommt. Ich habe von einem Experiment gelesen, wo der Proband aufgefordert wurde, zu einer verabredeten Zeit seine Hände zu falten. Ds tat er; triumphierend wurde dann mitgeteilt, die entsprechende Gehirnaktivität sei aber schon 300 Millisekunden vor der bewussten Entscheidung erkennbar gewesen. Das ist, als hätte man den Probanden aufgefordert, drei mal drei zu rechnen. Da geht nichts schief, der Determinismus erhält seine Scheinbestätigung!

Der Determinismus ist argumentationsschwach und trotzdem laut – wie kommt das? Ich sehe einen allgemeinen und einen speziellen Grund. Erstens: die Hegemonie des Kapitals. Dieses hat die Naturwissenschaft in Dienst genommen, ist dadurch aber selbst zu so etwas wie der praktischen Bewegung der Naturwissenschaft geworden. Viele Naturwissenschaftler glauben seit je, so etwas wie Möglichkeit gebe es gar nicht, nur Notwendigkeit. Das können sie halten, wie sie wollen – oder angeblich müssen –, aber man sollte sie daran hindern, unsere Gesellschaft zu beherrschen. Sie tun es ja schon zum Teil, denn viele hängen dem Irrglauben an, es gebe eine Art Selbstlauf technischer Entwicklung, die uns vorschreibt, was wir zu kaufen und wie wir unser Leben einzurichten haben.

Zweitens, die fortschreitende Entwicklung der Maschinen, denen man „künstliche Intelligenz“ zuschreibt. Als Werkzeug und Ersparung von Tätigkeit höchst nützlich, gehen sie zugleich mit einer gefährlichen Ideologie schwanger. Man kann es in den Büchern Yuval Hararis lesen, der ja nicht gerade ein Außenseiter ist: Sind nicht fast alle Menschen, fragt er, in ihrem Denken so algorithmisiert wie jene Maschinen? Dass es auch „kreative“ Menschen gibt, räumt er ein, aber es sind doch nur wenige.

Manche US-Professoren gehen viel weiter als Harari, indem sie schlussfolgern, dass man dann doch die Menschheit durch eine Maschinenpopulation ersetzen könnte und sollte. Diese Professoren halten das für ein Gebot der Evolution. André Gorz hat sein letztes Buch darüber geschrieben. Aber wenn es – vorerst – nur so weit kommt, dass den Menschen eine Maschinenlogik bereits zugeschrieben wird, ist das schon schlimm genug.

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06:00 23.11.2021

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